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Roman-Debüt : Kleine Seitenhiebe auf die Taunusgesellschaft

  • -Aktualisiert am

Debütantin: Claudia Siedenbiedel. Bild: Wolfgang Eilmes

Julia Simons Roman „Traumtörtchen“ ist nicht nur süß. Die Autorin wirft auch einen genauen Blick auf den Taunus und seine Bewohner.

          Es geht um Kuchen, sehr viel Kuchen. Um die Wonnen des Backens und „Sahneschnitten“, auch im übertragenen Sinn. Eine Frau, Mitte 30, erfüllt sich ihren Lebenstraum, steigt aus der Karriere als Unternehmensberaterin aus und eröffnet eine Patisserie im Örtchen Kronstein. Dabei muss sie sich zwischen zwei Männern entscheiden, um ihren Babywunsch zu erfüllen. Darum geht es im Roman „Traumtörtchen“ von Julia Simon. So weit, so genregerecht. Sehr süß, sehr vorhersehbar, natürlich mit Happy End. So kann man dieses Buch lesen, wenn man das Genre grundsätzlich nicht mag. Oder man kann sich darauf einlassen, die mehr als 300 Seiten wirklich lesen – und die Autorin treffen. Claudia Siedenbiedel heißt sie, doch das erschien der Marketingabteilung ihres Verlages wenig markttauglich, deshalb das Pseudonym. Sie ist in Berlin aufgewachsen, hat dort Germanistik studiert, wohnt mit Mann und Tochter seit 16 Jahren in Kronberg. „Ich fühle mich hier sehr wohl, sonst würde ich hier nicht leben“, sagt sie so pragmatisch, wie sie offensichtlich an viele Dinge herangeht.

          Ihr Erstlingswerk hat sie vorwiegend abends am Esstisch der Familie geschrieben, „statt Fernsehen“, denn sie arbeitet tagsüber ganz normal im Marketing einer Unternehmensberatung und kümmert sich um die Tochter im Grundschulalter. Zwei Jahre hat sie für das Buch gebraucht, etliche Urlaubstage nehmen müssen, „immer dann, wenn eine Deadline bevorstand“. Das Unternehmen „Erfolgreich- Autorin-Werden“ hat sie so professionell aufgebaut, wie man das in ihrer Branche erwartet. „Drei Romane hatte ich in der Schublade, ich wollte einmal schreiben wie Christa Wolf“, sagt sie lachend. In Klagenfurt um Anerkennung der Literaturkritik ringen, diese Germanisten-Ambition hat sie schnell abgelegt. „Davon habe ich nur schlechte Laune bekommen.“ Schreiben zur Entspannung vom Alltag, weg von schwierigen und komplexen Texten, denen sie sich täglich bei der Arbeit widmet, das wurde ihr neues Programm. Etwas Leichtes also.

          Genauer Blick auf ewig junge Taunusmuttis

          Dass sich auf „leicht“ schnell „seicht“ reimen lässt, stört sie nicht. Sie betrachtet auch das Genre professionell, hat einen Intensiv-Kurs von Verlagsfachleuten zum Thema „Romanentwicklung“ besucht, einen zentralen Konflikt für ihr Buch entwickelt (Baby oder Liebe?), das Ganze mit Törtchen, der neuen Lust am Backen und viel Lokalkolorit aus Kronberg und Königstein garniert. Sie hat die Literaturagentin („Ohne die geht so etwas gar nicht!“) der derzeit erfolgreichsten deutschen Unterhaltungs-Autorin Kerstin Gier verpflichtet und mit dieser Zielstrebigkeit sofort drei verschiedene Verlage gefunden. Personen und Handlung in „Traumtörtchen“ sind frei erfunden, darauf legt die mit dem einem Wirtschaftsredakteur dieser Zeitung verheiratete Autorin großen Wert. Trotzdem werden Taunusbewohner manches wiedererkennen: Nina Hanussek, mit ihren kleinen Patisserien in Kronberg (die nach Ostern schließt) und Oberursel stand Modell, samstags verkauft sie ihre Kreationen an einem pinkfarbenen Stand auf dem Kronberger Wochenmarkt. „Ihr verdanke ich auch das Rezept für die Möhren-Walnuss-Torte“, sagt Siedenbiedel.

          Das und andere Rezepte aus dem Familienfundus sind im Anhang des Buches abgedruckt. Hungrig sollte man es deshalb nicht lesen: Nicht nur bei den Beschreibungen der kunstvollen Backwerke läuft der Leserin das Wasser im Mund zusammen. Zudem besuchen die Protagonisten regelmäßig die örtliche Spitzengastronomie, so das Schlosshotel Kronberg oder ein feines italienisches Restaurant, in dem sich auch in der Realität Tout-Königstein gern ein Stelldichein gibt. Das Wohlgefühl des Lesers beim Wiedererkennen des eigenen Lebensumfeldes hat ja bereits Nele Neuhaus in ihren Taunus-Krimis zum Erfolg geführt. Claudia Siedenbiedel schöpft dieses Potential ebenfalls ab. Freuen kann man sich aber auch an dem sehr genauen Blick, den die Autorin auf die ganz besondere Gesellschaft im Taunus wirft. „Das ist schon speziell“, sagt sie diplomatisch über die hohe Millionärsdichte. Und natürlich sind bei aller Fiktionalität auch einige ihrer eigenen Erfahrungen eingeflossen. Etwa wenn sie den Wettkampf um den originellsten Bio-Kuchen für den Kindergarten-Bastelnachmittag beschreibt. Oder die Zuckerphobie ewig schlanker, ewig junger Taunusmuttis im Designerkleid. Die Back-Show des Hessischen Rundfunks, die im Roman vorkommt, ist auf jeden Fall frei erfunden. „Schade“, sagt Claudia Siedenbiedel. Sie würde dafür ihre Fernsehabstinenz aufgeben. Obwohl sie schon Ideen für zwei weitere Romane hat.

          Julia Simon, „Traumtörtchen“, Lyx-Verlag, Köln 2017, 10 Euro

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