https://www.faz.net/-gzg-9yacn

Forscher rügen Gifteinsatz : Hubschrauber gegen Mückenmassen

Mit Gift und Helikoptern bekämpft: In Feuchtgebieten wie dem Lampertheimer Bruch gedeihen Insekten sonst in Massen. Bild: Dirk Reichle, KABS

Im Kampf gegen die Plage der Rheinschnaken setzt die Komunale Aktionsgemeinschaft weiter auf ein umstrittenes Mittel und noch dazu auf einen dritten Helikopter. Forscher äußern Kritik am eingesetzten Mückengift.

          2 Min.

          Um den Kühkopf und die Knoblauchsaue bei Stockstadt müssen die Hubschrauber auch weiterhin einen großen Bogen machen. Schließlich ist Hessens größtes Naturschutzgebiet eine der wenigen Tabuzonen, wenn es darum geht, entlang des Rheins über den bekannten Brutstätten von Stechmücken toxisch wirkendes Eisgranulat abzuwerfen. Um mit Hilfe des kurz „BTI“ genannten Bakteriums „Bacillus thuringiensis israelensis“ das Schlüpfen der Insektenlarven zu verhindern, die in Tümpeln, Pfützen, Wasserlöchern und sonstigen Überflutungsflächen in Flussnähe auf ihren großen Tag warten.

          Markus Schug

          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Der Kampf gegen die von vielen Anwohnern und Besuchern der Region als Blutsauger gefürchteten Rheinschnaken, aber auch gegen die gleichfalls aufdringlichen Waldstechmücken wird von den Mitarbeitern der 1976 gegründeten Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (Kabs) Jahr für Jahr aufs Neue geführt. Die ersten Flüge der Saison 2020, bei denen die Hubschrauberpiloten nahezu das gesamte Rheintal zwischen Bingen im Norden und dem Kaiserstuhl im Süden im Auge haben, seien bereits erfolgreich absolviert worden, bestätigte Dirk Reichle im Gespräch mit dieser Zeitung.

          Seit Jahresanfang ist er der neue Wissenschaftliche Direktor des von rund 100 Rheinanlieger-Kommunen gemeinsam getragenen und finanzierten Vereins. Wie immer gibt es aber auch Kritik daran, ob diese Art der Stechmückenbekämpfung „biologisch und umweltschonend“ sei.

          „Risiko der Auswirkung nicht korrekt ermittelt“

          Nicht zum ersten Mal haben Forscher der Universität Koblenz-Landau sowie weitere international tätige Experten unter anderem darauf hingewiesen, dass das „tatsächliche Risiko der Umweltauswirkungen in behandelten Feuchtgebieten“ bis heute nicht korrekt ermittelt und zudem nicht transparent dargestellt sei. Gleichwohl wird selbst in der von ihnen Anfang April veröffentlichten Studie davon gesprochen, dass „BTI derzeit wohl das am wenigsten giftige Mittel zur Stechmückenbekämpfung ist“; das sich noch dazu vergleichsweise gezielt ausbringen lasse. Konkret befürchten die Kritiker des Mückengifteinsatzes jedoch, dass sich eine Reduzierung der Stechmückenpopulation negativ auf das Nahrungsangebot in den Feuchtgebieten auswirken könnte: also den dort lebenden und Insekten fressenden Vögel und Amphibien schade. Nicht zuletzt deshalb, weil als „Beifang“ häufig auch an Altrheinarmen und Baggerseen lebende Zuck- und Schwarmmücken vernichtet würden, die gar keine Blutsauger seien.

          Den Vorwurf, dass die Kabs-Einsätze womöglich die biologische Vielfalt gefährden könnten, weist der 54 Jahre alte Direktor zurück, der schon seit mehr als drei Jahrzehnten für den in Speyer beheimateten Verein tätig ist. Der Kampf gegen die in früheren Jahrzehnten für die Oberrheinebene typische Schnakenplage werde ja nicht nur vom Hubschrauber aus geführt, die das für die Larven tödliche Eiweißgranulat gleich kübelweise verstreuen. Vielmehr seien mehr als 100 Mitarbeiter zu Fuß unterwegs, um an zuvor ausgewählten Orten in Waldgebieten und in Flussnähe ein andernfalls drohendes Massenschlüpfen zu verhindern. Klappt alles nach Plan, kann der als gemeinnützig anerkannte Verein, der über einen Jahresetat von rund vier Millionen Euro verfügt, laut Reichle pro Saison das Stechmückenaufkommen in den überwachten Regionen um 85 bis 90 Prozent reduzieren.

          Schlechte Erfahrungen 2019

          Für die Bekämpfung der Hausmücken, deren Brutstätten oftmals in Wasserfässern, Gullys und verstopften Dachrinnen nahe an der Wohnung zu finden sind, ist das Kabs-Team dagegen explizit nicht zuständig. Obwohl solche Plagegeister, die vergleichsweise standorttreu sind und nicht eben weit weg fliegen, den Hausbewohnern ebenfalls oftmals arg auf die Nerven gehen.

          Wie unangenehm es werden kann, wenn nichts getan wird, hat sich im Frühsommer 2019 gezeigt. Weil damals beide Hubschrauber wegen Defekten am Boden bleiben mussten, waren die Schnakenbekämpfer wochenlang zur Untätigkeit verdammt. In den zur Kontrolle aufgestellten Fallen, etwa im südhessischen Lampertheim, habe man seinerzeit bis zu 2000 Stechmücken gezählt; zehnmal mehr als normal. Damit das nicht noch einmal passiert, wurde als „Backup“ mittlerweile ein dritter Helikopter angeschafft.

           

          Weitere Themen

          Mainfähre vor dem Aus

          Nach fast 120 Jahren : Mainfähre vor dem Aus

          Das Schiff steht bereit, doch es fehlt an Geld und Personal: Nach fast 120 Jahren wird die Mainfähre zwischen Mühlheim und Maintal-Dörnigheimden endgültig der Vergangenheit angehören.

          Topmeldungen

          Schulen und Kindergarten virenfrei? Kurz vor Pfingsten wurden in einem Kindergarten in Athen die Lockerungsmaßnahmen aus dem Lockdown vorbereitet.

          Verbesserte Drosten-Studie : Kein bisschen Rückzieher

          Es darf weiter gestritten werden, ob Kinder so ansteckend sind wie Erwachsene. Eins haben die gescholtenen Charité-Forscher um Christian Drosten mit ihrer umgearbeiteten Viruslast-Studie gezeigt: Gute Kritik ist die beste Medizin.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.