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Jagdschloss Kranichstein : Warum die Eidechse überlebt hat

Nicht die Bremer Stadtmusikanten: Dreidimensionales Schaubild mit Jagdfasan, Bisamratte, Waschbär, Damhirsch Bild: Michael Kretzer

Von Zugezogenen und Einheimischen und einer Sonntags-Expedition für die ganze Familie: Im Jagdschloss Kranichstein wird ein Museum für biologische Vielfalt eröffnet.

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          Landgraf Georg I. hätte mit dem Zoll von heute wohl keinen Ärger bekommen. Als er im 16. Jahrhundert von einer Brunnenkur aus Langenschwalbach zurückkehrte, hatte er als Mitbringsel nur Sauerbrunnenwasser dabei. Bei Ernst Ludwig sah es schon etwas anders aus. Der Prinz brachte im 18. Jahrhundert von einer seiner Reisen eine große Muschelsammlung mit und Großherzog Ludwig III. aus Nizza sogar Kakteen vom dortigen Pflanzenmarkt. Außerdem liebten fast alle Landgrafen von Hessen-Darmstadt die Jagd, weshalb sie Damhirsch, Waschbär, Bisamratte und Fasan rund um ihr Jagdschloss in Kranichstein heimisch machten. Und weil für die Hetzjagden Schneisen praktisch waren und die Ästhetik des Barock nach einer Allee verlangte, wurde von den Herren auf Kranichstein auch die Kastanie angesiedelt. Die machte sich gut neben der eingeführten Numidischen Tanne und lieferte auch noch Futter für das Wild.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Biologische Invasion

          Niemand muss das wissen, der durch die Schlossanlage in dem Darmstädter Stadtteil spazieren gehen will, das Spiel der Prachtlibellen am Backhausteich beobachten, eine Waldeidechse sehen. Wer sich im Schlosspark an den exotischen Bäumen erfreuen will, braucht ihre Geschichte nicht zu kennen.

          Aber jeder kann von heute an lernen, wie über die Jahrhunderte diese südhessische Kulturlandschaft entstanden ist, die es nicht gäbe, wenn es in der Natur nicht zuginge wie in der menschlichen Gesellschaft. Ständig kommen Neubürger ins Land, was der Fachmann bei Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen biologische Invasion nennt, und sorgen für jene Vielfalt, die unseren Lebensraum charakterisiert. In Mitteleuropa sind etwa 1500 nichteinheimische Tierarten registriert gegenüber 60.000 Einheimischen.

          In Darmstadt gehört dazu auch die Waldeidechse. „Und die“, sagt Onno Faller, „konnte im Kranichsteiner Buchenwald nur überleben, weil es durch die Jagdschneisen und Alleen heller und wärmer geworden ist.“ Faller ist Museumspädagogin und Kuratorin des „Bioversums Kranichstein“, wie das Museum für biologische Vielfalt heißt, das Am Sonntag im Zeughaus des Jagdschlosses eröffnet wird. Rund eine Million Euro hat die Stiftung Hessischer Jägerhof mit Hilfe von Sponsoren in die Sanierung und den Ausbau des schmalen Barockhauses investiert, in dessen Erdgeschoss sich auf 500 Quadratmetern die Präsentation erstreckt: Links geht es um das Tier- und Pflanzenleben im Wald, rechts um den Einfluss der Zivilisation auf die Natur.

          Neugierig auf Abenteuerreise gehen

          Biodiversität und Artenvielfalt – hübsch langweilig, könnte da Papa, der Nichtbiologe, denken, weil er sich an den ausgestopften Fasan und den Waschbären erinnert, dem er einst im Biologieunterricht begegnet ist. Aber damit läge er falsch, obwohl der Waschbär und der Fasan auch im Bioversum vorkommen. Aber dort ist alles anders, denn Faller hat die Welt mit Hilfe der Ausstellungsmacher von „Exposition“ aus Frankfurt auf den Kopf gestellt. Man könnte auch sagen, sie denkt einfach so, wie Kinder denken, und leitet dazu an, wie Kinder zu handeln - also neugierig auf Abenteuerreise zu gehen.

          Willi, die Museumsmaus zum Beispiel, die gleich am Anfang des Bioversums wartet, verrät ihre Familiengeheimnisse nur, wenn man an einem großen Schwungrad dreht und damit ihr Familienleben in Bewegung bringt. Auch wer sich für Robin, den Wurm, interessiert, muss beweglich sein, denn er lebt in einem Wurmloch. In das kann man hineinkrabbeln und mit ihm ins Gespräch kommen, denn Robin ist ein freundlicher Wurm, der sogar Herrn Springschwanz (eine Art Käfer) mit einem „guten Morgen“ grüßt („Du brauchst dich aber nicht zu wundern, Herr Springschwanz grüßt nie zurück“).

          Wenn die Kalkulation von Faller und der Geschäftsführerin der Stiftung Hessischer Jägerhof, Monika Kessler, aufgeht und tatsächlich 15.000 Besucher im Jahr das Museum besuchen, wird es im Bioversum wohl so lebhaft zugehen wie in Robins Komposthaufen. Denn die vielen Spiel- und Hörstationen des Museums sind alle interaktiv. „Veranschaulichung“, sagt Kessler dazu, „ist unser oberstes Gebot.“

          Beim „Stimmenbaukasten“ fangen Nachtigall, Singdrossel oder die Waldohreule auf Fingerdruck zu singen an, und wer am acht Meter langen Diorama, das den Kranichsteiner Wald hinter Glas zeigt, auf die Knöpfe am Boden drückt, kann das Eichhörnchen schimpfen lassen oder in der Schlafkammer des Maulwurfs ein helles Licht einschalten.

          Winterdüfte im Wald

          Auch die Landgrafen werden im Bioversum gewürdigt. Ihre Reisekisten mit den schönen Mitbringseln stehen neben dem Koffer des fiktiven zeitgenössischen Herrn Andreas Meier-Schulze, der die Zollkontrolle am Frankfurter Flughafen nicht so ohne weiteres passieren konnte, weil er Stiefel aus Schlangenleder, ein getrocknetes Seepferdchen, Kobra-Schnaps für den Opa und ein Potenzpflaster aus Tigerkrallen einführen wollte. Auch das ist eine Art biologische Invasion – und keine selten praktizierte, wie der Blick in die Asservatenkammer des Bioversums zeigt.

          Weil Faller sich so gut in die Welt der Kinder hineinversetzen kann, ist ihr Zeughaus-Museum als Ausgangspunkt für weitere Exkursion durch Kranichsteins Schlossanlage konzipiert. Was es da in diesem Herbst und Winter mit ihr und ihren Mitarbeitern zu entdecken gibt, zeigen die Stichworte für das „Besucherlabor“, das jeden Sonntag angeboten wird: „Tiere bereiten sich auf den Winter vor“ zum Beispiel oder „Immer der Nase nach – Winterdüfte im Wald“.

          Der Eintritt kostet drei Euro. Das gesamte Programm findet sich im Internet unter www.bioversum-kranichstein.de

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