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: Jüdische Gemeinde gründet sich in Hanau neu

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          3 Min.

          In Hanau gibt es wieder eine jüdische Gemeinde. Die rund 250 Mitglieder schlossen sich nach den Worten von Alfred Jacoby, Vorstandsmitglied des Landesverbands der jüdischen Gemeinden in Hessen, am Sonntag unter dem Vorsitz von Raya Griese zusammen. Die überwiegend aus dem Gebiet der früheren Sowjetunion stammenden Frauen, Männer und Kinder aus Hanau und Umgebung waren bisher Angehörige der jüdischen Gemeinden in Frankfurt und Offenbach.

          Ein Offenbacher Rabbiner, der schon in den vergangenen Jahren die jüdischen Religionsangehörigen aus Hanau mitbetreut hatte, wird weiterhin für sie zuständig sein. Vor der Presse lobte Jacoby am Montag die Aufgeschlossenheit der Stadt Hanau: "Wir sind mit offenen Armen empfangen worden", sagte er auch mit Blick auf die für Sonntag vorgesehene Eröffnung der ersten Nachkriegssynagoge in Hanau. Eingerichtet wurde sie im rundum sanierten Anwesen an der Wilhemstraße 11, nur wenige Gehminuten vom Standort der von den Nationalsozialisten zerstörten einstigen Synagoge in der Nordstraße entfernt.

          Das im 19. Jahrhundert erbaute Haus diente lange Zeit als Empfangsgebäude der Zahnradfabrik Schwan, wurde dann ei

          nige Jahre von der Hanauer Lokalredaktion der "Frankfurter Rundschau" genutzt und stand danach mehrere Jahre leer. Die Stadt Hanau mietet die im Besitz der "Baugesellschaft Hanau" befindlichen Räumlichkeiten im Erdgeschoß und stellt sie der neuen jüdischen Gemeinde unentgeltlich zur Verfügung.

          In den Umbau unter der Regie des von Jacoby geleiteten Frankfurter Architekturbüros Jacoby investierte die Stadt 400000 Euro. Weitere 75000 Euro für spezielle Sicherheitsmaßnahmen, die Jacoby im Detail nicht erläutern wollte, steuerte das Land Hessen bei. Im Obergeschoß des Hauses sind zwei Wohnungen an Gewerbetreibende vermietet.

          Das Gemeindezentrum bietet auf rund 150 Quadratmetern und einem mit Zedernholz ausgekleideten 60 Quadratmeter großen Innenhof Raum für Gottesdienste, religiöse Feiern und kulturelle Veranstaltungen, die laut Jacoby jedermann offenstehen. Die Gottesdienste werden jeweils freitags und samstags sowie an den jüdischen Feiertagen vom Landesverband organisiert. Er ist auch zuständig für den - je nach Zahl der Kinder - ein- bis zweimal in der Woche stattfindenden Religionsunterricht, der den regulären Religionsunterricht der jüdischen Kinder in der Schule ersetzt. Das kulturelle Angebot wird von der Gemeinde selbst gestaltet.

          Jacoby hat nach eigenen Angaben bisher zehn Synagogen in Deutschland errichtet. Den politischen Willen der Stadt Hanau, eine jüdische Gemeinde wiederzubegründen, wertete er als "außergewöhnlich". Viele Kommunen hätten mit einer solchen Maßnahme Mühe, oftmals nicht zuletzt aus finanziellen Motiven.

          Für die Stadt Hanau wäre es undenkbar gewesen, aus Haushaltsgründen eine Unterstützung abzulehnen, meinte Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD). Er erinnerte an das gewaltsame Ende der Hanauer jüdischen Gemeinde, die vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten ungefähr 600 Mitglieder zählte. Am 30. Mai und 5. September 1942 seien die letzten Angehörigen dieser Gemeinde vom Gleis 9 des Hanauer Hauptbahnhofs in Zügen zu den Sammellagern nach Kassel abtransportiert worden. Von dort sei es dann weiter in die Vernichtungslager gegangen.

          Wie berichtet, plant die Stadt seit langem eine Gedenkstätte im Hauptbahnhof. Ohne auf die kontroverse Diskussion im Kultur-, Schul- und Sportausschuß einzugehen, wo noch immer keine Einigung über die Erinnerungsmodelle des Arbeitskreises Christen-Juden und des Hanauer Geschichtsvereins zustande gekommen ist, kündigte Kaminsky Entschlüsse der Stadt dazu an.

          Auch mit der Einrichtung der Synagoge übernehme die Stadt historische Verantwortung, indem sie ein bewußtes Zeichen setze. Daß noch keine Normalität eingekehrt sei, zeige sich beispielsweise an den hohen Sicherheitsvorkehrungen.

          Die Wiederbegründung der Gemeinde stehe in der Tradition der mehr als 400 Jahre alten Geschichte der "Judenstättigkeit" in Hanau, die 1603 von Graf Philipp Ludwig II. begründet worden sei. Der Graf habe damit politische Weitsicht bewiesen und Toleranz gezeigt. Aber auch wirtschaftliche Interessen seien damit verfolgt worden. So werde Hanau auch jetzt von der jüdischen Gemeinde profitieren, und zwar in kultureller wie in wirtschaftlicher Sicht. Hanau beweise damit Weltoffenheit und Toleranz, wichtige Standortfaktoren, die unter anderem die Wirtschaft der Stadt stärkten. Der 17. April 2005 werde somit zu einem bedeutenden Datum in der Geschichte Hanaus, das durchaus vergleichbar sei mit der von Graf Philipp Ludwig II. einst verkündeten "Judenstättigkeit".

          Die Gründung der jüdischen Gemeinde Hanau und die Eröffnung der Synagoge wird am Sonntag im Congress Park Hanau mit rund 300 geladenen Gästen mit einem Festakt gewürdigt. Ausrichter sind die Stadt Hanau und der Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hessen. Er wird am Sonntag vertreten vom Vorsitzenden Moritz Neumann. lu.

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