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Im Gespräch: Die Limburger Bistumsleiter Grothe und Rösch : „Es ist lange noch nicht alles im Konsens“

  • Aktualisiert am

Führungsduo: Der Apostolische Administrator Manfred Grothe (rechts) und sein Ständiger Vertreter Wolfgang Rösch im Bischöflichen Ordinariat in Limburg Bild: Fricke, Helmut

An den Administrator des Bistums Limburg und seinen Vertreter gibt es hohe Erwartungen. Im Interview sprechen Manfred Grothe und Wolfgang Rösch über den Verlust des Wir-Gefühls in der Diözese und innerkirchliches Versagen.

          Herr Weihbischof, sind Sie nach Ihrer Hüftoperation und der Reha wieder gesund?

          Manfred Grothe: Relativ gesund. Aber ich kann und will mich der Wirklichkeit wieder stellen.

          Was macht, um im Bild zu bleiben, der Gesundheitszustand des Bistums?

          Grothe: Der Patient hat Lebensmut, hadert aber noch mit einigen Dingen, die er nicht versteht. Es gibt viele Interessen, die nicht alle gleich gelagert sind, aber entscheidend ist, dass Lebenswille da ist und Erwartungen an mich als Administrator.

          Welche Therapie hat die Bistumsleitung?

          Grothe: Als ich mich meiner Hüftoperation stellte, sagte mir mein Arzt, er habe das schon 1300 Mal gemacht. Die Lage im Bistum ist hingegen historisch einmalig. Was sich da ereignet hat, war nicht nur ein kleiner Betriebsunfall, sondern ein Crash. Da gibt es keine Patentrezepte. Lösungen ergeben sich für mich aus Gesprächen und Begegnungen, bei denen ich spüre: Es ist lange noch nicht alles im Konsens.

          Wolfgang Rösch: Es gibt ja zwei Ebenen: Einerseits geht es um Klarheit in Strukturen und Entscheidungen. Andererseits gibt es angesichts der vielen Verunsicherungen und Verletzungen im Bistum ein seelsorgerliches Problem. Da ist der Administrator sehr hilfreich: Er kann Dinge klar analysieren, und er hat etwas Väterliches und ist eine sehr integre Persönlichkeit.

          Grothe: Mir war das Ausmaß der Verletzungen und Enttäuschungen anfangs nicht bewusst. Diese tiefere Dimension meiner Aufgabe ahne ich jetzt langsam erst. Und sie kostet Zeit. Die einzelnen Fehler und Mängel, die in dem Prüfbericht zum Bischofshaus aufgeführt sind, kann man hingegen binnen eines überschaubaren Zeitrahmens beheben, zum Beispiel den Verkauf des St. Georgswerks, durch den der Bischöfliche Stuhl an liquide Mittel gekommen war. Dieser Verkauf wird nun rückgängig gemacht. Schwieriger wird es schon, wenn es um einzelne Personen geht, die da mitgearbeitet haben. Aber man kann nicht alle abstempeln, bloß weil sie dem Bischof loyal zugearbeitet haben.

          Sie meinen den früheren Generalvikar Franz Kaspar?

          Grothe: Ja, ihn und andere Mitarbeiter in der Verwaltung. Ich kriege nicht dadurch einen neuen Geist, dass ich sage: Die „entsorge“ ich einfach.

          Verstehen Sie denn, dass es im Bistum eine gewisse Ungeduld gibt?

          Grothe: Ja, das ist eine Frage der Zeit. Ich bin jetzt erst einmal im Zentrum der Verwaltung. Ich will aber auch bald Kontakt zu den Gemeinden suchen. Ich dachte ja anfangs, ich würde nur ein halbes Jahr hierbleiben, um die machbaren Probleme zu lösen. Aber die Aufgaben, die nicht einfach von jetzt auf gleich zu lösen sind, brauchen mehr Zeit.

          Rösch: Wir nehmen diese Ungeduld sehr deutlich wahr, und sie ist angesichts der teilweisen großen Erleichterung über die Entscheidung des Papstes, den Amtsverzicht von Bischof Tebartz-van Elst anzunehmen, auch verständlich. Die Krise ist über fünf Jahre entstanden, in etwa so lange wird auch ihre Bewältigung brauchen. Dann kommt noch hinzu, dass der Bischof noch immer in dem Haus auf dem Domberg wohnt, was von vielen so verstanden wird, als habe sich nichts geändert. Und man muss sehen: Von den acht Wochen, in denen Weihbischof Grothe Administrator ist, war er vier Wochen krank und in der Reha, und es gab die Kar- und die Osterwoche mit einem gänzlich anderen Schwerpunkt.

          Wie sehr ärgert es Sie, dass der frühere Bischof noch in seiner Wohnung wohnt?

