https://www.faz.net/-gzg-vacm

Jugenstilbad Darmstadt : Immer wieder helfen Spenden ein Stück weiter

Der Kunstschmied Schorsch Wolf mit dem Rahmen der neuen Lampen, die im Jugendstilbad leuchten Bild: Cornelia Sick

Für ihr Jugendstilbad machen Darmstädter Bürger gerne den einen oder anderen Euro locker: Die Turmhaube wird von der Familie Merck bezahlt, der Altstadtverein gibt 15.000 Euro für Jugendstillampen, 130 spenden insgesamt 30.000 Euro für denselben Zweck.

          3 Min.

          Nikolaus Heiss kann sich über seine Darmstädter nicht beklagen. Als Ende vergangenen Jahres klar war, dass die 18 Millionen Euro für den Umbau des alten Zentralbades zum modernen Jugendstilbad nicht ausreichen würden, um auch die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Turmhaube zu rekonstruieren, riefen Darmstadts Denkmalpfleger und Stadtrat Klaus Feuchtinger (Die Grünen) kurzerhand eine Spendenaktion ins Leben. Es dauert nicht lange, da meldete sich die Unternehmerfamilie Merck und stellte 100.000 Euro zur Verfügung.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Leider fehlte Heiss im Frühjahr immer noch Geld für jene Jugendstillampen, die das Zentralbad bis zur schlimmen Brandnacht 1944 erleuchtet hatten. „Restaurierte Räume mit modernen Lampen, das kann nicht sein“, sagte sich Darmstadts Denkmalschützer. Und was tat er? Richtig, er startete eine Spendenkampagne. Und auch sie war, wie sich jetzt zeigt, sehr ergiebig: Rund 130 Bürger griffen in die Tasche und brachten knapp 30.000 Euro auf. Isolde Nees erhöhte diese Summe im Namen des Altstadtvereins um weitere 15.000 Euro. „Die Erinnerung an die im Krieg zerstörte Altstadt ist unser wichtigstes Vereinsziel“, sagte die Vereinsvorsitzende zur Begründung.

          Mit den 45.000 Euro ist, wie Heiss versichert, nun eine adäquate Beleuchtung den neuen Bades garantiert. Nach Stand der Dinge werden von dem Otzberger Kunstschmied Schorsch Wolf insgesamt 80 Leuchten nach historischem Vorbild rekonstruiert, darunter größere Kronleuchter, vier Ring- und insgesamt 58 Deckenleuchten. Ein Exemplar, das Wolf nach alten Fotoaufnahmen bereits angefertigt hat, war bei der Spendenübergabe auf der Schwimmbad-Baustelle zu besichtigen: ein rund 40 Kilogramm schwerer, aus Stahl gefertigter Ausleger für die sogenannten Behrensleuchten.

          Städtische Badeanlage 1909 eröffnet

          Peter Behrens, ursprünglich zum Maler ausgebildet, mutierte in Darmstadt zum Architekten und baute sich als Mitglied der Künstlerkolonie 1901 das bis heute erhaltende Behrens-Haus auf der Mathildenhöhe. Später machte er als Mitglied im künstlerischen Beirat der AEG auch als Industriedesigner Karriere. Kein Wunder also, dass von ihm Lampenentwürfe stammen. Der geometrisch strukturierte Stahlausleger allerdings, so vermutet Wolf, ist nicht von ihm: „Das ist nicht unbedingt Jugendstil, sondern eine eher strenge Gestaltung. Wahrscheinlich stammt der Entwurf von Buxbaum.“ Sollte es tatsächlich so sein, würde die Originalität des Bades dadurch aber keineswegs geschmälert, denn August Buxbaum war der Architekt der 1909 eröffneten städtischen Badeanlage.

