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Homeschooling in Hessen : „Frieda, du musst dich wieder muten!“

Homeschooling am Esstisch: Wohnzimmer in Oldenburg (Symbolbild) Bild: dpa

Die Videokonferenz hält Einzug in den Homeschooling-Alltag. Was nicht heißt, dass Schüler und Lehrer einander dabei sehen. Und wie läuft das eigentlich mit den Zeugnissen?

          3 Min.

          Am Montag haben viele hessische Schülerinnen und Schüler an ihrer ersten Videokonferenz teilgenommen. Die meisten dürften dabei weder ihre Mitschüler noch den Lehrer gesehen haben: Damit das System standhält, bleiben die Kameras der heimischen Tablets und Laptops ausgeschaltet. Auch die Mikrofone stehen auf stumm, bis auf das des Lehrers. Wer etwas sagen will, tippt „meldung“ in den öffentlichen Chat; wer drankommt, schaltet sein Mikrofon an.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Lehrer hat ein Aufgabenblatt am Bildschirm geteilt, das er nach und nach mit den Lösungen füllt. Im Chat rauschen gleichzeitig massenhaft Botschaften wie „ja“, „nein“ und „ok“ durch; die Schüler reagieren dort schriftlich auf das Unterrichtsgeschehen: „Frieda, du musst dich wieder muten!“ Tuscheln lässt sich besser im privaten Chat mit der Freundin.

          Im ersten Lockdown im vorigen Frühjahr boten nur wenige Lehrer Videokonferenzen an. Nun hält diese Form des Distanzunterrichts langsam Einzug in den Homeschooling-Alltag. Städte und Landkreise im Rhein-Main-Gebiet stellen den Schulen das Programm „Big Blue Button“ zur Verfügung. Zudem erhalten die Schüler seit Montag wieder schriftliche Aufgaben; Grundlage ist der normale Stundenplan. Die meisten weiterführenden Schulen nutzen dafür Lernplattformen: Lehrer hinterlegen Aufgaben, die Schüler bearbeiten sie und laden die Ergebnisse hoch.

          Zwar hat die Landesregierung den Distanzunterricht zum Maßstab bis 31. Januar erklärt. Trotzdem dürfen Erst- bis Sechstklässler in die Schule kommen, wenn die Eltern sie zu Hause nicht betreuen können. An der Holzhausenschule im Frankfurter Westend sitzen am Montagvormittag 134 von 469 in den Klassenzimmern. „Sie arbeiten wie die Wilden und freuen sich, dass die Lehrerin mehr Zeit für sie hat“, berichtet Schulleiterin Josefa Maria Hybner-Kauß. Manche Kinder seien bloß enttäuscht gewesen, weil ein bestimmter Freund nicht da war.

          Kein Kind soll einen Nachteil haben

          Die Kinder, die auf die dringende Bitte der Regierung hin zu Hause bleiben, arbeiten an denselben Wochenplänen wie die in der Schule. Jedenfalls ist das die Vorgabe des Landes: Kein Kind soll einen Nachteil haben. Die Aufgaben fürs Homeschooling drucken die Eltern aus oder holen sie in der Schule ab.

          An manchen Grundschulen gibt es dafür feste Termine bei der Klassenlehrerin im Fünf-Minuten-Takt, um Kontakte zu vermeiden. An anderen stehen Kartons mit gefüllten Schnellheftern im Foyer. Viele Grundschulen benutzen inzwischen auch Padlets. An die Online-Pinnwände heften Lehrer Arbeitsaufträge und Lernvideos.

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          Hybner-Kauß hat im vergangenen Frühjahr Videokonferenzen mit den Programmen „Jitsi“ und „Teams“ organisiert. Für „Big Blue Button“ wartet sie noch auf die Lizenz der Stadt Frankfurt. Die Schule hat 39 Laptops aus dem Digitalpakt von Bund und Ländern erhalten, die sie an Schüler verleihen wird, die sonst kein Gerät nutzen könnten.

          Nicht von dem Format überzeugt

          An der Frankfurter Carl-Schurz-Schule sind am Montag ungefähr 30 Schüler der 5. und 6. Klassen gekommen, außerdem alle Abiturienten der Schule. Die Abschlussklassen haben weiter Präsenzunterricht. An dem Gymnasium im Stadtteil Sachsenhausen gibt es kaum Video-Unterricht. „Wir haben keine einzige Lerngruppe, in der von allen Eltern die Zustimmung dafür vorliegt“, sagt Schulleiter Hans-Ulrich Wyneken. „Ich kann Schüler aber nicht vom Unterricht ausschließen.“ Ohnehin ist der Schulleiter nicht von diesem Format überzeugt – nicht zuletzt, weil die Datenströme nicht ausreichen, damit sich alle sehen. Wyneken findet es schade, dass sich die Regierung nicht für die Zwischenstufe des Wechselunterrichts entschieden hat. Dann wäre immer eine Klassenhälfte mit Abstand in der Schule, die andere würde daheim arbeiten. Zu festgelegten Zeiten und abwechselnd. Der Schulleiter glaubt: Dann käme man zwar langsamer im Stoff voran, aber es ginge nicht so viel von dem verloren, was Schule ausmacht.

          Neu ist, dass die Abschlussklassen im Präsenzunterricht den Abstand von anderthalb Metern einhalten müssen. Daher sind an der Carl-Schurz–Schule die meisten Kurse geteilt, die Schüler sitzen also in zwei Räumen. „Die Lehrer müssen hin und her springen“, berichtet Wyneken. Sie erklären zweimal die Aufgabe, die die Schüler dann erledigen. Ein Unterrichtsgespräch zu führen, kontrovers zu diskutieren sei nicht möglich. „Das geht verloren.“

          Der Schulelternbeirat der Heinrich-von-Brentano-Schule in Hochheim im Main-Taunus-Kreis forderte Distanzunterricht auch für die Abschlussklassen. An der Gesamtschule betrifft das die Jahrgänge 9 und 10. Präsenzunterricht sei derzeit unverantwortlich, heißt es in einem Brief ans Staatliche Schulamt, und weiter: „Welchen Sinn hat es bitte, eine halbe Klasse den halben Schultag ohne Lehrkraft in ein Klassenzimmer zu setzen?“

          Die Zeugnisse für das erste Halbjahr gibt es regulär am 29. Januar – also noch im Lockdown. Grundschulleiterin Hybner-Kauß berichtet, dass in die Noten nur Leistungen bis Mitte Dezember einfließen dürfen, als am Mittwoch vor den Weihnachtsferien der Distanzunterricht begann. Die Schulleiterin überlegt noch, wie sie die Zeugnisse auf Abstand ausgibt. „Immerhin haben wir vier Eingänge.“

          Sie will sich informieren, ob Lehrerinnen Noten per Videokonferenz mit Schülern besprechen dürfen. An großen Schulen wäre das wegen der Schülerzahl ein Aufwand, den nicht jeder Lehrer auf sich nehmen wird, vermutet Schulleiter Wyneken. Viele Schüler könnten ihre Noten also erst aus dem Zeugnis erfahren.

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