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Alte Weine : Jugendlich nach einem Jahrhundert im Keller

Der 100 Jahre alte „Rauenthaler Wieshell Riesling Trockenbeeren-Auslese“ und ein Wein von Chateau Mouton Rothschild Bild: Schulz, Samira

Schmeckt der noch, oder kann der weg? Im Rheingau wird ein 100 Jahre alter Riesling für eine Weinraritätenprobe entkorkt. Dafür lohnt sich eine kleine Reise in die Vergangenheit.

          3 Min.

          Es ist die am besten bestückte Schatzkammer eines deutschen Weinguts, und mindestens einmal im Jahr greift Dieter Greiner tief in ihre Fächer. Dann stehen das Rheingau Gourmet und Wein Festival und die traditionelle Weinversteigerung im Kloster Eberbach bevor. Und der Geschäftsführer der Hessischen Staatsweingüter weiß um die Chance, dabei für deutschen Riesling und Spätburgunder zu trommeln.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Kloster Eberbach verfügt über ein Weinarchiv, das seinesgleichen sucht. Im gut gesicherten „Nassauer Keller“ des 1136 gegründeten Weinklosters lagert als älteste Flasche der Staatsweingüter ein „Hochheimer“ von 1706. Seit 1890 ist nahezu jeder Jahrgang vertreten. Über die Gesamtzahl der Schatzkammerflaschen schweigt Greiner diskret. Aber jedes Jahr wandern rund 1000 der besten Flaschen des aktuellen Jahrgangs neu in das aufwendig zu pflegende Weingedächtnis der Region. Alle 30 bis 40 Jahre müssen die Flaschen neu verkorkt werden, um Schaden vom Wein abzuwenden.

          Die in im Millionenwert schwer zu taxierende Schatzkammer ist dafür prädestiniert, die Lagerfähigkeit und das Reifepotential deutschen Weins zu belegen. Eine 100 Jahre alte „Rauenthaler Wieshell Riesling Trockenbeerenauslese“ hatte Greiner für das „Weltraritätendinner“ des Weinfestivals ausgewählt. 1920 war nicht nur weinbaulich, sondern auch politisch ein bemerkenswertes Jahr. Mit einem Generalstreik wurde der Kapp-Putsch gegen die deutsche Reichsregierung niedergeschlagen. Und im fernen Indien machte erstmals ein Unabhängigkeitskämpfer namens Mahatma Gandhi von sich reden, während die deutschen Landwirte andere Nöte hatten: Die Maul- und Klauenseuche grassierte. Zwölf Millionen Tiere erkrankten. Aber die Winzer jubelten. Ähnlich wie 2018 wurde für damalige Verhältnisse „sehr viel und sehr gut“ geerntet. 1920 gilt als großartiger Jahrgang. Auf einen warmen Frühling und eine gute Witterung während der Blüte im Juni war ein warmer und trockener Sommer gefolgt. Und zur Krönung gab es einen goldenen Oktober mit mehr als 180 Sonnenstunden, der den Winzern ein Lächeln ins Gesicht zauberte.

          Florian Richter entkorkt alte Schätze für die Weinverkostung.

          Die „Goldenen Zwanziger“ brachen nach dem Ersten Weltkrieg für die deutschen Winzer dennoch nicht an, zumal die meisten Anbaugebiete unter französischer Besatzung standen. 1923 wurde der legendäre Eberbacher Domänendirektor Rudolf Gareis sogar von den Franzosen abgesetzt und ausgewiesen. Er kehrte erst im Herbst 1924 zurück. Die Glanzzeiten wie noch vor dem Ersten Weltkrieg, als die besten Rheingauer Weine das Mehrfache dessen kosteten, was im Weinhandel oder in noblen Restaurants wie in „Auerbachs Keller“ in Leipzig für Spitzengewächse aus Bordeaux und Burgund gezahlt wurde, waren damals schon vorbei. Zumal der 1920er der preußischen Domäne – wie damals üblich – nach der Ernte noch fünf oder mehr Jahre im Fass reifte, ehe er in die Flasche gefüllt wurde. Wann genau, lässt sich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Der heutige „Jugendwahn“ beim Riesling war den damaligen Weinkonsumenten jedenfalls fremd.

