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Jüdischer Friedhof : Eine fast vergessene Grabstätte

Aus der Vergessenheit: Der Heimatforscher Thomas Schwab hat eine Veröffentlichung zum alten jüdischen Friedhof in Bad Nauheim erarbeitet. Bild: Wolfgang Eilmes

Auf dem alten jüdischen Friedhof in Bad Nauheim sind nur noch wenige Gräber erhalten. Ein Heimatforscher ruft die Toten wieder ins Gedächtnis zurück.

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          Es ist ein unscheinbarer Ort, der im Vorbeigehen allenfalls durch Bäume und Sträucher zwischen Häuserzeilen hindurch ins Auge fällt. Erst beim Blick über die Mauer zeigt sich, um was für ein Anwesen es sich handelt: Mehrere Reihen von Grabsteinen finden sich auf dem kaum mehr als 500 Quadratmeter großen Areal an einer Hauptstraße am südlichen Stadtrand, manche ziemlich verwittert, so dass die Inschriften kaum noch zu erkennen sind, andere in besserem Zustand. Wer näher hinsieht, entdeckt auf den Grabmalen neben Angaben zu den Verstorbenen auf Deutsch eine Vielzahl hebräischer Inschriften. Es handelt sich um den alten jüdischen Friedhof in Bad Nauheim, der bis Anfang des 20. Jahrhunderts genutzt wurde.

          Wolfram Ahlers

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Die Begräbnisstätte wieder bekannter zu machen und die Begrabenen wieder ins Gedächtnis zu rufen, hatte sich der Heimatforscher Thomas Schwab zur Aufgabe gemacht. Entstanden ist daraus eine Publikation, die, soweit sich das noch rekonstruieren ließ, alle Gräber in Bild und Text dokumentiert, dem jeweils kurze Biographien der Verstorbenen angefügt sind.

          300 Opfer aus der Anonymität holen

          Es war nicht das erste Mal, dass Schwab sich mit ehemaligen jüdischen Mitbürgern Bad Nauheim befasste. Vor allem mit seinen Recherchen zum neuen Mahnmal für die Opfer des Holocausts hatte der pensionierte Mediziner und Hobby-Historiker dazu beigetragen, dass sich fast 300 Opfer ermitteln ließen, die mit der Gedenkstätte am Kurpark aus der Anonymität geholt wurden. Nun ging es Schwab darum, sich mit Eltern und Großeltern der Holocaustopfer zu befassen, wie er sagt. Sie haben zu einer Zeit gelebt, als das jüdische Leben in der Stadt Aufschwung bekam. Was einherging mit dem Aufstieg der Stadt zu einem prosperierenden Kurort. Damals gehörten auch jüdische Mediziner und Hoteliers zur Mitte der Gesellschaft, viele Juden auch aus dem Ausland kamen zur Kur nach Bad Nauheim, für die es sogar eigene Einrichtungen gab. Die jüdische Gemeinde zählte alsbald zu den größeren der Region, was sie im Übrigen auch heute wieder ist.

          Voller Geschichte: der alte jüdische Friedhof in Bad Nauheim
          Voller Geschichte: der alte jüdische Friedhof in Bad Nauheim : Bild: Wolfgang Eilmes

          Das „verborgene Kleinod“, wie Schwab den alten jüdischen Friedhof nennt, sozusagen zu inventarisieren entpuppte sich als aufwendiges Unterfangen, obwohl es sich nur um wenige Dutzend Grabstätten handelte. Über den Friedhof selbst fand Schwab nach seinen Worten nichts Schriftliches vor. Und somit auch nichts über die dort Bestatteten.

          Übersetzung der Inschriften war besonders schwierig

          Also forschte er in Sterberegistern, weitere Unterlagen fanden sich im Staatsarchiv, wieder andere Eintragungen hatte das Stadtarchiv aufbewahrt. Woraus sich zumindest Kurzbiographien rekonstruieren ließen. Als besonders schwierig erwies sich die Beschäftigung mit den Inschriften. Denn das in die Grabsteine gemeißelte Hebräisch entspricht häufig nicht mehr dem aktuellen, wie Schwab erläutert. Mit der Folge, dass zunächst alle, die er fragte, die Inschriften nur teilweise lesen und übersetzen konnten. Schließlich fand Schwab in dem Neu-Isenburger Pfarrer Lothar Tetzner einen Fachmann, der die Übersetzungen besorgte, die in der Publikation neben den Originaltexten zu finden sind. So gelang es Schwab am Ende, 50 Gräber zu beschreiben.

          Das älteste ist von 1866, das jüngste von 1901, also kurz bevor ein größerer jüdischer Friedhof auf dem Gelände neben dem christlichen Friedhof wenige hundert Meter weiter am Ortsausgang angelegt wurde. Bis 1939 gab es dort rund 250 jüdische Grabstätten, heute sind es wieder knapp 350. Der alte jüdische Friedhof hatte aber auch einen Vorgänger.

          Er befand sich in einem Waldstück am Johannisberg und wurde erstmals 1683 in den Stadtrechnungen erwähnt. Heute sind dort noch zwei Grabsteine vorhanden, der eine unversehrt, der andere als Fragment. Vier jüdische Grabsteine sind zudem auf dem Friedhof in Steinfurth erhalten geblieben, der älteste von 1858, der jüngste wurde 1920 gesetzt. Dort bestand bis um die Wende zum 20. Jahrhundert eine kleine jüdische Gemeinde.

          Die Dokumentation „Der alte jüdische Friedhof in Bad Nauheim“, herausgegeben vom Magistrat der Stadt Bad Nauheim, ist in Buchhandlungen in Bad Nauheim und Friedberg für 16 Euro zu erhalten.

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