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Carsten Knop

Weiterleben : In Hanau miteinander leiden können

  • -Aktualisiert am

Das rassistische Attentat in Hanau jährt sich zum ersten Mal. Bild: Frank Röth

Ein Jahr nach dem Attentat bleiben in Hanau viele Fragen offen. Wer Trost sucht und Lösungsstrategien für die Zukunft, findet seine Antworten nur im Grundsätzlichen, in der Liebe. Sie hat so viel mehr Kraft als alles andere.

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          Der Vater hat gar nichts getan. Oder doch? Man habe nichts in der Hand, um ihn zum Beispiel zu einem Umzug zu zwingen, sagt der Oberbürgermeister der Stadt Hanau zum Jahrestag der furchtbaren Tat des Sohnes: Vor einem Jahr hat Tobias Rathjen zehn Menschen und anschließend sich selbst erschossen.

          Sechs Menschen hat er verletzt, doch die unzähligen Wunden, die seine Tat hinterlassen hat, verheilen nicht – die Angehörigen leben ihre Leben mit der Erinnerung, den anderen Bewohnern der Stadt geht es nicht anders. Von der Familie des Täters hat nur der Vater überlebt. Er hat einen schlechten Ruf, und hatte ihn auch schon vor dem Schrecken des 19. Februar 2020. Er ist ein Querulant. Verschwörungstheorien hält er für die Realität, rassistische Äußerungen haben ihm jüngst eine Anklage eingebracht.

          Die Frage nach dem Warum

          Aber er ist nicht der Täter, das war sein Sohn. Der war, nach allem was man weiß, rechtsextrem, aber auch paranoid-schizophren. In Kombination sei das eine spezielle Mischung, sagen Kriminologen – obwohl man weiß, dass rund ein Drittel der Amoktäter eine psychotische Störung aufweisen. Hier war es noch schlimmer. Vielleicht wäre der Mann sogar für schuldunfähig erklärt worden, wäre er vor Gericht gestellt worden – nicht auszudenken. Die entscheidende Frage aber ist, wie der Hass, der zu der Tat geführt hat, entstanden ist, warum der Täter auf die Idee kam, Migranten zu töten. Hat der Vater seinen Teil dazu beigetragen?

          So nahe die Antwort zu liegen scheint, so offen wird sie tatsächlich für die Angehörigen der Opfer bleiben, für die Nachbarn, für die Bürger der Stadt. Wer Trost sucht, aber auch Lösungsstrategien für die Zukunft, findet Antworten, wenn überhaupt, nur im Grundsätzlicheren. Rathjen ging es in seinen Wahnvorstellungen von einer Organisation, einer Schattenregierung, die Tausende Menschen in Deutschland überwacht und kontrolliert, letztlich um Macht, um die Möglichkeit, nach seinem Willen die Dinge zu ordnen. Auch wenn in seiner Theorie nur seine Gedanken abgesaugt wurden, um die Welt zu steuern. Was aber ist das Gegenteil dieser Macht?

          Liebe ist das Wunder, das das andere, das Gegenüber nach meinem Willen beeinflussen kann. Diese Art von Macht war Rathjen junior nicht bewusst, sie konnte ihm vielleicht in bestimmten Situationen gar nicht mehr klarwerden. Dem Senior ist die Erkenntnis oder ihre Wiederentdeckung noch zu wünschen.

          Miteinanderleidenkönnen und lieben

          Der Wunsch gilt aber letztlich jedem, der verbittert verzweifelt: Denn Liebe freut sich und schwingt mit, leidet aber auch mit am Leidenkönnen. Es ist dieses Gefühl des Miteinanderleidenkönnens, das in Hanau seit dem Attentat, aber auch an diesem Jahrestag Trost spenden kann und spenden wird.

          Liebe heißt auch, der Versuchung zu widerstehen, durch die Ausübung von Macht die Verhältnisse ordnen zu wollen. Rathjen hat dieser Versuchung nicht widerstanden, konnte es nicht, wollte es nicht. An einem solchen Tag siegt dann scheinbar das Böse. Das aber stimmt nicht. Dass wir noch da sind, ist der Beweis dafür, dass Gott an sich hält, selbst der Versuchung widersteht, das Böse auszurotten. Sonst wären wir längst alle dahin.

          Es ist uns aufgegeben, Macht und Liebe zugleich zu leben – und sich immer wieder richtig zu entscheiden. Dies gehört zu den Konstanten, ohne die wir nicht Mensch, sondern Tier wären. Davor kann sich keiner drücken: Dem Konflikt zwischen Macht und Liebe kann man nicht ausweichen, nicht in einer anderen, heutzutage oftmals virtuellen Welt, nicht mit der Hilfe einer Verschwörungstheorie oder im Drogenrausch.

          Die allermeisten Menschen meistern diese Herausforderung ganz hervorragend, sonst hätten in letzter Konsequenz längst alle einander umgebracht.

          Was bleibt den Hanauern, den Angehörigen, anderen, die von schweren Verfehlungen Dritter gebeutelt sind? Nirgendwo ist eine Endstation. Erst wenn man das Unglück schlecht besteht, wird es zu einem ganzen Unglück, zitierte unser Pfarrer einst den Schweizer Schriftsteller Ludwig Hohl. Die Versuchung ist groß, an Gott zu verzweifeln. Es auf eigene Faust zu versuchen, mit Gewalt. Man kann ihr aber widerstehen, jeden Tag, auch gegenüber dem Vater des Attentäters.

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