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Interreligiöser Unterricht : Voneinander lernen statt übereinander reden

  • -Aktualisiert am

Austausch: Elftklässler der Offenbacher Theodor-Heuss-Schule diskutieren über ihre Weltanschauungen. Bild: Kaufhold, Marcus

Religionen können trotz aller Unterschiede Menschen zusammenführen, wie ein Projekt an der Offenbacher Theodor-Heuss-Schule lehrt. Die Stadt zeichnet es mit dem Integrationspreis aus.

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          Niklas, Sibela, Shadab und Natnael haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Niklas ist evangelisch, aber kein regelmäßiger Kirchgänger. Sibela ist Atheistin, Shadab Muslima, und Natnael gehört zur evangelikalen Pfingst-Bewegung. Trotzdem sitzen die Elftklässler gemeinsam im Religionsunterricht.

          Das ist kein Zufall, sondern Absicht. Wer von einer zehnten Klasse ins Berufliche Gymnasium des nach Theodor Heuss benannten Berufsschulzentrums in Offenbach wechselt, wird für den Religionsunterricht zunächst nicht nach Religion und Konfession getrennt. Das Projekt heißt „Verschiedenheit achten - Gemeinschaft stärken“. Die Stadt würdigt es in diesem Jahr mit dem Integrationspreis. Verliehen wird er am 2. April.

          Gute Resonanz bei den Schülern

          Seit 2006 gibt es dieses Angebot. Verantwortlich dafür sind die evangelische Pfarrerin Carolin Simon-Winter, die muslimische Theologin Gonca Aydin, der katholische Religionslehrer Burkhard Rosskothen und die Ethiklehrerin Pia Blume. Das als Projektunterricht konzipierte Fach soll den regulären Religions- beziehungsweise Ethikunterricht nicht ersetzen. In der zwölften Klasse teilen sich die Schüler wieder auf.

          Bei den Schülern stößt das Projekt auf gute Resonanz. Sibela findet, dass die Weltreligionen an ihrer alten Schule zu schnell durchgenommen worden sind. „Aber ich bin neugierig.“ Shadab war im Rahmen des Unterrichts zum ersten Mal in einer Synagoge, Niklas hat entdeckt: „Glaube ist mehr als nur Bibelgepauke.“ Und Natnael weiß seine Einsichten in die sozialen Dimensionen des Glaubens zu schätzen.

          Toleranz und Vielfalt im Unterricht

          Ihnen und ihren Mitschülern ist wichtig, dass sie mit Hilfe der anderen in der Klasse und nicht nur aus Büchern etwas über Glaubensüberzeugungen lernen. Zum Unterricht gehören Themen wie Vielfalt und Toleranz, das Miteinander von Religionen in der Geschichte am Beispiel Andalusiens und der Zusammenhang von Religion und Ethik. Außerdem berichten Schüler persönliche Erlebnisse; diese Einheit heißt „biographisches Lernen“. Wie Pfarrerin Simon-Winter schildert, umfasst das Curriculum Bestandteile des evangelischen und katholischen Religionsunterrichts sowie des Ethikunterrichts. Sie sagt, es gehe nicht um eine oberflächliche Harmonisierung, zur Sprache kämen auch Konflikte zwischen Religionen und innerhalb einer Religion. „Aber wir reden miteinander“, hebt Rosskothen hervor.

          „Und die Schüler lernen, sich sachlich zu äußern“, fügt Aydin hinzu. Außer an der Theodor-Heuss-Schule unterrichtet sie Religion an zwei Dietzenbacher Grundschulen. Außerdem ist sie für den hessischen Ditib-Verband, einen der beiden Kooperationspartner des Landes beim Islamischen Religionsunterricht, mit zuständig für die Lehrerlaubnis von Muslimen an Schulen. Den Unterricht gestalten meist zwei der vier Fachlehrer, in unterschiedlicher Zusammensetzung. Wenn es vom Curriculum her sinnvoll ist, sind Simon-Winter, Rosskothen, Aydin und Blume gemeinsam da. An der Schule gibt es fünf elfte Klassen. „Wir stehen für gemeinsame Werte, das wissen die Schüler“, sagt die Pfarrerin. „Wir leben etwas vor“, fügt Rosskothen hinzu.

          „Schnittstellen der Religion kennenlernen“

          Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), würdigt das Projekt als vorbildlich. „Gerade in Zeiten religiös aufgeladener Konflikte ist es Aufgabe der Kirche, den Dialog zwischen unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen zu fördern.“

          Offenbach gehört zur EKHN und zum Bistum Mainz. Dessen Bischof Karl Kardinal Lehmann bezeichnet die Verleihung des Integrationspreises als wichtiges Zeichen der Bestärkung für die Bemühungen der Lehrer und Schüler, „ihre kulturelle und religiöse Vielfalt als Chance zu begreifen und zu gestalten“. Das Projekt, eine „angemessene Ergänzung“ des konfessionellen Religionsunterrichts, stärke junge Menschen in ihrer religiösen, konfessionellen und weltanschaulichen Identität. „Das vertiefte Kennenlernen untereinander ermöglicht die theoretische und praktische Auseinandersetzung mit der Frage, wie ein tolerantes Zusammenleben möglich ist.“ Für Fuat Kurt, den Landesvorsitzenden von Ditib, birgt dieser Unterricht die Chance, „dass die Schüler die Schnittstellen der Religion kennenlernen“. Wichtig sei bei Projekten dieser Art, dass der Islam theologisch fundiert dargeboten werde, wie es in Offenbach durch Gonca Aydin der Fall sei.

          Für Simon-Winter ist der gemeinsame Unterricht ein „Gegenpol zur gesellschaftlichen Debatte“. Es gebe Probleme im Zusammenhang mit Religion, „aber wenn wir als Muslime und Christen stärker gemeinsam gegen Fundamentalismus jeder Art werben würden, wären wir weiter.“ Sie und ihre Kollegen freuen sich über den Integrationspreis der Stadt, nachdem das Projekt 2011 schon den Hildegard-Hamm-Brücher-Förderpreis des Vereins „Demokratisch handeln“ bekommen hat. „Nun“, sagt Simon-Winter, „bekommt das Projekt auch eine Anerkennung in Offenbach.“

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