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Drei Städte, ein Gedenken : Zum Weltkulturerbe dank jüdischem Erbe

Nicht vergessen: Das drücken die kleinen Steine aus, die von Angehörigen auf den Grabstein gelegt werden. Bild: Marcus Kaufhold

Wegen seiner einstigen Bedeutung für europäische Juden will Mainz gemeinsam mit Worms und Speyer zum Weltkulturerbe werden. Viele geschichtsträchtige Orte liegen noch im Verborgenen.

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          Sie sind nicht leicht zu finden, aber es gibt sie: Orte, die bis heute daran erinnern, dass die einst auch Magenza genannte Stadt Mainz im Mittelalter ein bedeutendes Zentrum jüdischen Lebens war. Doch im Gegensatz zu der vor zehn Jahren eröffneten, neuen und sehenswerten Synagoge, die nach den Plänen des Kölner Architekten Manuel Herz verwirklicht wurde, liegen viele andere stadthistorisch bedeutsame Plätze und Gebäude oder das, was von ihnen übrig geblieben ist, eher im Verborgenen.

          Markus Schug

          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Nurmehr eine Tafel verweist etwa an der Parcusstraße auf das Geburtshaus der am 19. November 1900 geborenen Netty Reiling, die ihre weltbekannten Bücher wie „Das siebte Kreuz“ als Schriftstellerin später unter dem Namen Anna Seghers veröffentlichte. Zwei Jahre vor ihrem Tod wurde die für ein antifaschistisches Deutschland kämpfende Ost-Berlinerin 1981 – nach kontroverser Diskussion – zur Ehrenbürgerin ihrer Heimatstadt ernannt. Mehr über die Reilings erfährt man in der überarbeiteten und neu herausgegebenen Broschüre „Magenza. 1000 Jahre jüdisches Leben am Rhein“.

          Jüdische Friedhöfe und Kunstwerke

          Erstmals aufgenommen ist darin auch die weithin für ihre Chagall-Fenster bekannte Kirche St. Stephan, für die der in Russland geborene und die längste Zeit seines Lebens in Frankreich wirkende Marc Chagall bis ins Alter von 98 Jahren ein „als Zeichen der christlich-jüdischen Versöhnung und Verbundenheit“ gedachtes Gesamtkunstwerk geschaffen hat: weshalb der 1985 verstorbene Künstler, der die Stadt nie selbst besuchte, ebenfalls Mainzer Ehrenbürger wurde.

          Von Stadtbaumeister Eduard Kreyßig geschaffen: Trauerhalle im maurischen Stil.
          Von Stadtbaumeister Eduard Kreyßig geschaffen: Trauerhalle im maurischen Stil. : Bild: Marcus Kaufhold

          Nicht zuletzt gibt es neben dem im 19. Jahrhundert von Stadtbaumeister Eduard Kreyßig geschaffenen neuen jüdischen Friedhof an der Unteren Zahlbacher Straße, zu dem eine im maurischen Stil errichtete Trauerhalle gehört, noch eine nur als Denkmalfriedhof genutzte Fläche zwischen Judensand und Mombacher Straße. Dort sind Grab- und Gedenksteine zu sehen, die zum Teil vor fast 1000 Jahren aufgestellt wurden: darunter jener des seinerzeit hochangesehenen Gelehrten Gerschom ben Yehuda, der maßgeblich daran beteiligt war, dass Mainz, Worms und Speyer im Mittelalter zu den religiösen und kulturellen Zentren des aschkenasischen Judentums gehörten, Talmudschulen unterhielten und bei Rechtsstreitigkeiten oftmals das letzte Wort hatten.

          Gemeinsame Bewerbung der Schum-Städte

          An ihre einstige Bedeutung für die nord-, ost- und mitteleuropäischen Juden wollen die drei Schum-Städte Speyer, Worms und Mainz mit einer gemeinsamen Weltkulturerbe-Bewerbung erinnern, über die von der Unesco wohl im Sommer 2021 entschieden werden dürfte.

          Wissen war nie wertvoller

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          Das Akronym „Schum“ steht dabei für die drei Anfangsbuchstaben der im Mittelalter gebräuchlichen hebräischen Städtenamen Schpira, Warmaisa und Magenza. Alle drei Kommunen verweisen in ihrem gemeinsamen Bewerbungsschreiben unter anderem auf jüdische Ritualbauten, wie die um 1104 eingeweihte Synagoge und die Monumentalmikwe in Speyer, aber auch auf den jüdischen Friedhof „Heiliger Sand“ in Worms sowie auf den Mainzer Denkmalfriedhof, der passend dazu neu geordnet und fortan deutlich besser präsentiert werden soll.

          Aktuell mussten wegen der Corona-Pandemie allerdings einige der für die Jüdischen Kulturtage 2020 geplanten Veranstaltungen – so eine Führung auf dem alten Mainzer Friedhof und eine Lesung über „Warmaisa“ – abgesagt werden. Das Programm soll möglichst nachgeholt werde. Nur im kleinsten Kreis ist am Montag mit einer Kranzniederlegung der Opfer der Pogromnacht gedacht worden.

          Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD), die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mainz Anna Kischner und Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky kamen dafür kurz auf dem Synagogenplatz zusammen: also dort, wo in der Nacht auf den 10. November 1938 auch in Mainz die Hauptsynagoge geplündert und in Brand gesetzt worden war.

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