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Im Porträt: Eckhard Kuchenbecker : Der Klangsammler

  • -Aktualisiert am

Klangsammler Eckhard Kuchenbecker in seinem Tonstudio in Aschaffenburg Bild: Cornelia Sick

Wenn Eckhard Kuchenbecker durch Aschaffenburg flaniert oder in Bolivien durch den Dschungel streift, interessiert ihn vor allem, was dort zu hören ist. Denn er sammelt Töne. Mittlerweile hat er eine Datenbank aufgebaut und stellt das Material im Internet zur Verfügung - und bei der Musikmesse in Frankfurt vor.

          Wenn Eckhard Kuchenbecker durch seine Heimatstadt Aschaffenburg flaniert oder in Bolivien durch den Dschungel streift, interessiert ihn vor allem, was dort zu hören ist. Denn der Siebenundvierzigjährige ist ein Sammler von Geräuschen und Tönen. 3000 Klangbilder von „Alarm“ bis „Zug“ hat er in einer Sounddatenbank archiviert, die er auf der Musikmesse Frankfurt vorstellt. Unter www.yoursounds.de kann man gegen Gebühr Applaus und Jubelrufe ins Wohnzimmer holen, Klänge aus dem malaysischen Regenwald herunterladen oder dem Plätschern eines Baches lauschen. Kuchenbecker will mit dem Tonarchiv Geld verdienen. Er möchte aber auch den Spaß am Hören fördern und dafür sensibilisieren, wie unterschiedlich Städte oder Landschaften klingen.

          100.000 Euro haben der Aschaffenburger und sein Kompagnon Günter Knon in die Internet-Plattform investiert. Die beiden Männer sind sicher, dass es gut angelegtes Geld ist. „Denn Töne braucht man überall“, sagt Kuchenbecker. Zu seinen potentiellen Kunden zählt er nicht nur Fernseh- und Filmregisseure, sondern auch Medien- und Filmhochschulen sowie die Produzenten von Hörbüchern und Computerspielen.

          Besondere Erlebnisse festhalten

          Kuchenbecker wollte ursprünglich Fotograf werden. Dass er seit mehr als 25 Jahren jedoch als Tonmeister in Filmen wie „Die Wilden Kerle“, „Das Sams“, „Der Räuber Hotzenplotz“ oder „Tatort“ den Lebensunterhalt für die fünfköpfige Familie verdient und mit Regisseuren wie Christoph Schlingensief, Herbert Achternbusch, Jan Schütte, Hans Steinbichler und Jospeh Vilsmaier zusammengearbeitet hat, verdankt sich einem Zufall. Oder besser gesagt: einem Verlust. 1991 hatte sich der Absolvent der Hochschule für Gestaltung in Offenbach für die Dokumentation „Das Ende einer Reise“ auf eine viermonatige Expedition mit dem Filmemacher Heiner Stadler begeben. Mit dem Geländewagen ging es von München nach Hongkong.

          Die besonderen Erlebnisse dieser abenteuerlichen Fahrt wollte Kuchenbecker auf Mittelformat-Filmen festhalten. Doch zurück in Deutschland, stellte sich heraus, dass von etwa 80 Filmen nur zwei belichtet waren. „Das war natürlich ein Schock“, erinnert er sich. Vermutlich beim Klettern in den Tempel-Ruinen von Palmyra in Syrien war die Kamera gegen einen Felsen geprallt, ohne dass der Schaden am Verschluss aufgefallen wäre. Doch als Kuchenbecker die Originaltöne auf den Magnetfilm überspielt, tauchen die Bilder jener Reise wieder auf. Die Erfahrung, zu sehen, was er hört, lässt ihn nicht mehr los. Die Aufnahmen dieser Expedition bilden die Grundlage für ein Geräusche-Archiv auf CD. 40 Stück zu so unterschiedlichen Themen wie Verkehr, Industrie oder Natur sind in den vergangenen zehn Jahren erschienen.

          Lärm im Hafen von Copacabana

          Dreharbeiten führten Kuchenbecker nach Afghanistan, Iran, Kenia, Marokko, Zimbabwe oder Polen. Die Aufenthalte nutzte er, um seine Datenbank zu erweitern. 2008 war er zwei Monate in Bolivien für den Film „Postkarten nach Copacabana“. Dort hielt er mit dem Mikrofon den Lärm im Hafen von Copacabana fest, das Jaulen der streunenden Hunde und das Brechen der Wellen am Titicacasee.

          Auch in Aschaffenburg wird er immer wieder fündig. Im November vergangenen Jahres hat er die Geräusche des Eisbrechers auf dem Main aufgenommen. Ein wenig stolz spielt er die Aufnahme vor und weist darauf hin, wie unterschiedlich es klingt, wenn sich das Schiff einen Weg durch hauchdünnes Eis oder durch dicke Eisschollen bahnt.

          Einmalig sind auch die Aufnahmen vom Autokorso am Kreisel der Elisenstraße, den sich die Fußballfans während der Weltmeisterschaft zum Feiern ausgesucht hatten. Auf dem Stiftsplatz hat er eine winterliche Atmosphäre eingefangen. Autos fahren langsam über den Schnee. Es sind Schritte auf Matsch, ein Schneeschieber und fränkische Stimmen zu hören. Dialekte oder Bravorufe eines begeisterten Konzertbesuchers sind allerdings nicht immer günstig. Denn international sind diese Aufnahmen dann nicht mehr zu verwenden.

          162 Wasser-Treffer

          Wer in der Datenbank das Stichwort Regen anklickt, erhält 62 Treffer, beim Wasser sind es sogar 162. Die Klangeindrücke reichen vom tosenden Wasserfall bis zum Rinnsaal und von der Brandung bis zur Toilettenspülung. Die Versuche, Vogelgezwitscher im Spessart aufzunehmen, hat Kuchenbecker fast aufgegeben. Im Einzugsgebiet des Frankfurter Flughafens seien ruhige Aufnahmen schwierig, sagt er.

          Ende April wird der Siebenundvierzigjährige sein Haus im Stadtteil Damm wieder einmal für mehrere Wochen verlassen, um gemeinsam mit Regisseur Vilsmaier das Bergsteiger-Drama der Brüder Reinhold und Günther Messner am Nanga Parbat zu verfilmen. Allzu weit fahren muss er diesmal allerdings nicht. Denn gedreht wird in den Dolomiten und am Großvenediger. Und in einem Kühlhaus in der Nähe von München. Dort soll der Berg nachgebaut und bei Minusgraden die Atmosphäre am Himalaja simuliert werden. Reinhold Messner wird darüber wachen, dass die Bilder auch realistisch sind, und Kuchenbecker dafür sorgen, dass kein falscher Ton die Aufnahme verdirbt.

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