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Hotels und Gaststätten : Es droht ein stilles Sterben

  • -Aktualisiert am

Bleibt optimistisch: Matthias Gerber, Eigentümer des Town Hotels, fordert eine Perspektive für die Gastronomie. Bild: Samira Schulz

Viele Kneipen und Gaststätten in Wiesbaden werden dauerhaft schließen. Der Hotel- und Gaststättenverband fordert eine „verlässliche Perspektive“ für die Branche.

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          „Die Regierung hat keinen wirklichen Plan; keinen echten Impfplan und auch keine echte Teststrategie.“ Matthias Gerber ist Inhaber des Wiesbadener Town Hotels und Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes Wiesbaden. Der 55 Jahre alte Hotelier schimpft nicht pauschal auf die Politik, die Schuldigen sitzen für ihn in Berlin. Während die hessische Landesregierung und auch die Stadt Wiesbaden seiner Einschätzung nach gute Arbeit bei der Hilfe für die Wirte machen, ist er davon überzeugt, dass die Gastronomie in der Landeshauptstadt den Preis für das „Herumlavieren der Bundesregierung“ zahle. Er fordert eine „verlässliche Perspektive“ für die Branche und wünscht sich eine konsequente Strategie bei der Bekämpfung der Pandemie. Er warnt davor, dass vor allem kleinere Kneipen und Gaststätten aufgeben könnten.

          „Alle Betriebe halten das auf keinen Fall durch“, sagt Gerber und verweist auf eine aktuelle Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes, nach der etwa 75 Prozent der befragten Unternehmer aus Hotellerie und Gastronomie um ihre Existenz bangen. 25 Prozent sollen konkret in Erwägung ziehen, ihren Betrieb dauerhaft zu schließen. Einen besonders schweren Stand haben seiner Meinung nach die Stadthotels mit dem Schwerpunkt Geschäftsreisen, denn ohne die Kongresse, wie etwa den Internisten-Kongress, ziehe es nicht ausreichend Geschäftsreisende in die Landeshauptstadt. „Es gibt Beispiele, wie etwa das benachbarte Hotel Drei Lilien. Das hat bereits vor einem Dreivierteljahr geschlossen“, sagt der Hotelier. Es gebe weitere Häuser in der Stadt, die ebenfalls seit geraumer Zeit geschlossen seien. An Spekulationen, ob diese Hotels wieder öffnen oder eine andere Nutzung geplant ist, will sich Gerber nicht beteiligen. Der andauernde Lockdown ist seiner Ansicht nach aber nur ein Teil des Wiesbadener Problems.

          Nach der Pandemie stehe noch nicht fest, ob wieder ausreichend Kongresse und Veranstaltungen in der Stadt stattfinden werden, der Hotelmarkt der Landeshauptstadt leide an einer strukturellen Überkapazität. Aufgrund der extremen Niedrigzinsen seien zu viele Häuser ähnlicher Kategorie gebaut worden. Zu diesen Problemen kommt nun noch die Verlängerung des Lockdowns, und Gerber warnt: „Insbesondere für viele kleinere gastronomische Betriebe spitzt sich die Situation weiter zu.“ Der gebürtige Freiburger prognostiziert ein stilles Sterben, vor allem der Lokale, der Wirte und Familienunternehmer, die aufgrund ihrer Betriebsgröße nicht in eine geordnete Insolvenz gehen.

          „Kein schönes Gefühl, staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen“

          Der Bezirksverbandsvorsitzende steht mit seinen Mitgliedsbetrieben in ständigem Kontakt und erlebt die Reaktionen der Wiesbadener Wirte hautnah. Auch wenn einige Gastronomen versuchten, optimistisch zu bleiben, so werde doch deutlich, dass viele Unternehmer eine gehörige Wut auf die Politik entwickelt hätten und die Entscheidungen aus Berlin nicht nachvollziehen könnten. Exemplarisch nennt er die umstrittenen Urlaubsreisen nach Mallorca, während touristische Übernachtungen vor Ort weiterhin verboten sind.

          Die Stadt hat das Ausmaß der Übernachtungskrise jüngst beziffert: Nach 1,28 Millionen Übernachtungen im Jahr 2019 meldeten die Hotels im vergangenen Jahr nur noch 655.000 Übernachtungen. Das ist ein Rückgang um fast 50 Prozent. Um Hotels und Gaststätten zu helfen, hat sich in der Stadt einiges bewegt. „Die Landesregierung und die Stadt haben sehr viel getan, um in dieser Situation zu retten, was noch zu retten ist“, sagt Gerber. Als Beispiel nennt er die zusätzlichen Flächen für die Außengastronomie, die 2020 unbürokratisch zur Verfügung gestellt worden waren. Die komplette Stadtverwaltung sei bei Fragen so gut ansprechbar gewesen, wie er das in 20 Jahren zuvor noch nie erlebt habe. Das Steueramt, die Energiebetriebe und die Entsorgungsbetriebe hätten der Branche geholfen, berichtet er. Gerber kann dabei auf die Erfahrungen von rund 45 Hotels und etwa 300 gastronomischen Mitgliedsbetrieben zurückgreifen.

          Insgesamt gibt es in Wiesbaden nach Daten der Industrie- und Handelskammer knapp 60 Hotels und Beherbergungsbetriebe sowie 670 gastronomische Betriebe. Die Gastwirte bekommen derzeit im Rahmen der Überbrückungshilfe bis zu 90 Prozent ihrer Fixkosten erstattet und die Angestellten werden über das Kurzarbeitergeld finanziert. Der Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes, Guido Zöllick, fordert, zusätzlich einen Unternehmerlohn auszuzahlen, damit die Wirte nicht auf die Grundsicherung angewiesen sind. Dafür spricht sich auch Gerber aus. Noch wichtiger ist ihm aber, dass er und seine Kollegen wieder öffnen können. Weitere staatliche Hilfe will er gar nicht. „Ich bin Unternehmer geworden, weil ich wirklich etwas unternehmen möchte. Es ist für mich kein schönes Gefühl, staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.“

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