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Initiative des Weinbauverbands : Riesling für Supermarktregale

Soll neue Absatzmärkte erlangen: Die Rheingauer Weintrauben, bisher vor allem im Direktvertrieb zu kaufen. Bild: dpa

Der Weinbauverband will aus dem Kollaps ganzer Absatzkanäle Lehren ziehen. Er erwägt, die Winzer für ein ganz besonderes Projekt zu gewinnen.

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          Die Corona-Pandemie hat das Einkaufsverhalten der Kunden verändert und die Weinbranche in eine Krise gestürzt, weil zeitweise wichtige Absatzkanäle wie die Gastronomie weggebrochen sind. Profitiert haben der Lebensmitteleinzelhandel und die Discounter. Dort haben sich viele Weinfreunde bevorzugt eingedeckt. Das bestätigte eine Umfrage zu den Corona-Folgen für die deutschen Weinproduzenten, die kürzlich von der Hochschule Geisenheim auf Basis einer Umfrage unter 850 Weingütern, Genossenschaften und Kellereien veröffentlicht worden war.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Rheingauer Weine sind in den Regalen vieler Supermärkte aber eine Rarität. Das liegt an der mit 3200 Hektar vergleichsweise geringen Rebfläche und der von kleinen und mittleren Weingütern geprägten Struktur. Sie können schon den Mengen-Anforderungen für den nationalen Vertrieb eines Discounters kaum gerecht werden. Eine Ausnahme ist das Rüdesheimer Weingut Leitz, das es mit mehreren Weinen in die Regale von Aldi geschafft hat. Allerdings ist Leitz inzwischen das größte private Weingut im Rheingau, und nur rund 70 Weingüter besitzen zumindest mehr als zehn Hektar Rebfläche.

          Weg in die Supermarktregale

          Dennoch hält es Weinbaupräsident Peter Seyffardt für richtig, intensiv darüber nachzudenken, wie Rheingauer Wein vermehrt den Weg in die Supermarktregale finden könnte. Eine Hürde sieht Seyffardt in den großen Ertragsschwankungen: Mal sind die Erntemengen mager wie im Jahr 2017, mal üppig wie 2018. Diese Schwankungen erschweren eine verlässliche Belieferung von Großabnehmern, weil die Weingüter auch ihre Privat- und Stammkunden nicht vernachlässigen wollen.

          Dennoch gab es schon in der Vergangenheit Anläufe in dieser Richtung, die aber nach wenigen Jahren wieder versandeten. Vor sieben Jahren hatte die damalige Weinbauministerin Lucia Puttrich (CDU) das Projekt Rheingauer Jungwinzer unterstützt, die mit einem trockenen Rheingauer Riesling für 5,99 Euro je Flasche mit dem Namen „Junge Rheingauer“ beim Discounter reüssieren wollten. Die Initiative war von der Rüdesheimer Weinkellerei ausgegangen, und es wurden bis zu 200 000 Flaschen gefüllt. Inzwischen ist die Rüdesheimer Weinkellerei vom Markt verschwunden und abgerissen.

          Handel als neuen Absatzweg

          Auf der jüngsten Mitgliederversammlung des Weinbauverbands skizzierte Seyffardt einen neuen Versuch. Der Verband hat eine vor vielen Jahren gegründete, aber ruhende Erzeugergemeinschaft übernommen. Sie könnte die unternehmerische Basis sein, um Winzer für das Projekt eines alkoholfreien Rheingauer Weins zu gewinnen, der in Einkaufsmärkten angeboten werden soll. Noch steht das Projekt erst in der Diskussionsphase, aber nach Ansicht von Seyffardt sollte auch der Rheingau Wege finden, um den Handel als Absatzweg besser zu erschließen.

          Eine Absicht, die auf einen stagnierenden Weinmarkt trifft. Laut Seyffardt ging 2019 der Weinkonsum um 0,4 auf 20,1 Liter pro Person zurück. Dieser Rückgang liege aber in der Schwankungsbreite der vergangenen 20 Jahre. Deutschland sei unverändert der größte Importmarkt der Welt. Daraus ergäben sich für die deutschen und Rheingauer Winzer besondere Chancen.

          Diskussionen dauern noch an

          Den Weinbauverband, der mit seinen 500 Mitgliedern mehr als 90 Prozent der Rebfläche repräsentiert, beschäftigt vor diesem Hintergrund die Novellierung des deutschen Weingesetzes und der Weinverordnung. Seyffardt stellte die wichtigsten, vom Rheingau unterstützten Veränderungen vor, die aber erst mit dem Jahrgang 2026 greifen werden. Dazu gehört das Prinzip, dass der Herkunft des Weins bei der Qualitätsbeurteilung größere Bedeutung als dem Mostgewicht zukommt und die verwirrenden Großlagenbezeichnungen weitgehend entfallen – etwa die Großlage „Rauenthaler Steinmächer“.

          Unter diesem Namen dürfen bislang Weinpartien aus 27 Einzellagen im vorderen Rheingau verkauft werden. Künftig entfällt die Ortsbezeichnung „Rauenthaler“ und es muss „Region Steinmächer“ heißen, um den Verbrauchern klarzumachen, dass in einem „Rauenthaler Steinmächer“ kein einziger Tropfen aus dem Weindorf Rauenthal enthalten sein muss. Für den Rheingau ist der Verzicht auf die Großlagen verschmerzbar, für viele andere Regionen mit großen Genossenschaften dagegen nur unter Schwierigkeiten. Daher dauern die Diskussionen noch an.

          Gemeinsam mit Wiesbaden wollen sich der Weinbauverband und die Region auf mehr innerdeutsche Touristen in diesem Sommer einstellen. Dazu soll es eine Aktion „Sommer in Hessen“ geben. Seine Weinmesse „Wiwein“ hat der Weinbauverband trotz Corona-Krise noch nicht ganz aufgegeben und noch nicht abgesagt. Derzeit wird an einem Konzept gearbeitet, das gilt auch für die auf den Herbst verschobene Schlemmerwoche. Das alles soll den Winzern helfen, gut durch die Krise zu kommen.

          Und der Verband hilft noch auf eine andere Weise: Er greift in seine Rücklagen, um die Einziehung der Mitgliedsbeiträge vorerst aussetzen und die Belastung der Betriebe in schwierigen Zeiten mildern zu können. Zu einem späteren Zeitpunkt will der Vorstand die Lage neu beurteilen.

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