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Janine Wissler : Star der Linken ohne Starallüren

  • -Aktualisiert am

Charmant und knallhart: Janine Wissler, Spitzenfrau der Linken in Hessen Bild: Wolfgang Eilmes

Die Spitzenkandidatin der Linkspartei in Hessen strahlt Charme aus. Gleichzeitig ist Janine Wissler knallhart in ihren Positionen.

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          Sie ist das strahlende Gesicht der Linken in Hessen. Eine frische, aufgeweckte, schlagfertige Frau. Obgleich die mittlerweile 37 Jahre alte Janine Wissler noch immer knallhart links steht, wirkt sie nicht ideologisch verbiestert wie so viele ihrer Genossen. Ihr Charme überdeckt ihre Radikalität.

          Weil Persönlichkeiten ihrer Art dünn gesät sind in der Linkspartei, ist sie dort schnell aufgestiegen: 2007 wurde Wissler, die über die „Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit“ zur Linken gestoßen war, Mitglied des Bundesvorstandes und des hessischen Landesvorstands. Ein Jahr später wurde sie zur eigenen Überraschung Abgeordnete, nachdem ihre Partei es mit 5,1 Prozent unerwarteterweise in den Landtag geschafft hatte. Seither ist sie aus dem Hohen Hause in Wiesbaden als leidenschaftliche Rednerin nicht mehr wegzudenken.

          „Hätten wir doch eine wie die Wissler“

          Nun steht sie als Spitzenkandidatin der Linken in der ersten Reihe der Landespolitiker. Nach manchem gelungenen Schlagabtausch mit Politikern anderer Parteien wird im Lager ihrer Gegner getuschelt: „Hätten wir doch eine wie die Wissler.“ Auch in ihrer eigenen Partei ist sie ein Star – allerdings ohne Starallüren. Neulich trat sie gemeinsam mit der Parteivorsitzenden Katja Kipping und der Fraktionschefin im Bundestag, Sahra Wagenknecht, bei einer Wahlveranstaltung mit einigen hundert Besuchern im Bürgerhaus im Frankfurter Stadtteil Bornheim auf. Von den drei prominenten Damen traf Wissler am meisten Herz und Gefühl der Zuhörer.

          Wissler : Was muss sich in Hessen ändern?

          Nun, da laut neuester Umfrage auch eine Koalition von SPD, Linken und Grünen in Hessen möglich wäre, stellt sich die Frage, ob und unter welchen Bedingungen die Linke mit Wissler als Fraktionschefin zu einem solchen Bündnis bereit wäre. Grundsätzlich ablehnend steht die Spitzenkandidatin einer solchen Verbindung nicht gegenüber. Schon 2008 bei den Sondierungsgesprächen der SPD-Chefin Andrea Ypsilanti mit der Linken zählte Wissler zu jenen in ihrer Partei, die lieber mitregiert hätten, als Oppositionspolitik zu machen. Und auch jetzt will sie Rot-Rot-Grün nicht ausschließen.

          „Die schöne Kommunistin“

          Doch niemand sollte glauben, dass Wissler der Macht wegen wichtige Positionen der Linkspartei für ein Linsengericht aufgeben würde. Bei allem Charme kann die Spitzenkandidatin in der Sache unerbittlich bis dogmatisch sein. Neulich wurde sie im Interview gefragt, wie weit für sie Inklusion im hessischen Schulsystem gehen dürfe. Alle Schüler müssten in normale Klassen aufgenommen werden, antwortete sie. Ob es nicht Ausnahmen geben müsse, fragte die Reporterin nach. Nein, wies Wissler jeden Zweifel zurück, es handele sich um ein Menschenrecht, das in keiner Weise verletzt werden dürfe.

          „Die schöne Kommunistin“ wird Wissler zuweilen von politischen Gegnern ironisch genannt. Manches, was sie und ihre Partei verlangen, erinnert tatsächlich ein wenig an den Kommunismus, wie er einst in der DDR praktiziert wurde. Zum Beispiel der Nulltarif im Nahverkehr, den sie fordern. Alle sollen unentgeltlich mit Bussen und Bahnen fahren dürfen. Bezahlt werden solle das Ganze aus dem Steuertopf, erklärt Wissler nonchalant.

          Über die WASG zu den Linken

          Was die Linkenpolitikerin in Rage bringen kann, ist das Bestreiten von Armut. Wenn jemand sagt, jeder in diesem Land bekomme doch Sozialhilfe, völlig schlecht könne es ihm also nicht gehen, platzt ihr der Kragen. Es sei nicht hinnehmbar, dass in einer der reichsten Volkswirtschaften der Welt jedes sechste Kind in Armut lebe und dass Menschen so wenig verdienten, dass sie nicht von ihrer Arbeit existieren könnten, lautet ihr Credo.

          Soziales Mitgefühl und politisches Bewusstsein hat Wissler im Elternhaus in Dreieich eingesogen. Mit acht Jahren war sie schon in der KZ-Gedenkstätte Dachau, mit 14 Jahren auf ihrer ersten Demonstration – gegen die französischen Atomtests. Seit sie 16 ist, engagiert sie sich gegen Krieg, Sozialabbau und Nazismus. 2001 wurde sie bei der globalisierungskritischen Organisation Attac aktiv, 2004 trat sie in die Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) ein, die sich drei Jahre später mit der PDS zur Partei Die Linke vereinigte. Ihr ganzes erwachsenes Leben bestand aus Politik. Außer drei Jahren als Fachverkäuferin in einem Baumarkt nach ihrem Politikstudium hat sie keine normale Berufskarriere vorzuweisen.

          Mitglied im Alpenverein und SGE-Fan

          Über ihr privates Leben schweigt sich Wissler eher aus. Als Frankfurterin ist sie natürlich Eintracht-Fan, doch bei ihr geht die Begeisterung für die Adler sogar so weit, dass sie dem Eintracht-Fan-Club des Landtags angehört. Dann ist Wissler noch Mitglied des Deutschen Alpenvereins. Ist das ihre Form der Kultivierung eines zünftigen Heimatgefühls? Nein, Wissler wandert einfach gerne in den Alpen: von Hütte zu Hütte mit dem Rucksack auf dem Rücken.

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