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Jugendherbergen : Mit Lagerfeuer oder Businesslounge

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Eine klassische Jugendherberge: Das Haus in Gersfeld lockt seine Gäste mit offener Feuerstelle Bild: F.A.Z. - Wonge Bergmann

Für Tagungs- und Tagesreisende: Einige hessische Jugendherbergen entdecken neue anspruchsvolle Gäste. Andere setzen auf Bewährtes - und überzeugen dennoch.

          Immerhin werden die Reisenden gewarnt. Ja, ein Bett sei noch frei, sagt der Mitarbeiter der Gersfelder Jugendherberge. „Aber auf dem Gang schräg gegenüber ist eine Gruppe pubertierender Jugendlicher untergebracht.“ Um 23 Uhr, so verspricht er, sei Nachtruhe, da werde es bestimmt leiser. Manche Dinge ändern sich wohl nie: Der Standard in den Häusern des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) mag dem von Hotels immer näher kommen. Auf einen ruhigen Schlaf kann sich der Gast deshalb kaum verlassen – weder in Gersfeld, wo eine Nacht so günstig ist wie nirgends sonst in Hessen, noch in Bad Homburg, der teuersten Herberge im Land.

          In dem kleinen holzverkleideten Speiseraum im Erdgeschoss der Gersfelder Herberge duftet es nach frisch aufgegossenem Früchtetee und Körnerbrot. Der Geruch erinnert an frühe Klassenfahrten, an lange Nächte auf durchgelegenen Hochbett-Matratzen, an Zeiten, in denen es noch aufregend war, so viel Cola zu trinken, wie man wollte. Schließlich bekamen es die Eltern nicht mit. Wahrscheinlich empfinden auch die vielleicht 30 Jungen und Mädchen, die an breiten Tischen sitzen und deren hohe Stimmen durch den Raum schallen, dieses zarte Gefühl der Freiheit. Es ist Abendessenszeit in Gersfeld, und die Kinder aus Weilburg, die an einer Handballfreizeit teilnehmen, sind hungrig.

          Die Herberge der Zukunft

          „Das ist noch eine ganz klassische Jugendherberge“, sagt ein Betreuer der Mannschaft. In der Tat ist das verwinkelte Haus am Waldrand mit seinen steilen Treppen, dem Verschlag am Eingang, einer Mischung aus Rezeption und Kiosk, und den von Plastikblumen umrankten Porzellanfiguren an der Vordertür angenehm aus der Zeit gefallen. Wo andere Hostels mit Wireless-LAN und Beamern die Kunden locken, stehen hier das „Spiel der 100 Fragen“ und eine „mobile Discoanlage“ zur Unterhaltung der Gäste bereit. Einigermaßen in der Tradition der Jugendherbergen ist der Preis: 17,50 Euro kostet eine Nacht mit Frühstück.

          Knapp 130 Kilometer weiter westlich, in Bad Homburg, zahlt der Gast 6,50 Euro mehr für die Unterkunft. 24 Euro je Nacht – das ist Rekord unter den 34 Häusern, die der DJH-Landesverband betreibt. Ein großes Foyer verbirgt sich im Innern des unscheinbaren grasbewachsenen Gebäudes, nahe dem idyllischen Schlosspark. Der lange chromverkleidete Empfangstresen ziert die eine Seite der ausladenden Lobby, das gerahmte Zertifikat am Rand bescheinigt „Level II Management Qualität“. Hinten stehen Tisch- und Stuhlgruppen im Caféstil, drapiert zwischen allerlei Grünpflanzen in schweren Töpfen. Wer dort Platz nimmt, blickt auf die Terrasse und den liebevoll gepflegten Garten mit Liegewiese. Es dominieren, leicht verwaschen, die DJH-Farben: Blau, Gelb und Grün.

          Das, so scheint es, ist die Optik der Herbergszukunft. Weiter soll es sein, heller, glatter: mehr Metall, weniger Holz. In Bad Homburg, eine kurze S-Bahn-Fahrt von Frankfurt entfernt, ist das womöglich ein überzeugendes Konzept. Denn in dieser Atmosphäre fühlen sich sowohl Tagungsreisende im Anzug als auch ferienreife Kleinfamilien mit hohem Anspruch und begrenztem Budget wohl. So sitzen Vertreter beider Gruppen an den Frühstückstischen des ausladenden Speisesaals mit der großen Glasfassade.

          Die Schulferien sind vorüber, Jugendgruppen abgereist. Vielleicht war es deshalb eine so ruhige Nacht, alleine in einem Vierbettzimmer, mit Blick auf die massigen Türme der nahe gelegenen Erlöserkirche, Dusche und Toilette en suite. Kein Geschrei, keine scheppernde Rapmusik aus den Handys gelangweilter Teenager, kein Trinkgelage: Nur die Bremsgeräusche eines Busses, der am späten Abend vor dem Hostel hielt und eine Gruppe Freikirchler entlud, durchbrachen die Stille. Die Damen und Herren okkupierten gleich nach der Ankunft, mit Laptops unter dem Arm, einen der neun Konferenzräume im Erdgeschoss.

          Nähe zur Natur

          Für einen Augenblick wurde die Eingangshalle zur Businesslounge. Kaum denkbar, dass es die englischsprachigen Glaubensschwestern und -brüder an den östlichen Rand Hessens, mitten in die ländliche Rhön, verschlagen könnte. Knapp 6000 Menschen leben in dem Kurstädtchen Gersfeld. Die Luft ist klar, nur die emporsteigenden Gülledämpfe der umliegenden Felder mischen sich in manche Brise. „Hier können Sie noch mit der guten alten D-Mark zahlen“, verspricht das Gasthaus im Ortskern. Die Fulda, an dieser Stelle noch ein Bächlein, plätschert vor sich hin, entlang der niedrigen Fachwerkhäuser.

          Nach dem Abendessen sitzen die Betreuer von Vereinen und Ferienlagern vor der leicht erhöht liegenden Herberge, trinken ein Bier aus der Flasche und schauen auf den Ort zu ihren Füßen, während die Schützlinge hinten, umrahmt von Bäumen, Tischtennis spielen. Die sanitären Anlagen des Hauses liegen am Gang, die Wände sind weder mit Flachbildschirmen noch mit bunten Pop-Art-Drucken geschmückt. All das würde hier ebenso wenig passen wie ein hoher Preis.

          Wer nach Gersfeld kommt, will keinen Trubel, sondern sucht die Nähe zur Natur, Erholung mit bescheidenem, doch zuverlässigem Komfort. Die Besucher schätzen es, dass Fußballplatz und Schwimmbad nahe beieinander liegen, Fahrrad- und Wanderwege direkt hinter dem Haus beginnen oder dass am Lagerfeuer gegrillt wird. Es ist eine Herberge für Tages-, nicht für Tagungsreisende. Und wenn die jungen Gäste im Bett sind, ist auch hier nichts zu hören außer dem hölzernen Knacken im Dachstuhl und dem leisen Sirren der Mücken.

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