          Grothe: Das müssen wir jetzt durchtragen. Es ist keine gute Situation, weder für den Bischof noch für die Diözese. Das Bistum ist ihm als emeritiertem Bischof aber auch verpflichtet. Wir können ihn nicht einfach so vor die Tür setzen. Wir beide haben mit dem Bischof offen darüber gesprochen, wie er sich seine Zukunft außerhalb des Bistums vorstellt und wie wir ihm dabei helfen können. Wir können nicht mit heiligem Zorn über ihn herfallen. Die letzte Entscheidung trifft der Heilige Vater mit der Bischofskongregation.

          Rösch: Wenn wir uns ärgern würden, würde das ja nichts nützen. Wichtig ist, dass wir unsere Freiheit bewahren. Er weiß um unsere klare Bitte, dass er seine Wohnung so schnell wie möglich verlassen möge. Und er selbst weiß auch, dass er dort quasi gefangen ist. Er kann ja nicht einmal Brötchen holen, ohne aufzufallen.

          Wie lange brauchen Sie, um Ihre Aufgabe im Bistum zu erfüllen, Herr Weihbischof?

          Grothe: Wie mein Ständiger Vertreter denke ich auch, dass die Krisenbewältigung längere Zeit dauern wird. Versöhnung lässt sich nicht ohne die nötige Vorarbeit erzielen, das sieht auch der Vatikan so. Der neue Bischof, wann immer er kommen mag, wird sich weiter um Aufarbeitung und Versöhnung kümmern müssen – durch eine neue Entscheidungskultur und eine Atmosphäre des Miteinanders. Wir können nur den Anfang machen, und der ist, wie beschrieben, schwer genug. Aber erste Erfolge gibt es schon.

          Müssen Sie der Bischofskongregation regelmäßig Bericht erstatten, oder ist man in Rom eher froh, eine Weile nichts aus Limburg zu hören?

          Grothe: Man ist sicherlich froh, dass es um Limburg ruhiger geworden ist. Aber Rom ist genauso interessiert daran, was wir Schritt für Schritt tun. Es gehört auch zu unserer Aufgabe, hin und wieder in Rom vorstellig zu werden.

          Zu Ihren Aufgaben gehört es aber doch auch, einen Bericht über die Lage der Diözese zu schreiben, oder? Bis wann wollen Sie ihn vorlegen?

          Grothe: Ich habe angefangen, mir Notizen zu machen. Ich hoffe aber, dass es mir erspart bleibt, einen solchen Bericht zu schreiben, denn er wäre sicher ziemlich umfänglich.

          Könnte dem Bistum eine Diözesansynode helfen, für die die im Hofheimer Kreis zusammengeschlossenen Priester eintreten?

          Grothe: Das würde ich im Augenblick nicht gut finden, denn es gibt noch viele unterschiedliche Erwartungen an die Bistumsleitung. Wir brauchen zuerst wieder einen Gleichklang im Grundsätzlichen. Ein Synode befasst sich ja mit der pastoralen Zukunft, jetzt müssen wir erst einmal eine Baustelle ordnen.

          Rösch: Abgesehen davon, dass nur ein Bischof eine solche Synode einberufen kann, haben wir mit unseren synodalen Gremien ja so etwas wie eine ständige Diözesansynode.

          Grothe: Die synodale Struktur im Bistum ist durch die Ereignisse der letzten Zeit verfremdet worden. Das Bistum Limburg hat mit seiner Struktur vor Jahrzehnten die Entwicklung der Kirche in Deutschland in manchem vorweggenommen, aber da ist in jüngster Zeit einiges aus dem Lot geraten.

          Sie beschreiben das so, als sei diese Entwicklung über das Bistum hereingebrochen wie ein Unwetter, und nicht so, als seien einzelne Personen dafür verantwortlich.

          Grothe: Es geht mir nicht nur um den früheren Bischof und seinen Generalvikar. Für mich haben auch synodale Strukturen versagt, und ich möchte wissen, woran das lag. Warum konnten die synodalen Strukturen nicht Schaden verhindern?

          Schließen Sie in dieser Analyse das Domkapitel ein?

          Grothe: Ich meine alle Gremien. Das Wir-Gefühl ist völlig verlorengegangen. Es ist eine der ersten und wichtigsten Aufgaben, die uns gelingen muss: das Wir-Gefühl wieder zu stärken. Meine Frage ist, warum im Bistum Limburg die synodalen Organe nicht zueinandergefunden haben, um miteinander an einer Lösung zu arbeiten. Auch dieser Frage gehen wir nach, mit Hilfe von Beratung von außen.

