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Workshop zum Nichtstun : Nichts tun mit Papa Langstrumpf

Arbeit mal anders: Zu Gitarrenklängen eines Workshopteilnehmers gibt ein Referent am Flipchart Tipps zu sozialen Medien. Bild: Lukas Kreibig

Jan Philip Johl bringt gestressten Managern auf seinem Hof in Offenbach bei, wie sie effektiv nichts tun können. Um sich zu entspannen, zahlen Workaholics einen stolzen Preis.

          Es gibt zwei Wege zum „Paradies und das“, wie Jan Philip Johl seinen Garten nennt. Der eine führt über eine kleine Straße durch ein breites Tor, auf dem „Liebe“ steht. Dort könnte sogar ein Auto hindurchfahren. Der andere ist ein Pfad zwischen Gestrüpp und Bäumen. Jeder, der zum „Paradies und das“ kommt, wird von Johl über den zweiten Weg geführt, kämpft sich durch Büsche und duckt sich unter tiefen Ästen hindurch. Alles andere wäre zu einfach.

          Wer in den Garten gefunden hat, kann Kaffee trinken, sich in die Hängematte legen oder sich fortbilden. Denn er bietet auch Workshops an – zum Beispiel zum „Nixtun“. Johls Zielsetzung: „Mehr Nixtun, mehr spielen, weniger arbeiten, mehr verdienen.“

          Kein Schnäppchen: „Auf Reset gesetzt werden.“

          Er glaubt, dass „zufriedene und freie Köpfe“ effektiver sind. „Wer entspannt ist, kann besser arbeiten“, sagt er. Und entspannen könnten sich Vielbeschäftigte am besten, wenn sie einmal nichts täten. Wer neben dem anstrengenden Beruf auch in der Freizeit ein Hochleistungsprogramm absolviere, brenne schnell aus.

          Um ein Wochenende lang „auf Reset gesetzt zu werden“, zahlen Kunden etwa 2000 Euro. Dafür werden sie in Achtsamkeit geschult und lernen, sich zu entspannen, um eigene Potentiale zu nutzen. Sie bauen Hütten und Baumhäuser, liegen im Garten, bekommen eine Shiatsu-Massage oder besuchen eine Vorlesung. Referent Andreas Wiedow spricht etwa über soziale Medien und erklärt, wie man sie nutzen kann. Auch eine Psychologin ist dabei, und veganes Essen gibt es obendrein.

          Der Garten: Reich der Entspannung

          Johls Lebensgefährtin Patricia Schellenberger unterstützt die Geschäftsidee. Die beiden sind seit etwa zehn Jahren ein Paar und führen auch den „Glück ist jetzt“- Laden im Frankfurter Ostend. Im „Paradies und das“ finden die Workshops statt, der Garten wird aber auch für Veranstaltungen vermietet.

          An diesem Tag treffen sich einige Referenten im Garten, um sich auszutauschen und auch gegenseitig zu beraten. Ein paar Zimmermänner, die Johl am Vorabend in seinem Laden in Frankfurt kennengelernt hat, gesellen sich dazu. Sie sollen prüfen, ob in die Bäume im Garten neue Häuser gebaut werden können. Dazwischen wuseln Kinder herum, von Johl und Schellenberger und von Referenten.

          Johl gab das erfolgreiche Familienunternehmen auf

          Warum kommen Menschen in den Garten nach Offenbach-Bürgel, statt sich zu Hause zu erholen? Schellenberger erklärt es so: „Um zu entspannen, brauchen wir ein spezielles Umfeld. Zu Hause funktioniert das nicht: Da fängt man an, den Kühlschrank auszuwischen.“ Um wirklich loszulassen, gibt es weiche Sitzkissen, selbstgebaute Glashütten aus alten Fenstern und Hängematten. Es ist ein Ort wie aus einem Kindertraum: Und Johl ist als „Papa Langstrumpf“, wie ihn Patricia Schellenberger nennt, mittendrin. Egal ob beim Klettern, Musizieren oder Lagerfeuer machen, der Einundfünfzigjährige hat überall seine Finger im Spiel.

          Johl sagt, er habe alles gehabt: ein dickes Auto, Geld, ein respektables Unternehmen – doch er vermisse nichts davon. Seine Familie hatte in Offenbach die Lederwarenfirma Seeger, die große Gewinne abwarf, und fuhr einen Rolls-Royce. Johl junior studierte in London Management und arbeitete in dem Unternehmen Firma mit. 1992 verkaufte die Familie an Mont Blanc, und Johl entschied sich, selbständiger Glücksprofi zu werden. 2001 machte er seinen Laden auf, in dem es Konzerte, „Glücksblumen“ und Getränke gibt. Dort lernte er auch Patricia Schellenberger kennen. Gemeinsam gestalteten sie schließlich das Gartengrundstück in Offenbach nach ihren Ideen. Auch heute liegt dort noch die Familienchronik der Seegers aus. Wenn Johl zeigt, wie sich dort Theodor Heuss verewigte, wirkt er ein bisschen stolz. Aber er hat ein neues Kapitel aufgeschlagen.

          Endlich mal einfach nichts tun

          Die Referenten, die auf dem Hof arbeiten, sind oft selbst Aussteiger. Oder Umsteiger wie Andreas Wiedow. Eigentlich ist er Jurist, arbeitete dann im Kommunikationsmarketing und berät jetzt Firmen und Privatpersonen zu sozialen Netzwerken. Oder Fabian Krüger: Der junge Mann produziert bequeme Kleidung für den Feierabend unter dem Label „Get Lazy“. Bis 2015 war er Ingenieur in der Automobilbranche, dann stieg er aus. „Ich habe mich danach gesehnt, meine Probleme aufzuräumen“, sagt er. Anfangs habe er die Idee mit den „Nixtun“-Workshops für Unsinn gehalten, gibt er zu. „Wer geht denn irgendwo hin, wo er nichts tut?“ Als er die Atmosphäre auf dem Hof kennenlernte, änderte sich seine Einstellung: Dort könne er produktiv sein, sagt Krüger. Zusammen mit Johl versucht er jetzt, immer dickere Fische an Land zu ziehen. Die ersten namhaften Firmen hätten sich schon zu Workshops angemeldet.

          Auch wenn mancher Johl für einen Hippie halten mag – der Mann hat Geschäftssinn. Viele seien an seinem Garten interessiert, aber er hat noch andere Standbeine wie den Frankfurter Laden und einen Online-Taschenverkauf. Vom Glücks-Business kann er leben. Drogen gibt es im „Paradies und das“ nicht, auf dem Areal sind sogar Alkohol und Zigaretten verboten. „Das verwässert die Gespräche“, sagt Schellenberger. Schließlich sollen die Leute, die zum Workshop kommen, nicht nur dem Alltag entfliehen, sondern etwas über sich lernen. Strategien entwickeln, wie sie glücklich und effizient arbeiten können. Und endlich einmal die Chance haben, überhaupt nichts zu tun.

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