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: In Obernburg ist es lauter denn je

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Ein Bauwerk, um das Bürger andernorts kämpfen, wären die Obernburger am liebsten wieder los. Denn die 2,8 Kilometer lange und 2,3 Millionen Euro teure Lärmschutzwand entlang der B 469 hat ihnen, so paradox es klingen mag, mehr Krach denn je beschert.

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          Ein Bauwerk, um das Bürger andernorts kämpfen, wären die Obernburger am liebsten wieder los. Denn die 2,8 Kilometer lange und 2,3 Millionen Euro teure Lärmschutzwand entlang der B 469 hat ihnen, so paradox es klingen mag, mehr Krach denn je beschert. Zwei Jahrzehnte lang hatten sich auch die Obernburger für einen Schallschutz entlang der Bundesstraße engagiert, die heute rund 20 000 Autos täglich passieren. 1998 wurde ihr Einsatz endlich belohnt und mit dem Bau der Wand begonnen. Als nach der Fertigstellung im November 1999 die bis dahin gültige Geschwindigkeitsbegrenzung von 80 Stundenkilometern auf der autobahnähnlich ausgebauten Schnellstraße aufgehoben wurde, brach ein Sturm der Entrüstung los. Jetzt sei die Lärmbelästigung schlimmer denn je, klagten die Anlieger.

          Nach ihren Angaben ist die Wand mit 2,80 bis 3,40 Meter Höhe zu niedrig, so daß die Grenzwerte nur im Erdgeschoß der umliegenden Häuser eingehalten würden. Das Straßenbauamt Aschaffenburg hatte jedoch rechtens gehandelt, als es die Schilder abbaute. Das Tempolimit war ausschließlich durch den noch fehlenden Lärmschutz begründet gewesen. Mit dem Bau der Wand war dieses Argument entfallen. Abhilfe für die lärmgeplagten Bürger schien zunächst nicht in Sicht. Bis Landrat Roland Schwing (CSU) auf die Idee kam, unter Hinweis auf die vermeintlich problematische Unfallentwicklung auf der B 469 zwischen der Abfahrt Großwallstadt und dem Ende der vierspurigen Ausbaustrecke bei Obernburg wieder eine Geschwindigkeitsbegrenzung einführen zu können. Es gelang ihm, den Staatssekretär im bayerischen Innenministerium sowie das Straßenbauamt Aschaffenburg von der Gefährlichkeit zu überzeugen. Schließlich hatte sich nach Aufhebung des Tempolimits die Zahl der Unfälle in dem genannten Abschnitt auf zugegebenermaßen niedrigem Niveau innerhalb von zwei Jahren auf 15 Unfälle fast vervierfacht.

          Die Tempo-100-Schilder wurden im März 2002 wieder aufgestellt. Aus Sicherheitsgründen, wie es hieß. Die Tatsache, daß durch die Geschwindigkeitsreduzierung nun auch wieder eine Minderung des Lärmpegels eintrat und man damit dem Ruhebedürfnis der Anwohner entgegenkam, wurde damals als willkommener Nebeneffekt abgetan. Den Obernburgern war es recht. Sie freuten sich, daß sie nachts wieder ruhiger schlafen konnten. Doch sehr lange währte der Frieden nicht. Im Juni dieses Jahres waren die Schilder plötzlich verschwunden, und auf der B 469 durfte wieder gerast werden. Der Grund: Das Verwaltungsgericht Würzburg hatte der Klage eines Bürgers aus Wörth recht gegeben, der die Tempobegrenzung kritisiert hatte, da sich seiner Auffassung nach Politiker und Behörden damit "dem Druck der Straße gebeugt" hätten.

          Die Bürgerinitiative (BI) "Lärmschutz" warf dem Landratsamt vor, daß es nicht nur die Widerspruchsfrist ungenutzt habe verstreichen lassen, sondern daß es die Öffentlichkeit über das Urteil erst informiert habe, als es rechtskräftig geworden sei. Brisanz erhielt der Vorgang dadurch, daß der Kläger in der Verkehrsbehörde im Landratsamt Miltenberg beschäftigt ist. Bei der Bürgerinitiative witterte man deshalb Unrat. In Zeiten des Kommunalwahlkampfs sei die offenbar rechtlich nicht haltbare Tempobegrenzung nur deshalb verfügt worden, um die Wähler ruhig zu halten. Und danach habe man "trickreich" einen Mitarbeiter des Landratsamtes vorgeschickt, um die Geschwindigkeitsbegrenzung wieder abzuschaffen. Dieser Vorwurf brachte den Landrat nach eigenen Angaben auf "180". Er sprach von einer "ungeheuerlichen Aussage", da er aus voller Überzeugung alle Möglichkeiten zur Geschwindigkeitsbegrenzung gesucht habe.

          Derzeit sieht es danach aus, daß es aus Gründen der Verkehrssicherheit zumindest vorläufig rund um Obernburg kein Tempolimit geben wird. Hoffnungen setzen die Anlieger deshalb auf das anstehende Planfeststellungsverfahren zur Lärmvorsorge, auf das beim Bau der Wände verzichtet worden war. Auch aufgrund falscher Berechnungen für den Schallschutz soll die Planfeststellung jetzt nachgeholt werden. Voraussichtlich im September gehen die Unterlagen an die Regierung von Unterfranken, die im Oktober das Verfahren einleiten könnte.

          Die Obernburger geben sich trotz des Hin und Her in der Angelegenheit noch nicht geschlagen. Jüngst gründeten 30 Bürger einen Verein, der die Reduzierung der Lärmimmission und des Schadstoffgehalts der Luft sowie eine Verbesserung der Verkehrssicherheit zum Ziel hat. Wie der Vereinsvorsitzende Hermann Erbacher gegenüber dieser Zeitung äußerte, will der Verein genau beobachten, ob sich nach Aufhebung des Tempolimits die Unfälle häuften, so daß möglicherweise der Abbau der Schilder wieder rückgängig gemacht werden müßte. Nach seiner Darstellung ist die Lärmschutzwand nicht rechtmäßig zustande gekommen, da sich keineswegs alle betroffenen Anwohner damals mit dem Bau einverstanden erklärt hätten.

          Bei dem jetzt nachträglich angeordneten Planfeststellungsverfahren will der Verein mit Hilfe von Anwälten verhindern, "daß wir mit passivem Lärmschutz abgespeist werden", sagte Erbacher. Er forderte die Schließung der Lücke in der Lärmschutzwand an der Aral-Tankstelle, die Verlängerung des Walls in Richtung der Einmündung B 426 sowie die Prüfung, ob mit dem Aufbringen eines sogenannten Flüsterasphalts der Krach verringert werden könne. "Wenn alle diese Maßnahmen nicht ausreichen, dann muß es ein Tempolimit geben", sagte der Vorsitzende, der allerdings auch weiß, "daß wir dafür schwer kämpfen müssen". AGNES SCHÖNBERGER

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