          Rösch: Wir hatten in der Eskalation des Konflikts nicht nur eine zunehmende Verletzung, sondern auch eine Reifung der Gremien. Das, was passiert ist, wird sich deshalb nicht noch einmal wiederholen. Auch das Domkapitel war am Anfang wie paralysiert, am Ende hat es sich klar geäußert. Versagt haben aber auch andere innerkirchliche Organe, etwa das für uns zuständige Erzbistum Köln.

          Kardinal Meisner, der damalige Erzbischof, hatte erst spät zu kritischen Worten gefunden.

          Rösch: So ist es.

          Es gibt noch immer rechtliche Prüfungen im Zusammenhang mit dem Bau des Bischofshauses. Auf welche Sachverhalte beziehen sich diese?

          Grothe: Das sind zunächst die Untersuchungen, die sich aus dem Prüfbericht ergeben und die sich darum drehen, wie die festgestellten Mängel zu beheben sind. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob ein Verfahren wegen Untreue anzustreben ist. Unabhängig davon prüfen wir, mit Hilfe erfahrener Kirchenrechtler und Wirtschaftsprüfer, was an Schaden entstanden ist, wem er entstanden ist, etwa dem Bischöflichen Stuhl, und wer für den Schaden haftbar ist.

          Könnte am Ende ein Verfahren vor der Rota in Rom stehen, dem Päpstlichen Gericht?

          Grothe: Das kann man nicht ausschließen.

          Aber es gibt doch das Argument, dem Bischöflichen Stuhl sei kein finanzieller Schaden entstanden, weil für das Geld ja eine wertvolle Immobilie entstanden ist.

          Grothe: Stimmt, aber man könnte fragen, ob dieser Gegenwert der Geldsumme gegenüber angemessen ist oder nicht. Und es gibt Stimmen, die sagen, da liegt möglicherweise persönliche Bereicherung vor oder Leichtfertigkeit im Umgang mit Geld.

          Sind die Verhandlungen über das Ruhestandsgehalt für den emeritierten Bischof abgeschlossen?

          Grothe: Ja, es gab eine einvernehmliche Einigung mit ihm.

          Wie viel Geld bekommt er?

          Grothe: Rund 71 Prozent des letzten Gehalts, gemäß der Besoldungstabelle für Beamte B8. Davon wird entsprechend der Priesterbesoldungsordnung der Ortszuschlag der Stufe 1 abgezogen, da ihm derzeit noch eine Dienstwohnung zur Verfügung gstellt wird.

          Ist die Höhe des Gehalts gekoppelt an die Mitwirkung des Bischofs bei der Suche nach einer neuen Aufgabe?

          Grothe: Ein Bischof kann immer nur im Auftrag des Papstes tätig sein, nie für sich allein.

          Das ist klar. Aber der emeritierte Bischof könnte dem Papst ja von sich aus Vorschläge machen.

          Grothe: Theoretisch könnte er sagen: Der Heilige Vater hat mich abgesetzt, er weiß, dass ich eine neue Aufgabe suche, und ich warte, bis er einen für mich geeigneten Platz gefunden hat. Aber Bischof Tebartz-van Elst spürt doch jeden Tag, dass er in einem goldenen Käfig lebt. Das ist für einen Mann wie ihn fürchterlich.

          Muss das Bistum das Ruhestandsgehalt auch dann weiterzahlen, wenn der Bischof eine neue Aufgabe gefunden hat?

          Rösch: Wir haben darauf geachtet, dass es keine Überversorgung für ihn gibt.

          Zu Ihren Baustellen, Herr Weihbischof, gehört auch das Domkapitel. Dort sind zwei Sitze frei, die Sie besetzen könnten. Wen haben Sie dafür im Blick?

          Grothe: Das möchte ich bei einem der nächsten Besuche in Rom mit der Bischofskongregation abstimmen.

          Wann könnte das Wahlprozedere zur Bestimmung eines neuen Bischofs beginnen?

          Grothe: Um das beantworten zu können, muss ich erst genau wissen, was Rom von mir in meiner Zeit in Limburg konkret erwartet. Ich bin zum Administrator bestimmt worden und soll zur Versöhnung beitragen. So weit, so gut. Aber was das ganz konkret heißt, ist noch offen.

          Die Fragen stellte Stefan Toepfer.

          Zu den Personen

          Manfred Grothe ist seit dem Rücktritt von Franz-Peter Tebartz-van Elst Apostolischer Administrator im Bistum Limburg. Zudem ist er Weihbischof im Erzbistum Paderborn. Grothe leitete die Kommission, die die Kostensteigerungen des Umbaus der Limburger Bischofsresidenz untersucht hat.

          Wolfgang Rösch ist Grothes Ständiger Vertreter. Rösch war bis zum Amtsverzicht von Tebartz-van Elst im März 2014 Generalvikar im Bistum Limburg.

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