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InhaftierterJournalist : Heimische Unterstützung für Deniz Yücel

  • -Aktualisiert am

Solidarität mit einem Flörsheimer: Jeden Monat halten die Familie, Freunde und Unterstützer von Deniz Yücel eine Mahnwache für den in der Türkei inhaftierten Journalisten ab. „Das machen wir so lange, bis Yücel freikommt“, sagt der Flörsheimer Bürgermeister Michael Antenbrink (SPD). Bild: Michael Kretzer

Seit zwei Monaten sitzt Deniz Yücel in der Türkei in Haft. In Hessen, dort wo der Journalist aufgewachsen ist, kämpfen Freunde und Unterstützer für seine Freilassung.

          Der Aufkleber „Free Deniz“ mit dem an eine Eisenkugel gefesselten Halbmond klebt in Flörsheim an vielen Autos und Straßenlaternen. Und wer im Rüsselsheimer Kulturzentrum „Das Rind“ Vorstellungen besucht, dem drückt Geschäftsführer Florian Haupt den Aufruf per Eintrittsstempel auf das Handgelenk. Viele hundert Menschen sind in den vergangenen Wochen für die Freilassung des in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel in seiner früheren Heimat auf die Straße gegangen.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Es gab Mahnwachen, Kundgebungen und Autokorsos – und auch in dieser Woche werden in Flörsheim und Rüsselsheim rund um den 14. April – den Tag des Beginns der Untersuchungshaft vor zwei Monaten – wieder Veranstaltungen für Yücel abgehalten. Letztlich allerdings „sind wir alle ein bisschen hilflos und ratlos“, sagt Flörsheims Bürgermeister Michael Antenbrink (SPD).

          „Er war immer einer, der den Mund aufmachte“

          Niemand wolle dem Inhaftierten mit unüberlegtem Handeln oder forschen Sprüchen schaden, betont der Rathauschef, der in telefonischem Kontakt mit Yücels Schwester Ilkay steht. Der Zuspruch der Bürger gelte vor allem auch den Eltern des Reporters, sagt Antenbrink. Vater Ziya und Mutter Esma kamen vor 45Jahren aus der Türkei nach Flörsheim, weil es dort Arbeit in der Keramikfabrik Keramag gab. 1973 wurde Deniz Yücel geboren, ein Jahr später kam seine Schwester zur Welt. Beide verbrachten in Flörsheim ihre Kindheit, gingen dort zur Grundschule. Und Deniz, dessen Eltern ihn nach dem 1971 in der Türkei hingerichteten Studentenführer Deniz Gezmis nannten, eckte in der damals sehr konservativen Stadt früh an.

          Als Klassenbester in Deutsch habe er sich sehr für das kommunale Wahlrecht für türkische Migranten eingesetzt, sagt Ortsbeirätin Carola Gottas von der Grün-Alternativen Liste Flörsheim (Galf). „Er war immer einer, der den Mund aufmachte, sich engagierte und später zur linken, autonomen Szene in Rüsselsheim gehörte.“ Er habe viele Freunde, darunter mehr Deutsche als Türken, die sich nun Sorgen machten. Dass der Deutsch-Türkische Freundeskreis Flörsheim, der die Partnerschaft mit der türkischen Stadt Güzelbahce pflegt, sich nicht zu der Verhaftung des gebürtigen Flörsheimers äußern wolle, ärgert Gottas. „So eine Partnerschaft ist doch mehr, als nur einmal im Jahr am Strand zu liegen und fröhliche Geschichten auszutauschen.“

          Doch die Vorsicht kommt nicht von ungefähr. Unter seinen etwa 400 Landsleuten in Flörsheim gebe es leider auch viele Erdogan-Anhänger, sagt zum Beispiel Hasan Aggül, SPD-Stadtverordneter mit türkischen Wurzeln. Als Freund der Familie Yücel hängt er derzeit fast täglich am Telefon, organisiert und koordiniert die Aktivitäten. Der Siebenundfünfzigjährige will den Eltern in dieser schweren Zeit „einfach nur beistehen“, wie er sagt.

