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Interview : "Wir brauchen sehr viel Dampf"

240 Lastwagen müssen täglich an- und abfahren, um die Müllverbrennungs-Anlage in Höchst zu füttern Bild: infraserv

Der Höchster Industrieparkbetreiber Infraserv will eine Ersatzbrennstoff-Anlage bauen und darin Gewerbemüll verbrennen. „Abfall bietet sich als idealer Brennstoff an, wenn man von Gas, Öl oder Steinkohle unabhängig werden will“, sagt Geschäftsführer Mohr.

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          Der Höchster Industrieparkbetreiber Infraserv will eine Ersatzbrennstoff-Anlage bauen und darin Gewerbemüll verbrennen. „Abfall bietet sich als idealer Brennstoff an, wenn man von Gas, Öl oder Steinkohle unabhängig werden will“, sagt Geschäftsführer Roland Mohr im folgenden Interview der Rhein-Main-Zeitung.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Infraserv will im Industriepark Höchst eine Müllverbrennungsanlage bauen, eine der größten in Deutschland. Wie kommen Sie darauf, Abfall zu verbrennen?

          Der Industriepark Höchst hat sich in den vergangenen Jahren extrem gut entwickelt, und wir müssen unseren Kunden neben Strom vor allem sehr große Mengen Dampf bereitstellen. Den müssen wir am Standort erzeugen, denn Dampf ist nicht über weite Strecken ohne Verluste transportierbar. Insbesondere produzierende Chemieunternehmen sind auf Strom und Dampf zu international wettbewerbsfähigen Preisen angewiesen. Und Abfall bietet sich als idealer Brennstoff an, wenn man von Gas, Öl oder Steinkohle unabhängig werden will.

          „Auslastung der Anlage auf zehn bis 15 Jahre gesichert”: Infraserv-geschäftsführer Roland Mohr
          „Auslastung der Anlage auf zehn bis 15 Jahre gesichert”: Infraserv-geschäftsführer Roland Mohr : Bild: Infraserv

          Sie könnten auch Öl oder Gas nehmen, wären die Preise attraktiver?

          Da kommen verschiedene Komponenten zusammen: Zum einen ist sicherlich die Marktentwicklung bei Gas, Steinkohle und Erdöl zu betrachten. Zum anderen gilt aber auch seit dem 1. Juni 2005 die Technische Anleitung Siedlungsabfall, die das Deponieren der Abfälle verbietet und neben der stofflichen eine thermische Verwertung, also die Verbrennung, vorschreibt. Mit anderen Worten: Es werden Verbrennungsanlagen gebraucht, um diese gesetzliche Vorgabe umzusetzen. Wir wollen die von der Bundesregierung beschlossene und vom Bundesumweltministerium ausdrücklich als ökologisch sinnvoll bezeichnete Nutzung von Ersatzbrennstoffen umsetzen.

          Was wollen Sie verbrennen?

          Ersatzbrennstoffe. Das sind die trockenen, sortierten, aufbereiteten und besonders heizwertreichen Bestandteile von Haus- und Gewerbeabfall.

          Woher kommt der?

          Der kommt im Wesentlichen von Entsorgern aus der Region, aus Hessen. Wir haben 14 Entsorger in Deutschland unter Vertrag, vier aus der Rhein-Main-Region, sechs aus Hessen. Die sammeln entweder Gewerbemüll oder entsprechende Hausmüllfraktionen, bereiten sie auf und stellen diese mit einem geeigneten Brennwert zur Verfügung.

          Die Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH, kurz FES, die die Anlage in der Nordweststadt betreibt, meint, die Anlage werde nicht gebraucht, schon gar nicht in der Größenordnung. Es gebe genug Verbrennungskapazitäten in der Region.

          Aus kommunal-abfallwirtschaftlicher Sicht ist die Aussage zutreffend: In der Region gibt es eine Andienungspflicht für Hausmüll. Mit der Rhein-Main-Abfall GmbH gibt es einen Entsorgungsverbund, der die Auslastung der Frankfurter Müllverbrennungsanlage in der Nordweststadt sicherstellt. Darüber hinaus werden aber in der Region und in Hessen - das bestätigt das Umweltministerium - thermische Abfallverwertungen, also Verbrennungsanlagen, insbesondere für Gewerbeabfälle, benötigt.

