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Hofheimer „ShowSpielhaus“ : „Aufgeben war keine Sekunde eine Option“

Humor ist, wenn man trotzdem lacht: Ko-Inhaber Bernhard Westenberger, der Künstlerische Leiter Björn Breckheimer und der zweite Ko-Inhaber Hans-Jürgen Mock im Hofheimer ShowSpielhaus. Bild: Frank Rumpenhorst

Eineinhalb Jahre war das „ShowSpielhaus“ wegen Corona geschlossen. Trotz oder vielleicht auch wegen hoher Schulden, Personalmangels und halbierter Zuschauerzahl soll im September die „emotionalste Premiere“ aller Zeiten steigen.

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          Noch ziert das Knast-Poster die Eingangstür: Bernhard Westenberger und Hans-Jürgen Mock mit traurigem Blick hinter Gittern. Vor 18 Monaten standen die beiden Schauspieler und Gründer des „ShowSpielhaus“ das letzte Mal auf ihrer Bühne – dann kam das Pandemie-Aus. Von „Wiedereingliederung“ spricht Westenberger, wenn sich am 1. September für eine halbierte Gästezahl von 100 Menschen in der früheren Papierfabrik mit der Eigenproduktion „King Kong und die blonde Tussi“ erstmals wieder der Vorhang hebt.

          Heike Lattka
          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Es werde nach der für sie „durchgehenden Welle“ die emotionalste Show ihres Lebens, wie die beiden überzeugt sind. Obwohl „alte Hasen“ und seit 25 Jahren Partner im Showgeschäft, müsse man sich doch erst wieder daran gewöhnen, Gäste zu begrüßen.

          Haben die beiden Impresarios, 65 und 57 Jahre alt, je ans Aufhören gedacht? „Keine Sekunde“, sagen Mock und Westenberger. Auch wenn sie 2020 nach nur sechswöchiger Spielzeit wieder in den Dauer-Lockdown mussten und es sechs Monate dauerte, bis die erste Überbrückungshilfe auf dem Konto landete – für das eingespielte Team ist der Rückzug nie infrage gekommen. Wenn demnächst die halbierte Publikumszahl in den sonst meist ausverkauften Veranstaltungen sitzen darf, sei das finanziell zwar immer noch eine Katastrophe, doch man werde sie meistern. Die finanziellen Nachwehen dauerten nach der Pandemie mindestens noch zwei bis drei Jahre an, befürchtet Westenberger. Schließlich müsse der KfW-Kredit in Höhe von 320.000 Euro geschultert werden, für den die Bank tatsächlich drei Prozent Zinsen verlange. So werde die Notlage von Unternehmen ganz klar ausgenützt, ärgert er sich.

          Positive Reaktionen vom Publikum

          Auch neue Mitarbeiter müssen gefunden werden. Von den 35 Personen im Service-Personal des Restaurants „Rampensau“ sind nur noch sieben übrig. Doch zunächst gibt es im Foyer kein Restaurant mehr, es wird ausschließlich an den Tischen im Theater serviert. Deshalb klappert Westenberger derzeit die Straußenwirtschaften der Umgebung ab, mit der Bitte, ihm doch die Mitarbeiter für die Wintermonate zu überlassen. Kellner, die sich in der Krise oftmals beruflich umorientierten, seien derzeit knapp.

          Allen Ärgernissen zum Trotz, die Macher des „ShowSpielhaus“ erhielten in der Zeit des Stillstands auch viel Zuspruch: „90 Prozent unseres Publikums reagierte klasse“, berichtet Westenberger. Sogar im Briefkasten fanden sich Briefe von Stammgästen, die nicht nur rührend waren und aufmunternde Worte fanden, sondern oftmals noch zehn oder 20 Euro beilegten, wie er sagt. Eine Ehrenloge im Theater verdiente sich Vermieter Lutz Wagner, ein ehemaliger Fußballbundesliga-Schiedsrichter, der immer wieder großzügig die Miete stundete.

          200 Unterstützer zählen unterdessen zum „Ritterclub“ des Theaters, das bei 80 Prozent des Programms auf Eigenproduktionen setzt. Dieser besondere Kreis zahlt unverdrossen einen Jahresbeitrag von 85 oder 155 Euro für zwei Personen, ohne dafür bisher auch nur eine der versprochenen Gegenleistungen wie den freien Besuch von Generalproben oder Restkarten zum halben Preis erhalten zu haben. Die erste Vorstellung findet deshalb ausschließlich vor den rettenden Rittern statt.

          Aber unter 14.000 Karteninhabern, deren Vorstellungen jetzt aufgrund der anhaltenden Pandemielage bis zu viermal verschoben werden mussten, gibt es auch Gäste, die wegen eines 38-Euro-Tickets sofort mit dem Rechtsanwalt drohten, wie Westenberger sagt. Ans Telefon geht derzeit im „ShowSpielhaus“ deshalb niemand. Man versuche, jede Mail innerhalb von drei Tagen zu beantworten. Auch die Onlinebuchung gemäß den Corona-Regeln funktioniere wieder.

          Die nächste Generation steht bereit

          Zwar ist im „ShowSpielhaus“ überall der Knopf auf „Re-Start“ gedrückt, aber ein wenig Bammel haben die Betreiber schon, wer sich mit welchen Tickets zu welchem Termin an den jeweiligen Spielabenden einfinden werde. Schließlich würden Termine nachgeholt und neue Tickets gebucht. Es bleibe abzuwarten, ob das alles reibungslos funktioniere oder ob es doch zu Doppelbuchungen gekommen sei.

          Im derzeit totenstillen Theatersaal stehen die Stühle noch auf den Tischen. Gespenstisch wirkt das. Endlich soll wieder Lachen erklingen, wünschen sich Mock und Westenberger. Ihr Blick richte sich in eine bessere Zukunft: Für 75.000 Euro wurde eine neue Lüftung und Filteranlage eingebaut, sie garantiere den Frischluftaustausch viermal pro Stunde. Ebenso verstärkten sich die beiden Gründer personell: Mit dem künstlerischen Leiter Björn Breckheimer, der eine Gesangsprofessur in Berlin für diese Aufgabe ablehnte, und Westenbergers 29 Jahre alten Sohns Janósch, der das Büro leitet, steht die nächste Generation mit in der Verantwortung.

          Bewährtes soll zwar bleiben – doch nicht alles. Einige Texte muss Mock umschreiben: „Dass unsere Generation keine Krise erlebt hat, gilt jetzt nicht mehr“, sagt Mock. Im Stück „Corona-Tagebuch“ arbeitet er die Pandemie künstlerisch auf. Die Pandemie werde auf der Bühne damit zwar nicht ausgespart, sie soll aber auch nicht im Mittelpunkt stehen. Als Vertreter der von Corona sehr betroffenen Veranstaltungsbranche ordnet Westenberger die vergangenen 18 Monate als eine zu bewältigende Aufgabe ein. Es sei für sie immer nur um das wirtschaftliche Überleben gegangen, hebt er hervor. Mit der Nachkriegszeit sei allerdings nur das zu vergleichen, was die Menschen in den Flutgebieten derzeit erlitten. Sie könnten wirklich von einer menschlichen Tragödie und Katastrophe sprechen.

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