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Industriekletterer : Männer hängen in den Seilen

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Es geht bergauf: An einem Burgfried lernen die angehenden Industriekletterer, wie man dem Himmel näher kommt. Bild: Rainer Wohlfahrt

Industriekletterer arbeiten in Höhen, in denen einem schwindelig werden kann. An einer Burgruine in Bad Soden-Salmünster im hessischen Main-Kinzig-Kreis werden sie ausgebildet und lernen, wie man sich später von Hochhäusern oder Strommasten abseilt.

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          Die tolle Aussicht an diesem sonnigen Wintertag über die schneebedeckte Stadt und das Kinzigtal ist ihnen völlig egal. Kaum sind sie oben auf der Aussichtsplattform angekommen, klettern sie über die Brüstung und verschwinden in der Tiefe, um erneut mit etwa 15 Kilo Ausrüstung am Körper die vielen Treppen der zwanzig Meter hohen Burgruine Stolzenberg zu erklimmen und sich wieder abzuseilen.

          Von den niedrigen Temperaturen und dem eisigen Nordwind merken die neun Männer in ihren dicken Klamotten und den knöchelhohen Schuhen nichts, das Training treibt ihnen den Schweiß auf die Stirn.

          Ausbildung in schwindelnder Höhe

          Bereits seit dem frühen Morgen hängen die Teilnehmer der Ausbildung zum Höhenarbeiter, den Deutschlands erste Berufskletterschule in der Kurstadt anbietet, in den Seilen, hantieren mit Bandschlingen, Reepschnüren, Seilklemmen, Abseilgerät und Umlenkrollen. Henry Salwemer ist aus Coburg nach Bad Soden-Salmünster gekommen, um sich in Manuel Marburgers Berufskletterschule ausbilden zu lassen.

          Der arbeitslose Stuntman setzt alles auf die Ausbildung in schwindelnder Höhe. Nach den insgesamt drei Lehrgängen, die ihn zum aufsichtführenden Höhenarbeiter qualifizieren, lässt er sich noch zum Schweißer umschulen und hofft mit dieser Kombination wieder einen neuen Arbeitsplatz zu finden.

          Extreme Bedingungen

          „Ich habe Spaß am Arbeiten unter extremen Bedingungen“, sagt der 42 Jahre alte Mann, bevor er sich über die gemauerte Brüstung schwingt und außen am Turm der Burgruine auf seinem Sitzbrett in den Seilen hängt. Johannes Stiels aus Dortmund ist ebenfalls von der Arbeit in der Höhe fasziniert. Der 23 Jahre alte Rolladen- und Jalousinenbauer plant, sich nach der Ausbildung zum Höhenarbeiter selbständig zu machen.

          Die Spaziergänger, die an diesem Vormittag an der Burgruine vorbeikommen, nehmen kaum Notiz von der Gruppe. Sie haben sich anscheinend an den Anblick von Menschen gewöhnt, die außen an der Burgmauer hängen und sich abseilen.

          Knotenkunde und Fitness

          Manuel Marburger, der seit 1997 mit seiner Kletter-Spezial-Einheit an Hochhäusern, auf Kirchtürmen, in Schächten, auf Kraftwerkstürmen und Windkraftanlagen arbeitet, darf das Gemäuer als Trainingsgelände nutzen. Hier zeigt Kursleiter Kai Langer den künftigen Höhenarbeitern, wie sie Seilstrecken aufbauen, übt mit ihnen die Aufstiegs- und Abseiltechnik mit einem Abseilgerät, die Verwendung des Arbeitssitzes und verschiedene Rettungsvarianten für den Ernstfall.

          An den Vortagen haben sie bereits die Theorie gepaukt, Material-, Seil- und Knotenkunde, die Auswahl von Anschlagpunkten, von denen jeder eine Tonne halten muss, Sicherung und Rettung. Nach einer gründlichen ärztlichen Untersuchung folgte der Klettertag in der Halle, bevor im Freien an der Burgruine trainiert wird. Höhenarbeiter müssen körperlich fit sein.

          Gewöhnung an die Höhe

          „Wir laufen auch in achtzig Metern Höhe über Stahlträger“, sagt Marburger. Der Fünfunddreißigjährige ist davon überzeugt, dass sich auch ängstliche Naturen an die Höhe gewöhnen können. Man hänge ja nicht wie am Berg an einem schwindligen Haken, sondern sitze sicher im Seil.

          Allerdings könne man nicht einen einwöchigen Kurs besuchen und dann alleine am Hochhaus arbeiten, sagt Manuel Marburger. Nur Teams aus zwei Leuten, von denen einer als aufsichtführender Höhenarbeiter qualifiziert ist, dürfen gemeinsam an Seilen hängend arbeiten.

          Berufsbild aus der DDR

          Kleinere Verletzungen etwa, die mit sicherem Boden unter den Füßen leicht zu verarzten sind, können nach einem langen Arbeitstag in 150 Meter Höhe bei Kälte und Regen schnell zum Notfall werden. „Wir müssen innerhalb von 15 Minuten am Boden sein“, sagt Marburger. Daher sind die Rettungstechniken, die auch später immer wieder geübt werden müssen, wesentlicher Teil der Ausbildung.

          Höhenarbeiter oder Industriekletterer erreichen ohne Gerüste oder Hebebühnen schwer erreichbare Stellen in der Höhe, aber auch in der Tiefe. Sie seilen sich zu ihrem jeweiligen Arbeitsplatz ab und erledigen dort die nötigen handwerklichen Arbeiten. Ursprünglich kommt der Beruf aus der ehemaligen DDR, wo aus Mangel an Gerüsten häufig seilunterstützt gearbeitet wurde.

          Macher der Skyarena

          Marburger und seine Mitarbeiter der Kletter-Spezial-Einheit haben alle eine abgeschlossene Berufsausbildung, beispielsweise als Dachdecker, Maler oder Fensterbauer und sind zusätzlich zertifizierte Höhenarbeiter des Fach- und Interessenverbandes für seilunterstützte Arbeitstechniken. Marburger, der Chef der Kletter-Spezial-Einheit und der Berufskletterschule, ist Energieelektroniker und Rettungsassistent.

          Rund sechzig Prozent ihrer Einsätze erledigen die Kletterprofis unbemerkt von der Öffentlichkeit nachts und an Wochenenden. Da reinigen sie Deckenscheiben, erledigen Maler- und Lackiererarbeiten, tauschen Scheiben aus, montieren Beleuchtungsrahmen oder reparieren Markisen. Viele Frankfurter waren jedoch Zeugen eines ihrer spektakulärsten Einsätze. Marburger und sein Team verwandelten die Fassaden von acht Hochhäusern zur Fußballweltmeisterschaft 2006 in die Skyarena.

          Von Frankfurt nach Dubai

          Dabei brachten sie 11 000 Quadratmeter Spezialfolie als Projektionsfläche an den Fassaden an. Auch auf der größten Baustelle Europas, dem RWE Kraftwerk Neurath, sind die Kletterprofis aus dem Kinzigtal vertreten. Und kürzlich kam eine Anfrage aus Dubai. Marburger hat sich die Freude an seinem ungewöhnlichen Beruf bewahrt. Wenn er nachts an der Fassade eines Hochhauses in der Mainzer Landstraße arbeitet, dann genießt er auch den Blick auf die erleuchtete Skyline. „Das macht mich immer wieder glücklich.“

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