          Als die Stadt Frankfurt den Ausbau ihrer Anlage plante, sorgte sie sich, eines Tages mit einer riesigen Anlage dazustehen, ohne über genügend Müll zu verfügen. Haben Sie davor keine Angst?

          Nein.

          Sie haben langfristige Verträge?

          Wir haben die Auslastung der Anlage auf zehn bis 15 Jahre gesichert.

          Gegen die Anlage gibt es viel Widerstand, insbesondere von den Nachbarn, den westlichen Frankfurter Stadtteilen, von Kelsterbach und Hattersheim.

          Das ist nachvollziehbar. Das Thema Müllverbrennungsanlage - und es handelt sich von der Genehmigungsseite her um eine solche - ist sehr emotional besetzt. Und wir haben im direkten Umfeld - ich denke hier an Sindlingen - in den vergangenen Jahren immer wieder Beeinträchtigungen gehabt, zum Beispiel beim Geruch. Dies alles zusammen hat sicherlich die derzeitige Protesthaltung ausgelöst.

          Sie muten ja den Nachbarn auch jetzt so einiges gleichzeitig zu. Sie planen nicht nur die sogenannte Ersatzbrennstoffanlage, sie wollen die Kapazität der Klärschlammverbrennungsanlage erhöhen, bauen derzeit eine neue Biogasanlage.

          Das zeugt von der dynamischen Entwicklung des Industrieparks Höchst. 2,7 Milliarden Euro sind in den vergangenen sieben Jahren investiert worden, die Zahl der Beschäftigten ist von 17.000 auf mehr als 22.000 gestiegen. Als Standortbetreiber müssen wir für unsere Kunden die entsprechende Infrastruktur bereitstellen. Dazu gehört vor allen Dingen eine wettbewerbsfähige Ver- und Entsorgung.

          Die Gegner der Anlage schreckt das erwartete hohe Verkehrsaufkommen.

          Es wird etwa 240 Lastwagen mit 480 Lastwagen-Bewegungen am Tag geben. Das entspricht rund 20 Prozent des Lastwagen-Aufkommens im Industriepark. Und es entspricht in Relation zum gegenwärtigen Verkehrsaufkommen auf den Bundesstraßen im Süden des Industrieparks einem Anteil von weniger als einem Prozent. Die Anlieferung des Abfalls wird ausschließlich über Autobahnen und Schnellstraßen erfolgen, über ein separates, neues Tor. Es wird keine Ortsdurchfahrung geben, weder in Kelsterbach, Sindlingen, Höchst noch in anderen Wohngebieten.

          Zentraler Kritikpunkt ist auch die hohe Luftbelastung.

          Wir werden mit der besten verfügbaren Technik arbeiten, und die Anlage wird sämtliche Grenzwerte der 17. Bundesimmissionsschutz-Verordnung, die die strengsten Grenzwerte in Europa festschreibt, vollständig erfüllen oder im Betrieb sogar deutlich unterschreiten.

          Die Gegner kritisieren, dass die bereits vorhandene Belastung nicht berücksichtigt wird, es keine Gesamtbetrachtung gibt. Ist das so?

          Ja. In einem Ballungsraum wie dem Rhein-Main-Gebiet ist natürlich die Frage der Gesamtbelastung der Luft, sei es beim Stickoxid oder beim Feinstaub, ein wesentlicher Punkt. In einem Genehmigungsantrag wie dem unseren wird aber immer nur der Bezug zu der einen Anlage hergestellt. Es ist eine übergreifende Diskussion notwendig, und zwar unter allen Verursachern. Die Industrie hat hier ihre Hausaufgaben gemacht. Wesentlicher Träger der Emissionen sind heute der Verkehr, danach der Hausbrand, und dann folgt die Industrie. Wir stehen für eine solche Diskussion gern zur Verfügung.

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