          Heute müssen sich Weinhändler oder Weinkellner die irritierende Frage gefallen lassen, ob „man den überhaupt noch trinken kann“, wenn einmal ein Weißwein empfohlen wird, der fünf Jahre oder älter ist. Und im Rheingau fragen die Kunden schon jetzt ungeduldig nach dem Jahrgang 2019.

          Anders beim Rotwein, dem das Bedürfnis nach Reifezeit eher zugebilligt wird. Greiner öffnete zum Weltraritätendinner im Hattenheimer Kronenschlösschen auch einen bernsteinfarbenen 1945er Assmannshäuser Höllenberg Spätburgunder, der mit seiner Frische und Eleganz, seinen Aromen von Zedernholz, Tabak, Cassis, Himbeere, Veilchen und Räucherspeck den fünf Jahrgängen 2006, 1995, 1986, 1976 und 1966 des ungleich teureren Kultweinguts „Château Mouton Rothschild“ sogar die Schau stahl. An diesem Samstag versteigern die Staatsweingüter eine Flasche dieses herausragenden Spätburgunders für einen guten Zweck. Greiner hofft auf einen Erlös, der irgendwo zwischen 3000 und 8000 Euro liegt.

          Wein für 28.750 Dollar

          Zum Vergleich: Der 1945er von Mouton Rothschild, der den Schriftzug „1945, Jahr des Sieges“ trägt, wurde mehrfach zu Rekordpreisen versteigert. Im Jahr 2006 beispielsweise als damals teuerste Flasche Wein der Welt im Auktionshaus Christie’s für 28.750 Dollar. Kein Wunder: „Dieser Luxuswein gehört zu den Preziosen hedonistischer Weinkenner und teilt seinen Ausnahme- und Kultstatus mit wenigen anderen Bordelaiser Weinen“, heißt es im Internetlexikon Wikipedia. Für den Bordeaux-Experten Jan-Erik Paulson, der den Rheingauer Raritätenabend moderierte, ist das „der größte Wein der Welt“.

          Dabei war Mouton Rothschild erst 1973 auf Veranlassung des damaligen Landwirtschaftsministers Jacques Chirac in die höchste Kategorie „Premier Cru“ der Bordeaux-Erzeuger nachgerückt. Es ist die einzige Korrektur der Weingüter-Klassifizierung von 1855. Aktuell noch verfügbare, deutlich jüngere Jahrgänge von Mouton Rothschild werden im Handel für 500 bis 1500 Euro gehandelt. Ein rotes „Großes Gewächs“ der Hessischen Staatsweingüter aus dem Assmannshäuser Höllenberg hingegen ist für 60 bis 70 Euro zu bestellen. So haben sich die Zeiten geändert.

          Danach wurde endlich der 1920er entkorkt. Die Weinfreunde schmeckten Aromen von reifen Rosinen, getrockneter Feige, gebranntem Karamell, Blutorange, Dörrobst und grünem Tee heraus, aber auch ein wenig Sternanis, Fenchel und dezent rauchige Noten. Dazu eine markante, belebende Säure, wie sie dem Riesling zu eigen ist und die den 100 Jahre alten Wein nach Ansicht von Greiner noch über viele Jahre vor dem Tod in der Flasche bewahren wird. Ganz ähnlich lesen sich übrigens die Verkostungsnotizen für einen 1920er Johannisberger, der am Samstag im Kloster versteigert wird. Auch wenn die Zeiten internationaler Höchstpreise für deutsche Weine absehbar nicht so schnell zurückkehren werden, so wird sich zeigen, was eine 100 Jahre alte Flasche heute betuchten Weinfreunden wert ist.

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