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Carsten Knop

Gestoppter Impf-Express : Der vom OB inszenierte Skandal

  • -Aktualisiert am

Nicht genügend Impfstoff: Der Impf-Express ist vorerst gestoppt. Bild: Lucas Bäuml

Bereits vor dem Start der Frankfurter Impf-Offensive wussten Informierte, dass der Impfstoff knapp ist. Angesichts dessen war es unverantwortlich, für den Impf-Express zu werben.

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          Peter Feldmann (SPD) ist ein Oberbürgermeister, den man nicht unterschätzen darf. Diesen Fehler hat die CDU zu lange begangen. Vermutlich machen ihn auch Parteifreunde. Aber schön wäre es, wenn die Bürger der Stadt Frankfurt ein Gefühl dafür entwickelten, wann sie vom Stadtoberhaupt bauernschlau lächelnd hinter die Weihnachtsfichte geführt werden.

          Wer auf diesem Abweg unterwegs ist, wird dem Frankfurter Oberbürgermeister Folgendes glauben: dass jede Form von Empörung gerechtfertigt ist, weil die dynamische Impfkampagne der Stadt rüde von unfähigen Politikern der alten Regierung in Berlin ausgebremst wird. Im wahrsten Sinne des Wortes übrigens, hatte Feldmann doch gerade erst einen Fototermin inszenieren lassen, um einen Impf-Express über die Straßenbahnschienen rollen zu lassen.

          Was für ein tolles Angebot: Bis zum 12. Dezember sollten die Straßenbahnen auf zwei Linien durch Frankfurt pendeln. Doch, o weh, nach wenigen Stunden musste das Angebot gestoppt werden. Sie ahnen es, der Impfstoff war weg. Es kommt nicht genug Nachschub, ein Skandal. Müssen doch nun auch andere Impfangebote eingestellt werden.

          Eine unverantwortliche Inszenierung

          Jetzt kurz die Augen reiben – und hinter der Fichte wieder hervortreten: Die Stadt war zum Wochenende, also vor dem Start des Impf-Expresses, gewiss nicht schlechter informiert als jeder aufmerksame Leser der Rhein-Main-Zeitung der F.A.Z. oder ein durchschnittlicher Hausarzt-Patient. Die wussten spätestens seit der zweiten Hälfte der vergangenen Woche, dass die Impfstoff-Mengen und -Lieferungen nicht ausreichen würden, um weiter munter drauflos zu impfen.

          Das ist schlecht, keine Frage. Aber in diese Situation hinein war es unverantwortlich, einen Impf-Express-Fototermin für den Oberbürgermeister zu inszenieren, von dem man wusste, dass dieser sich in seiner ursprünglichen Aussage noch am selben Tag ins Gegenteil verkehren würde. Außer: Es war genau so geplant.

          Wer den Express rollen lassen will, kann sich viel besser empören als jemand, der aus seinem Amtszimmer die Geschehnisse sachlich in die richtigen Bahnen zu lenken versucht. Als jemand, der anstrebt, das Impfgeschehen so zu ordnen, dass nicht die als erste geboostert sind, die am schnellsten handeln und laufen können, sondern diejenigen, die aus sachlichen Gründen am dringendsten darauf angewiesen sind. Als jemand, der Chaos vermeidet anstatt es zu schaffen, um danach scheinheilig zu sagen, ihm fehlten die Worte. Ganz Frankfurt ist stinksauer auf Berlin? Vielleicht, aber wenn Frankfurt stinksauer auf den Oberbürgermeister wäre, hätte das auch etwas für sich.

          Carsten Knop
          Herausgeber.

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