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Impfzentren in Hessen : Ein langer Weg für Hochbetagte

In Begleitung: Zunächst werden, wie hier in Mainz, die Hochbetagten geimpft. Die müssen dafür in Hessen jedoch weite Wege auf sich nehmen. Bild: Getty

Weil zunächst nur sechs Impfzentren in Hessen geöffnet werden, sollen Bewohner aus dem Kreisgebiet bis nach Frankfurt, um sich vor dem Coronavirus zu schützen. Dabei steht die Infrastruktur im Kreis längst bereit.

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          Hochbetagte Menschen im Main-Kinzig-Kreis und anderswo, die nicht in einer Betreuungseinrichtung leben, können sich von 19. Januar an gegen das Coronavirus impfen lassen. Unmut und Verärgerung bei Betroffenen und örtlichen Politikern besteht aber darüber, dass diese Impfberechtigten im Alter von mindestens 80 Jahren voraussichtlich nicht in einem der Impfzentren in Hanau und Gelnhausen die Spritze bekommen können. Nach den Vorstellungen des Landes wird die Anlaufstelle die Festhalle in Frankfurt sein. Gegen diese Regelung protestieren Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky, Landrat Thorsten Stolz und auch die Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler (alle SPD), Kreisbeigeordneter Winfried Ottmann (CDU), der Vorsitzende der Bürgermeisterkreisversammlung Stefan Erb (SPD) und viele weitere Vertreter der Politik.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Alle halten es für eine Zumutung, alten Menschen mindestens zweimal einen derart langen Weg für die schützende Impfung aufzuerlegen, obwohl im Kreisgebiet wesentlich praktischere Möglichkeiten zur Verfügung stünden. Die umständliche Regelung ergibt sich aus der Entscheidung des Landes, wegen der knappen Impfvorräte vorerst nur sechs regionale Impfzentren in Hessen zu öffnen und nicht, wie von allen Landkreisen übereinstimmend vorgeschlagen, auch die weiteren bereitstehenden Impfzentren im Bundesland. Sowohl in Hanau als auch in Gelnhausen könne man mit kleineren Impfmengen damit beginnen, die mobilen alten Menschen zu impfen, heißt es aus dem Kreishaus. Die Infrastruktur stehe, und das Personal sei abrufbereit.

          Im Main-Kinzig-Kreis seien die ersten Chargen des Corona-Impfstoffs durch mobile Impfteams in den vergangenen Tagen verabreicht worden. Nun warte man auf die nächste Lieferung durch das Land Hessen, um die Impfungen fortzusetzen. Wenn es nach dem Willen der Kreisspitze und der regional Verantwortlichen im Landkreis geht, sollen schnellstmöglich auch die Impfzentren in Hanau und Gelnhausen öffnen, um Impfwilligen kurze Wege zu ermöglichen – und das auch vor dem Hintergrund, dass die nächsten Lieferungen dem Vernehmen nach größer ausfallen könnten.

          Schneller an Fahrt aufnehmen

          Das Land müsse endlich Vertrauen in die kommunale Ebene zeigen, fordert Landrat Stolz. Im Kreis könnten innerhalb kürzester Zeit die Impfzentren hochgefahren werden. „Das Personal ist verfügbar, und seit Mitte Dezember stehen wir bereit“, äußert Stolz. Man könne den Bürgern von Maintal bis Sinntal den weiten Anfahrtsweg bis nach Frankfurt ersparen. „Wenn wir unseren Impfstoffanteil dezentral im Kreisgebiet verimpfen, wird die Impfaktion schneller an Fahrt aufnehmen, mehr Menschen erreichen und somit erfolgreicher.“

          Unterstützung erhält der Kreis unter anderem von Hanaus Rathauschef Kaminsky und dem Vorsitzenden der Bürgermeisterkreisversammlung, Stefan Erb aus Erlensee. Sie berichten von Beschwerden aus der Bevölkerung darüber, dass gerade Achtzigjährige und noch ältere Menschen den weiten Weg in die Rhein-Main-Metropole auf sich nehmen müssten. „Wenn mich ältere Menschen aus Hanau verzweifelt fragen, ob sie in ihrer eigenen Stadt, in einer professionell aufgestellten Impfstation den helfenden Pieks erhalten können und warum sie dafür denn nach Frankfurt fahren müssen, bei allen Gebrechen des Alters, dann muss ich ehrlicherweise sagen: Da habe auch ich keine Erklärung und vor allem kein Verständnis. Lasst uns anfangen in Hanau und Gelnhausen, worauf wollen wir noch warten, wenn der Impfstoff dann da ist“, sagt Kaminsky.

          Beachtet werden müsse, dass es sich beim Main-Kinzig-Kreis um den einwohnerstärksten Landkreis Hessens mit einer sehr großen Fläche handele, hebt Erb hervor. Es gehe um Fahrtstrecken von weit mehr als 80 Kilometern aus dem Osten des Kreises bis Frankfurt. Wenn der Impfstoff in den beiden Impfzentren im Kreis noch nicht zum Volllast-Betrieb reiche, könne man dort auch begrenzt vorgehen.

          Ungeachtet der Verärgerung wird im Landkreis nach Lösungen für die Betroffenen gesucht. In Hanau arbeiten Kaminsky zufolge städtische Fachleute an einem Konzept, um die betroffenen Hanauer zur Festhalle zu fahren und wieder nach Hause zu bringen. Wer keine Verwandten oder Freunde habe, dem werde man unter die Arme greifen, verspricht der Oberbürgermeister. Kaminsky fordert das Land auf, Klarheit zu schaffen und die über Achtzigjährigen zu informieren. Dazu gehörten nicht zuletzt immobile Senioren, die zu Hause gepflegt würden.

          Die CDU im Main-Kinzig-Kreis setzt sich für den Einsatz von „Impftaxis“ für Senioren ein. Damit wolle man sicherstellen, dass jeder, der sich gegen das Coronavirus schützen möchte, diese Leistung möglichst unkompliziert in Anspruch nehmen könne, teilte die CDU-Kreisvorsitzende Katja Leikert mit. Die Bundestagsabgeordnete geht davon aus, dass in den nächsten Wochen schrittweise alle 28 Impfzentren in Hessen, auch die in Hanau und Gelnhausen, ihre Arbeit aufnehmen werden.

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