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: In Rödermark werden Spitzenschuhe hergestellt

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"Nein, Ballett ist nie mein Ding gewesen." Schmunzelnd erzählt die Zweiundfünfzigjährige, wie ihre Eltern sie vor mehr als vier Jahrzehnten zum ersten Mal zum Ballettunterricht brachten. Die Mutter wollte, daß ihre Tochter eine grazile Haltung lerne.

          "Nein, Ballett ist nie mein Ding gewesen." Schmunzelnd erzählt die Zweiundfünfzigjährige, wie ihre Eltern sie vor mehr als vier Jahrzehnten zum ersten Mal zum Ballettunterricht brachten. Die Mutter wollte, daß ihre Tochter eine grazile Haltung lerne. Doch die sechsjährige Michaela spielte lieber Räuber und Gendarm und kletterte auf Bäume. Das Mädchen wollte nicht in Ballettschuhen und Tutu herumlaufen. Es dauerte nur sechs Wochen, dann bat die Lehrerin, die Kleine doch aus dem Ballett-Unterricht zu nehmen. "Der Weg zum sterbenden Schwan war mir eben nicht beschieden", sagt Michaela Martin.

          Heute ist sie eine erfahrene Anwältin. Als Geschäftsführerin der Karl-Heinz Martin Klassische Ballettschuhe GmbH verwirklicht sie auch den Lebenstraum ihres Vaters weiter. Die Kulturliebhaberin schwärmt von ihrem "schönen Produkt". "Hätte mein Vater mir eine Würstchenbude vermacht, die hätte ich garantiert nicht weitergeführt." Das Unternehmen liefere an Theater und Ballettschulen und habe es sich zur Aufgabe gemacht, die Performance der Tänzer bestmöglich zu unterstützen. Das Handwerkszeug der Tänzer müsse genau passen, beispielsweise auf Gewicht, Körpergröße, Fußbreite und Fersenhöhe abgestimmt sein.

          Den Martin-Ballettschuh gibt es deshalb in 800 verschiedenen Ausführungen. Außerdem gehört es zum Service, daß jeder Schuh angepaßt wird. In Deutschland muß Martin keine Konkurrenz fürchten: Sie ist der einzige Hersteller. In Rödermark werden die teuersten Ballettschuhe weltweit hergestellt, sie kosten zwischen 66 und 79 Euro. Mit den Billiganbietern wolle das Unternehmen nicht konkurrieren. "Wir sind der Mercedes unter den Ballettschuhen", sagt Martin nicht ohne Stolz.

          Scheinbar mühelos stellt Ana Mendez Lago sich auf die Spitze ihrer Ballettschuhe. Sie tanzt seit sechs Jahren im Staatstheater Mainz. Zur Zeit trainiert sie für die Aufführung Allegro brillante, ein Klavierkonzert von Tschaikowskij. "Der Schuh ist extrem wichtig, mit einem schlechten Schuh kann niemand tanzen", weiß die junge Madrilenin. Seit neun Jahren tanzt sie nun mit Martin-Spitzenschuhen. "Es gibt Tausende Schuhe, aber für jeden Tänzer nur einen richtigen." Seit 41 Jahren hat sich das Unternehmen dem Ballettanz verschrieben. In der überschaubaren Werkstatt scheint alles seinen eingespielten und geruhsamen Gang zu gehen. Zehn Angestellte stellen die Schuhe her. Zuerst wird der Schaft in sieben verschiedenen Nähvorgängen gefertigt. Eigens dazu baute Martins Vater die Maschinen um. Der vordere Teil des Schuhs, der besonders strapaziert wird, ist mit Texon verstärkt. Die Bestandteile dieser klebrigen, ockerfarbenen Paste sind Firmengeheimnis, doch auch Kartoffelmehl gehört dazu, verrät Martin.

          Seit 15Jahren arbeitet Artur Fuchs in der Werkstatt. Er gibt den Schuhen den letzten Schliff. Mit einem Hammer bearbeitet er die Spitze, er muß auf einer ebenen Fläche stehen. Jeder Schuhmacher hat seine eigene Handschrift, und deshalb wird sein Kürzel in die Sohle des Ballettschuhs gestanzt.

          Ana Mendez Lago merkt sofort, wenn ihr Schuh von einem anderen Schuhmacher hergestellt wird. In Spanien tanzte sie mit Ballettschuhen einer anderen Marke. Sie war zufrieden. Nachdem ihr Schuhmacher in Ruhestand gegangen war, bekam sie jedoch nie wieder einen Schuh, mit dem sie so gut tanzen konnte. "Jede von uns will perfekt sein, da bedeutet es fast das Ende der Welt, wenn er nicht richtig paßt", sagt die Achtundzwanzigjährige. Bis sie sich an einen Schuh gewöhne, vergingen Wochen. Manchmal sei es auch gar nicht möglich, denn jede Marke verarbeite ihre Schuhe anders.

          Der Firmengründer Karl-Heinz Martin hatte seine Passion in der Werkstatt eines Ballettbedarfherstellers in Köln entdeckt. Dort arbeitete der Schlosser als Schuster und stellte Tanzschuhe her. Später tüftelte er im Keller an einem neuen Spitzenschuh, obwohl er längst als Generalvertreter für eine Maschinenfirma in Hessen unterwegs war. Seine Leidenschaft ließ ihn nicht los, und so entstand "Eva" - ein Spitzenschuh aus rosa Samt. Das populäre Fußkleid ist nach Michaelas Schwester benannt. Es wurde Tradition, die Produkte nach Kindern und Enkeln zu benennen. So gibt es noch den gepuderten Spitzenschuh "Michi". Michaela sei leider zu lang, sagt die Geschäftsfrau und ergänzt: "Ich mochte meinen Spitznamen nie." Anfänglich hatte ihre Mutter wenig Begeisterung übrig für den Plan ihres Mannes, sich mit der Herstellung von Ballettschuhen selbständig zu machen. Trotzdem begann die Produktion 1964 in ihrem Einfamilienhaus in Rödermark. Der ersten Näherin folgten weitere Angestellte und eine professionelle Produktionsstätte an der Albert-EinsteinStraße.

          "Es war sein Leben", versichert die Anwältin, die erst mit sich ringen mußte, bevor sie sich entschließen konnte, wieder aufs Land zu ziehen und den Betrieb nach dem Tod des Vaters zu übernehmen. Sie hatte 32Jahre in München gelebt und war dort heimisch geworden. Nun baut sie ein weltweites Vertriebsnetz auf, entwickelt neue Verkaufsstrategien und investiert in Werbung, für die ihr Vater nie Geld ausgegeben hatte. Endlich arbeite sie international: "Ich finde es toll, morgens mit Asien, mittags mit Europa und abends mit Amerika zu telefonieren", sagt Martin und wirkt dabei, als würde sie alles, was sie beginnt, mit Feuereifer vorantreiben. Lange waren Martin-Ballettschuhe Marktführer in Deutschland, doch die Konkurrenz vor allem aus England, Australien und den Vereinigten Staaten ist stärker geworden. "Aber wir wollen uns den Markt zurückerobern." ellen poschen

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