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Idstein : Fluch der attraktiven Familienstadt

  • -Aktualisiert am

Gutes Pflaster: Idstein hat seine malerischen Ecken und ist zudem als Wohnort leicht erreichbar. Bild: Wonge Bergmann

In Idstein wohnt es sich beschaulich und verkehrsgünstig. Auf den Zuzug vieler Neubürger ist die Infrastruktur jedoch nicht eingerichtet.

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          Eine prosperierende, attraktive Stadt ist unter anderem am steten Zuzug junger Familien erkennbar. Idstein kann sich vor allem dank seiner verkehrsgünstigen Lage an der Autobahn 3, seiner guten Infrastruktur und der hübschen Altstadt zu diesen begünstigten Kommunen zählen. Die Schattenseite ist die Verpflichtung zu immer neuen Investitionen, damit die Infrastruktur Schritt hält. Diese Entwicklung dokumentiert gut der Kindertagesstätten-Entwicklungsplan, den Idstein zum Jahresbeginn aktualisiert hat. Demnach ergibt sich allein aus dem Zuzug von Familien in den Jahren 2015 und 2016 – vor allem durch den Erfolg der beiden großen Neubau- und Entwicklungsgebiete Taunusviertel und Nassauviertel – ein „signifikanter Mehrbedarf“ an Betreuungsplätzen.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Eine Wahl hat Idstein dabei nicht, denn zur Erfüllung des Rechtsanspruchs der Eltern auf einen Kindergarten- und Betreuungsplatz muss die Stadt absehbar zusätzlich 75 Regel- und zwölf Krippenplätze schaffen. Mit größeren Gruppen an bestehenden Einrichtungen allein ist das nicht zu schaffen, weil der Landkreis eine pauschale Überbelegung der vorhandenen Kitas nicht akzeptiert. Flexible Lösungen, beispielsweise indem sich Eltern einen Betreuungsplatz teilen, scheitern bislang an deren mangelnder Bereitschaft. An den 14 bestehenden Kindergärten in Idstein mit insgesamt 742 Regel- und 162 Krippenplätzen, von denen nur sechs in kommunaler Trägerschaft sind, lassen sich zudem nicht ohne weiteres zusätzliche Gruppen ansiedeln. Dazu müssten die Gebäude erweitert werden. Allerdings wären dann die Frei- und Spielflächen zu klein.

          Hoffen auf einen freien oder kirchlichen Träger für die Kita

          Für die Verwaltung steht nach Absprache mit den Landkreis fest, dass nur der Neubau einer Kindertagesstätte mit mindestens vier Gruppen für Kinder im Alter von drei Jahren an sowie mit einer zusätzlichen Krippengruppe mit zwölf Plätzen in Betracht kommt, um der gestiegenen Nachfrage gerecht zu werden und auf den grundsätzlich erwünschten Zuzug junger Familien angemessen zu reagieren. Die Prognosen bis 2020 lassen keine Entspannung erwarten, vielmehr wird ein Bedarf von durchschnittlich 887 Betreuungsplätzen vorhergesagt. Bis 2025 könnte dieser Bedarf auf 900 Plätze steigen. Dann klingt der Effekt der Neubaugebiete ab, aber es werden wohl nicht die letzten in Idstein bleiben, wie die langfristigen Pläne der Stadtentwicklung zeigen. Das alles kostet Geld, viel Geld. Bürgermeister Christian Herfurth (CDU) schätzt das aktuelle Investitionsvolumen der neuen Kita auf rund zwei Millionen Euro.

          Geld, das die Stadt eigentlich nicht hat, zumal sie im laufenden Haushalt einen Einbruch bei den geplanten Gewerbesteuereinnahmen in Höhe von rund drei Millionen Euro verkraften musste. Einen revidierten Haushaltsplan mit Ausgaben von knapp 51 Millionen Euro werden die Stadtverordneten Ende Juni beschließen. Die Stadt sucht deshalb dringend einen kirchlichen oder freien Träger, der die Kita baut – und das möglichst bezugsfertig bis zum Beginn des übernächsten Kindergartenjahres im September 2018. Die Stadt würde die Plätze dann entsprechend finanziell fördern. Für einen eigenen Bau können derzeit keine Investitionsprogramme des Bundes oder des Landes abgerufen werden. Erst zum Jahresende wird Klarheit über das nächste, bis ins Jahr 2020 reichende Förderprogramm des Landes bestehen.

          Bürgermeister Herfurth hofft jedenfalls, dass sich ein kirchlicher oder freier Träger in der Stadt engagiert und den notwendigen Neubau in Angriff nimmt. Das Interesse lotet die Verwaltung nun aus. Bleibt es wider Erwarten aus, muss die Stadt doch noch selbst das Heft in die Hand nehmen, womöglich mit Unterstützung der Kommunalen Wohnungsbau GmbH, deren größter Gesellschafter die Stadt ist. In jedem Fall drängt die Zeit, vor allem wenn die Kommune nach den Richtlinien öffentlicher Ausschreibungen vorgehen muss. Doch der Bürgermeister hat zumindest schon erste Signale empfangen, dass der Stadt die Rolle als Bauherr womöglich erspart bleibt.

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