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Kritik an Beherbergungsverbot : „Das macht unsere Branche kaputt“

Von wegen einheitlich: Auch Geschäftsreisende haben riesige Probleme durch die neuen Regeln der Bundesländer. Bild: dpa

Hotels, Unternehmen und Verbände kritisieren das Corona-Beherbergungsverbot. Für Geschäftsreisende wird es zunehmend zum Problem.

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          Der Check-in im Hotel lief schon unkomplizierter. Eigens aus Berlin gekommen, erhielt die geschäftlich reisende Frau am Freitag eine unmissverständliche Ansage: Ohne negativen Corona-Test kein Zutritt zur Unterkunft. Also fuhr die Frau, die das derzeit in Frankfurt laufende Kreativfestival B3 Biennale mitorganisiert, an den Flughafen und ließ sich dort für 139 Euro testen – negativ. Erst danach wurde ihr der Zutritt zu dem Frankfurter Hotel gewährt.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für Geschäftsreisende, die nach Frankfurt kommen oder aus der Region in einen anderen Teil des Landes fahren wollen, wird das Beherbergungsverbot zunehmend zum Problem. Denn mit steigenden Infektionszahlen werden immer mehr Großstädte und Landkreise zu Risikogebieten erklärt. Wer in einem solchen Gebiet wohnt, ist vom Beherbergungsverbot direkt betroffen. In Hessen etwa dürfen Übernachtungsbetriebe keine Reisenden aufnehmen, die aus Gegenden außerhalb des Bundeslandes mit erhöhtem Infektionsrisiko kommen, in denen also in den vergangenen sieben Tagen mehr als 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner aufgetreten sind. Auch Frankfurt stand mit einem Inzidenzwert von 62,1 am Dienstag auf dieser Liste.

          Doch es gibt Ausnahmen: Wer einen negativen Test vorlegen kann, der nicht älter als zwei Tage ist, oder nachweisen kann, dass der Aufenthalt „zwingend notwendig und unaufschiebbar beruflich oder medizinisch veranlasst ist“, darf in einem hessischen Hotel übernachten. Trotzdem ist die Verunsicherung unter Reisenden offenbar groß, wie auch Christiane Hütte berichtet. Seit 20 Jahren betreibt sie im Frankfurter Nordend die Villa Orange, ein kleines, elegantes Hotel mit Tagungsräumen, das zur derzeit laufenden Buchmesse in der Regel ausgebucht ist. Auch in diesem Jahr lagen Hütte nach den schwierigen Wochen im Lockdown wieder viele Buchungen vor. Doch in der vergangenen und in dieser Woche hagelte es Absagen, wie sie berichtet, „mir hat es die halbe Woche leergefegt“.

          Uneinheitlichkeit in den Bundesländern sorgt  auch für Kritik

          Inge Pirner findet das unerträglich. Pirner ist Vizepräsidentin des Verbands Deutsches Reisemanagement mit Sitz in Frankfurt, der dafür eintritt, dass die Bedeutung von Dienstreisen für die deutsche Wirtschaft wahrgenommen wird. Ihre Kritik richtet sich grundsätzlich gegen das Beherbergungsverbot, aber auch gegen die Uneinheitlichkeit der Regelungen in den Bundesländern. Das sei doch „Wahnsinn“, sagt sie. Während etwa Rheinland-Pfalz ankündigte, das Verbot erst gar nicht in Kraft zu setzen, müssen Geschäftsreisende aus Frankfurt bei Übernachtungen zum Beispiel in Bayern einen negativen Test vorlegen, das Gleiche gilt in Baden-Württemberg und Berlin. Einige Bundesländer erlauben Dienstreisen unter gewissen Umständen, andere gar nicht. „Da blickt niemand mehr durch“, kritisiert Pirner.

          Seit Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland haben viele Unternehmen die Zahl und die Dauer von Geschäftsreisen ohnehin stark reduziert, wie etwa die DZ Bank, die Commerzbank und die Deutsche Börse einhellig berichten. Das Beherbergungsverbot führe zusätzlich dazu, auf Übernachtungen an anderen Orten des Landes zu verzichten, so Pirner. „Die Betriebe fahren ihre Reisetätigkeit stark herunter.“

          Das gilt auch für die Unternehmensberatung Accenture, deren rund 2000 Mitarbeiter am Stammsitz in Kronberg normalerweise die meiste Zeit bei Kunden arbeiten. Dennoch gebe es Meetings, in denen physische Präsenz weiterhin wichtig sei, berichtet Deutschland-Chef Frank Riemensperger. Doch mit der steigenden Zahl an Infektionen und wegen der unterschiedlichen Regelungen der Länder sei es kaum mehr nachzuvollziehen, wer wann wohin reisen dürfe. „Das macht die Planung unserer Arbeit mit Kunden deutlich schwieriger.“ Das Beherbergungsverbot funktioniere gut für einzelne Hotspots, „aber nicht, wenn ganz Deutschland zum Hotspot avanciert“.

          Es geht auch um die Wettbewerbsfähigkeit

          Gerade kreative Meetings, die Innovation vorantreiben, drohen Riemensperger zufolge auszufallen. Das werde man in der Zukunft spüren, „denn es geht nicht nur um die Aufrechterhaltung unserer Produktion, sondern auch um die Wettbewerbsfähigkeit“. Natürlich könnten viele Sitzungen auch digital abgehalten werden, sagt Reiseexpertin Pirner. „Aber gerade wenn es um Zukunftsprojekte und Neuentwicklungen geht, sind Dienstreisen für die Unternehmen extrem wichtig.“

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          Für die Hoteliers, die in den vergangenen Monaten ohnehin hohe Umsatzeinbußen und viel Arbeit mit neuen Hygienekonzepten hatten, bedeuten die Regelungen auch weiteren Aufwand. Christiane Hütte etwa muss derzeit rein touristisch begründete Übernachtungen von Gästen aus Risikogebieten mit Verweis auf die Regelungen der Landesregierung ablehnen. Deshalb schaut sich Hütte jeden Tag die Anreise-Liste daraufhin an, ob es Reisende aus Hotspots gibt. Die betroffenen Gäste müssen dann angeben, dass sie aus beruflichen Gründen in Frankfurt übernachten wollen. Einen Nachweis müssen sie nicht erbringen, erklärt Hütte, „wir müssen den Leuten glauben, etwas anderes bleibt uns ja auch gar nicht übrig“.

          Hütte hofft, dass die Bund-Länder-Konferenz an diesem Mittwoch das innerdeutsche Beherbergungsverbot aufhebt oder zumindest einheitlich regelt, zumal der Widerspruch zuletzt in weiten Teilen der Politik erheblich war. Man tue viel, um Gäste sicher unterzubringen, sagt Hütte, und das müsse so bleiben. „Aber dieses Beherbergungsverbot macht unsere Branche unnötig kaputt.“

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