          Die Mitglieder des Altstadtvereins haben sich gestern auf der Baustelle davon überzeugen können, dass Lampen und den vielen anderen feinen Details der Raumgestaltung eine enorme Bedeutung für Darmstadts neues Jugendstilbad zukommt. Zwar musste Heiss immer wieder zum Hilfsmittel alter Fotos greifen, um zu verdeutlichen, wie es in den Anfangsjahren um 1900 ausgesehen hat. Zwischen den Gerüsten, Abdeckplanen und den gelagerten Baumaterialien haben die 70 Handwerker und acht Restauratoren allerdings schon erste Flächen nach altem Muster rekonstruiert.

          Im Vestibül beispielsweise wurde der untere Teil der Säulen mit Stucco lustro verziert, einer dunklen Marmorimitation aus Kalkmörtel. Die obere Hälfte bekommt in den nächsten Wochen ein kräftiges Orange. Auch im Blauen Salon, der Vorhalle zum Herrenbad, deutet sich die bunte Zukunft schon an. Der Raum, das zeigen Farbmuster, wird ultramarin gestrichen, abgesetzt mit orange und braunen Ornamenten. „Das wird vermutlich die extremste Farbwirkung im ganzen Bad sein, mit der größten Nähe zum Hochzeitsturm und dem Großherzogszimmer“, sagt Heiss.

          Reihenweise Farben-Fragen

          Überhaupt Farbe: Welches Rot bekommen die hölzernen Umkleidekabinen im ersten Stock der Männerhalle, welches Blau die im Parterre? In welcher Farbintensität werden die Motive aus der Wasserwelt in den alten Badekabinen nachgemalt? Wie sollen die Restauratoren die reich verzierte Decke im Kassenraum rekonstruieren? Fragen über Fragen, die Heiss zu beantworten hat: „Das Jugendstilbad ist meine größte Baustelle, mit ihr beschäftige ich mich fast jeden Tag.“

          Immerhin, die mächtige Gewölbedecke über dem Männerbecken erstrahlt bereits in neuem Goldocker und mit Graffito- Stuckfries, und die umlaufende Balustrade hat ein zartes Hellblau bekommen. Die Außenfassade des Gebäudes ist ebenfalls zur Hälfte getüncht, und die beiden Putten des Bildhauers Heinrich Jost in dem Sandsteinrelief an der Eingangspforte sind gereinigt. Die Kandelaber von Albin Müller stehen am Eingang für die Eröffnung bereit, sicherheitshalber aber noch verschalt.

          Ein neuer Eröffungstermin steht aus

          Eigentlich sollte die festliche Eröffnung des Jugendstilbades am 27. September stattfinden. „Der Termin war aber nicht zu halten“, sagt Martina Preisher vom Eigenbetrieb Bäder. „Wir haben derzeit noch keinen neuen Eröffnungstermin festgelegt, wollen aber auf jeden Fall vor Weihnachten fertig werden.“ Da die Aquapark Management GmbH als Betreiber die Eintrittspreise bekanntgegeben hat, ist Darmstadts neues Weihnachtsvergnügen zumindest schon zu kalkulieren: Der Einzelpreis für Erwachsene beträgt bei zwei Stunden Badezeit fünf Euro (Kinder 3,50 Euro), bei vier Stunden sieben Euro (5), die Tageskarte neun Euro (7). Wer den Wellnessbereich mit besuchen möchte, bezahlt 7,50 (5,50) für zwei Stunden oder 12 Euro (9) für die Tageskarte. Der Besuch des gesamten Wellnessbades mit „großer Saunawelt“ kostet für Erwachsene wie Kinder elf Euro (zwei Stunden), 13,50 Euro (vier Stunden) und 16 Euro (den ganzen Tag).

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          737-Max-Flugzeuge von Boeing stehen auf einem Gelände des Unternehmens in Seattle.

          Krise um 737 Max : Immer mehr schlechte Nachrichten für Boeing

          Es steht nicht gut, um den Flugzeugbauer Boeing: Der politische Druck rund um die Ermittlungen zu den beiden Abstürzen der 737-Max-Maschinen wird immer größer – und nun verliert das Unternehmen auch an der Börse immer mehr an Wert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.