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Inklusion auf der Bühne : Angst vor der Rolle als Märchengnom

Optimistisch: Coco de Bruycker hat den Flug nach New York gebucht. Bild: Cornelia Sick

Coco de Bruycker ist seit der Geburt gehbehindert. Das hält die junge Frau aus Mainz aber nicht davon ab, ihren Traum zu verfolgen: Sie will Schauspielerin werden.

          Sie ist jung und braucht viel Geld. Denn sie will dahin, wo Steven Spielberg, Al Pacino, Jamie Foxx und Jodie Foster ihre Familienmitglieder auch schon hingeschickt haben sollen: zur New York Film Academy. Vor elf Monaten ahnte Coco de Bruycker von ihrem Plan noch nichts. Damals, im September 2016, war die Einundzwanzigjährige gerade nach London aufgebrochen, um als Au-pair in einer Familie zu arbeiten.

          Dann kam ihr der Zufall zu Hilfe. Coco de Bruycker erfuhr, dass die New Yorker Filmschule in London kurz nach ihrer Ankunft ein Auswahlverfahren organisierte, um neue Talente zu entdecken. Die junge Frau mit dem schulterlangen Haar ging, ermutigt durch ihren Vater, einfach hin; präpariert war sie einzig und allein mit zwei selbst vorbereiteten Monologen. Es war ihr erstes Vorsprechen überhaupt – sie hatte gleich Erfolg.

          Wenige behinderte Schauspieler auf großen deutschen Bühnen

          Dass Mitarbeiter der Filmakademie um die Welt reisen, um Schauspielanwärter zu finden, ist üblich. Laut der amerikanischen Zeitung „Politico“ scheint das für die private Institution vor allem Werbung zu sein. Seit 1992 bildet die Schule Schauspieler aus, zwischen 5000 und 7000 sollen es jedes Jahr sein, die dort Kurzprogramme absolvieren oder höhere Abschlüsse machen. Mittlerweile hat die Akademie viele weitere Standorte in anderen Teilen der Welt, zum Beispiel in Abu Dhabi und Australien.

          Für die etwa 1,60 Meter große Coco de Bruycker war die Einladung der New Yorker Akademie jedenfalls ein Grund zur Freude. Seit ihrer Kindheit hat die Mainzerin eine Spastik, sie ist gehbehindert. Wie sie erzählt, kam sie unter Sauerstoffmangel zur Welt. Ohne eine große Operation, der sie sich im Alter von zehn Jahren habe unterziehen müssen, säße sie heute im Rollstuhl. Ein Wachstumsschub ließ damals die Kniescheiben reißen.

          Dass sie sich dazu entschlossen hat, professionelle Schauspielerin zu werden, ist daher, trotz der Freude, mit Zweifeln verbunden. „Ich habe Angst, als Märchengnom zu enden“, sagt de Bruycker. Eine Angst, die auch ihre Mutter hat. Es ist die Sorge, später einmal nur Behinderte verkörpern zu dürfen, obwohl Schauspielern doch gerade bedeute, in die Rolle anderer zu schlüpfen. Tatsächlich sucht man behinderte Schauspieler auf großen deutschen Bühnen oft vergeblich. Eine Ausnahme ist das Staatstheater Darmstadt, das im Jahr 2014 die Schauspieler Jana Zöll und Samuel Koch fest anstellte; der junge Mann war 2010 in der ZDF-Fernsehsendung „Wetten, dass..?“ verunglückt und ist seitdem vom Hals abwärts gelähmt.

          „Wo es keine Wege gibt, muss man Wege finden“

          Den Hindernissen zum Trotz, die ihr im Schauspielgeschäft im Weg stehen könnten, bleibt de Bruycker selbstbewusst und optimistisch. Sie weiß um ihre größte Stärke: Disziplin. Sie hat die Reha lange hinter sich, sie geht zur Physiotherapeutin und macht täglich ihre Übungen, um fit zu bleiben. „Ich sage immer: ,Eigentlich kann ich alles, nur es sieht halt anders aus.‘“ Vor allem das Feedback der Jury habe sie ermuntert, trotz ihrer Zweifel das Angebot aus Amerika anzunehmen.

          Alles ist geregelt, wäre da nicht die horrende Summe, die sie für den achtmonatigen Aufenthalt aufbringen muss. Zwar bekam sie von der Filmakademie einen Nachlass von 9000Dollar, der sich zu zwei Dritteln aus ihrer guten Leistung beim Vorsprechen und zu einem Drittel aus ihrer finanziellen Situation ergibt, doch das reicht nicht aus. Ein Leben in der Metropole ist kostspielig. Allein die Studiengebühren betragen 32570 Dollar. Hinzu kommen Wohn- und Lebenskosten. Rund 44000 Dollar, rechnet Coco de Bruycker vor, benötige sie insgesamt – trotz des Nachlasses.

          Seit ein paar Monaten wirbt sie auf ihrer Internetseite nycoco2017.com mit einer Spendenkampagne um Unterstützung. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter hat sie mehr als 2000 „Follower“, auf Youtube stellt sie sich und ihr Vorhaben in kurzen Videos vor. 240 Personen haben ihr bisher zusammen mehr als 18000 Dollar gespendet. „Wo es keine Wege gibt, muss man Wege finden“, sagt sie. Ein Bekannter ihres Vaters will demnächst von Hofheim nach Wien radeln und im Bekanntenkreis mit der Tour um Geld werben. Hinzu kommt noch die Hilfe einer Frankfurter Künstlerin, die eines ihrer Werke versteigern will.

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          Und doch – viel Zeit bleibt nicht mehr, schon im September geht es los. Also alles abblasen? Nein, sagt die Schauspielanwärterin. Nicht jetzt, da sie schon bald die Hälfte des Geldes beisammenhabe. „Die Überlegung ist, das Crowdfunding vor Ort fortzusetzen. Ich werde mich da nicht acht Monate ins Zimmer hocken und nichts tun.“ Ihren Flug hat sie schon gebucht. Dass sie Theaterspielen liebt, weiß Coco de Bruycker, seit sie das erste Mal auf der Bühne stand. Als sie im Alter von elf Jahren mit der Familie von Hamburg nach Mainz zog, ging sie in eine TheaterAG, um Freunde zu finden. Später spielte sie in Jugendschauspielschulen wie der Scaramouche Academy in Wiesbaden, auch im Jugendclub des Mainzer Staatstheaters.

          Dort machte sie beispielsweise im Stück „Der Ausflug der toten Mädchen“ mit und übernahm die Rolle einer katholischen Lehrerin, die sich im Widerstand zum NS-Regime befand. Eine Figur, die eigentlich keine Behinderung hat. Deshalb sei das Skript entsprechend geändert worden. „Da habe ich das erste Mal gemerkt, dass es schwer wird mit den Rollen.“ Der Schritt nach New York soll ihr die Grundlagen geben, um einfacher an passende Rollen zu kommen. Es wäre aber wohl nur der Anfang eines langen Wegs. Denn nach dem kurzen und teuren Aufenthalt in Amerika müssten weitere Ausbildungen folgen. Doch wie es danach weitergeht, weiß Coco de Bruycker noch nicht. Sie will jetzt erst mal nach New York.

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