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Im Jubiläumsjahr : Rüdesheim beschwört den „Geist des Weines“

  • -Aktualisiert am

Prüfender Blick: Brennmeister Andreas Endlich begutachtet sein Werk. Bild: Michael Kretzer

Von einer wieder engeren Verbindung zwischen Asbach und der Stadt wollen beide Seiten profitieren. Der Weinbrandhersteller setzt im Jubiläumsjahr auch auf die Premium-Nische.

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          In der Luft liegt der „Geist des Weines“. Die kupfernen Brennblasen strahlen eine wohlige Wärme aus. Drei der sieben eindrucksvollen Geräte sind in Betrieb, um Wein zu einer geschmackvollen Essenz zu destillieren. Der Weg vom Wein zum Brand ist allerdings ein langer und ein komplexer. Aus jeweils 2500 Liter Weißwein, die jede Brennblase aufnehmen kann, werden binnen sechs Stunden rund 300 Liter sogenannter Rauhbrand mit einem Alkoholgehalt von 35 Prozent destilliert. In einem zweiten Durchgang werden daraus binnen 14 Stunden rund 140 Liter Feinbrand mit einer Stärke von 70 Prozent Alkohol.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Danach folgt die jahrelange Lagerung in kleinen Eichenfässern, ehe der Weinbrand trinkfertig gemacht und gefüllt wird. „Wir sind die letzte Weinbrennerei, die noch in Deutschland brennt“, sagt Asbach-Geschäftsführer Christopher Dellee. Das gilt aber nur für etwa ein Viertel der Produktion. Der größere Teil wird in Frankreich im Auftrag und nach Vorgaben von Asbach gebrannt. Das ist auch insofern ein Gebot der Vernunft, als die meisten Grundweine für Deutschlands bekanntesten Weinbrand traditionell vorwiegend aus dem Süden Frankreichs und dem Norden Italiens stammen.

          Restrukturierung und drastischer Abbau von Arbeitsplätzen

          Seine Fassreife erhält jeder Tropfen in Ottersweier am Fuße des Schwarzwalds in rund 20000 jeweils 300 Liter fassenden Eichenfässern. Eine kostspielige Angelegenheit ist die über gesetzliche Vorgaben hinausgehende Lagerung schon insofern, als jedes Jahr drei Prozent der hochprozentigen Flüssigkeit aus den Fässern heraus verdunsten. Den „Anteil der Engel“ nennen die Brennmeister den unvermeidlichen Schwund. In Ottersweier im Schwarzwald summiert sich das laut Dellee immerhin auf 600 Flaschen Asbach täglich.

          Abgefüllt wird in Wilthen in Sachsen. Dennoch legt Dellee Wert auf die Feststellung, dass Asbach nach wie vor ein Rüdesheimer Produkt sei. Hier hat das heute zu Underberg gehörende Unternehmen nach wie vor seinen Sitz. Hier werden die Destillate zur Füllung vorbereitet und steht das Asbach Besucher Centrum mit seinen wieder erweckten Brennblasen, das im Jahr immerhin rund 20000 Besucher zählt.

          Dass Asbach dennoch von Besuchern bisweilen nicht mehr als Rüdesheimer Original betrachtet wird, hängt mit der wechselvollen Geschichte zusammen, nachdem die Familie Asbach fast 100 Jahre nach der Gründung ihr Unternehmen im Jahr 1892 an die englische Guinness-Tochter United Distillers veräußert hatte. Die Folgen waren eine Restrukturierung sowie ein drastischer Abbau von Arbeitsplätzen. Ruhe kehrte aber nicht ein. 1997 fusionierte Guinness mit Grand Met zu Diageo, und 1998 schloss sich United Distillers mit der Weltmarken Import GmbH zu United Distillers and Vintners zusammen. Diese verkaufte 1999 ihre Asbach-Anteile an Bols Royal Distillers, die wiederum 50 Prozent an die Semper idem Underberg AG weiterreichte. Bols Royal Distillers seinerseits wurde wenige Monate später von Remy Cointreau übernommen. Die Anteile an Asbach wurden 2002 schließlich vollständig von Underberg übernommen. Ende der achtziger Jahre beschäftigte Asbach in Rüdesheim noch mehr als 500 Mitarbeiter, 2002 waren es mehr als 100, heute sind es zehn.

          Asbach: eine nationale Marke in einem schrumpfenden Markt

          Dennoch sieht sich Asbach mit Rüdesheim weiterhin eng verbunden, und die vor einigen Jahren wieder in Betrieb genommenen Brennblasen am Asbach Besucher Centrum sind laut Dellee auch „keine Show“, sondern stehen für eine nennenswerte Größe im Produktionsplan. Auch Spezialprodukte wie Jahrgangsbrände werden hier hergestellt. Sie gewinnen vor allem vor dem Hintergrund der Bemühungen um eine Internationalisierung der schon 1908 beim Kaiserlichen Patentamt eingetragenen Marke „Asbach Uralt“ an Bedeutung, denn in Asien sind hochwertige Brände mit langer Reifezeit gefragt, ganz unabhängig vom Preis. Dennoch ist Asbach weiterhin vorrangig eine nationale Marke in einem schrumpfenden Markt. Nur wenig mehr als zehn Prozent gehen ins Ausland, die allerdings sogar bis nach China.

          „Aber Rüdesheim ist unsere Heimat und liegt uns am Herzen“, sagt Dellee. Und weil Asbach in diesem Jahr seinen 125. Geburtstag feiert, soll das Profil noch einmal geschärft werden. Das freut auch Rüdesheim. Der Vorstand der Tourist AG, Rolf Wölfert, sagt, der Bekanntheitsgrad von Asbach sei mit 85 Prozent noch höher als der von Rüdesheim. Wölfert sieht eine gute Chance, Asbach für Rüdesheim-Besucher noch interessanter zu machen und einen Besuch nebst Verkostung in Programmpakete zu integrieren. Auch öffentliche Führungen, zu denen Individualgäste ohne Voranmeldung kommen können, sollen regelmäßig als Angebote etabliert werden.

          Die Brennblasen aus den sechziger Jahren, in denen nach Abschluss der Weinlese zwischen November und Juli Weinbrand hergestellt wird, gehören dann zu den Höhepunkten jeder Führung, und ebenso die eindrucksvollen Siemens-Weingeist-Zähler. „Feinmechanische Wunderwerke“, die die Alkoholmenge messen, damit der Zoll einmal monatlich bei seinen Besuchen die Abgaben für den Staat bemessen kann. Ein lohnendes Geschäft für den Finanzminister. Mit zwei Milliarden Euro im Jahr bringt diese Verbrauchsteuer immerhin fünfmal so viel ein wie die Sektsteuer.

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