          Als er in den vergangenen Wochen mit einem großen Schild mit der Aufschrift „Free Deniz“ durch die Straßen fuhr, sei er von einigen Nachbarn geradezu bedroht und aufgefordert worden, das Schild zu entfernen. Und während die Stadtverordnetenversammlung Flörsheims den türkischen Staatspräsidenten in einer Resolution einstimmig aufgefordert habe, Deniz Yücel und 156 weitere inhaftierte Journalisten freizulassen, schweige der Ausländerbeirat. Es gebe keinerlei Unterstützung für das Engagement für Yücel, berichtet Aggül.

          Er darf Bücher lesen, aber keine Briefe empfangen oder schreiben

          „Der lange Arm Erdogans reicht weit“, glaubt auch die Fraktionsvorsitzende der Grün-Alternativen Liste Flörsheim (Galf), Renate Mohr. Unüberlegte Aktionen dürfe es nicht geben, im Mittelpunkt müsse immer die Sorge um die Familie Yücel stehen. Es sei eine sehr schwierige Situation. Viele wollten der Familie beistehen, aber niemand wolle sie bedrängen. Insgesamt, so findet Mohr, müsse es eine bessere Absprache zwischen den Flörsheimer und den Rüsselsheimer Freunden des Journalisten geben. Dass am 14.März eine Mahnwache in Flörsheim und eine Kundgebung in Rüsselsheim zur gleichen Zeit stattfanden, dürfe sich nicht wiederholen.

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          In Rüsselsheim, wo Deniz an der Gustav-Heinemann-Schule Abitur machte, Moderator des Kommunalen Radios war und in einer Theatergruppe mitwirkte, finden sich die meisten Freunde des Reporters. Auch Matthias Schäfer ist ein Vertrauter aus diesen Tagen und berichtet, dass er gleich gewusst habe, dass irgendetwas nicht stimmt, als Yücel im Januar plötzlich sieben Tage lang nicht auf Facebook geschrieben habe. Nach dem Interview des Journalisten mit einem PKK-Kommandanten habe er, Schäfer, schon ein ungutes Gefühl gehabt und erwartet, „dass es bald Ärger gibt“.

          In ihrem Engagement nachlassen wollen Yücels Freunde auf keinen Fall. „Deniz hätte nicht gewollt, das wir uns politisch total zurückhalten“, sagt Schäfer. Yücel sei immer für klare und offene Worte gewesen. Deshalb spricht heute zum Beispiel der Politikwissenschaftler Errol Babacan im Rüsselsheimer Kulturzentrum „Das Rind“ unter der Überschrift „Free Deniz Yücel – Wohin entwickelt sich die Türkei?“. Und in Flörsheim findet die Mahnwache zum 14. eines jeden Monats – mit Rücksicht auf den Karfreitag – diesmal einen Tag früher statt. „Das machen wir so lange, bis Yücel freikommt“, sagt Bürgermeister Antenbrink.

          Anwesend wird dabei auch wieder Ilkay Yücel sein. Mit etwas matter Stimme und in kurzen Sätzen berichtet sie von ihrem Besuch im Gefängnis in Istanbul, bei dem auch Vater Ziya seinen Sohn wiedergesehen hat. Es gehe ihrem Bruder gut, sie habe einen besseren Eindruck von ihm als bei ihrem ersten Besuch, sagt die junge Frau. Auch ihr Vater sei „etwas erleichtert gewesen“. In seiner sechs Quadratmeter großen Zelle darf Deniz Yücel zwar Bücher lesen, aber keine Briefe empfangen oder schreiben. Unter der Überschrift „Hallo Welt, hallo Flörsheim“ ließ er deshalb seine Anwälte Dank für die Anteilnahme in seiner alten Heimat sagen.

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