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Förderprogramm abgeschlossen : Ein Stadtteil mit neuem Image

Nach elf Jahren läuft das Förderprogramm „Soziale Stadt“ für Hofheim Nord aus. Bild: Sieber, Laila

Es lebt sich gut im Hofheimer Norden. Das Programm „Soziale Stadt“ ist nach elf Jahren abgeschlossen. Entstanden ist eine gut vernetzte Nachbarschaft. Eine Umfrage zeigt Bestwerte beim „Wir-Gefühl“ unter den Bewohnern.

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          Ein sozialer Brennpunkt im klassischen Sinne war der Stadtteil Hofheim Nord nie. Doch es gab immer wieder Streitigkeiten unter Nachbarn und erste Leerstände in den Mietshäusern. Dem Viertel eilte der Ruf eines identitätslosen, anonymen Ortes voraus. Wer Anfang 2000 in die Kreisstadt des Main-Taunus-Kreises zog, für den war das Karree zwischen Niederhofheimer Straße, Schmelzweg, Nordring und Krifteler Straße nicht gerade das bevorzugte Wohnquartier. Unterdessen ist der Wohlfühlfaktor unter den rund 4000 Bewohnern deutlich gewachsen, was nach Einschätzung von Bürgermeister Christian Vogt (CDU) in hohem Maße dem 2009 initiierten Städtebauförderungsprogramm „Soziale Stadt“ zu verdanken ist. Statt der befürchteten Stigmatisierung eines Stadtteils ermöglichten zahlreiche Projekte eine Imageaufwertung.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Es lebt sich gut im Hofheimer Norden. Dies belegt nach Abschluss des Programms auch eine stichprobenartige Umfrage unter den Bewohnern. 221 Personen, darunter 45 Kinder, nahmen nach Angabe von Jan Thielmann, Projektleiter Integrierte Stadtentwicklung des Unternehmens Projektstadt an der Umfrage teil. Die Ergebnisse zeigten ein durchweg positives Gesamtbild, berichtet er. Höchste Zustimmung von 93 Prozent gab es für die Wohnsituation, aber auch die Nachbarschaft und das Zusammenleben erzielten mit 89 Prozent Bestwerte. Insgesamt flossen 5,5 Millionen Euro in die Projekte, um den Stadtteil präventiv zu stärken, in dem die Gefahr für das soziale Gefüge zu Beginn laut Vogt „weder Viertel vor zwölf oder gar fünf nach zwölf, sondern eher 11 Uhr“ stand. Er sei damals Stadtverordneter gewesen, erinnere sich gut daran, wie mancher Parlamentarier vor einer Bewerbung in die Aufnahme des Bundesprogramms zurückschreckte, aus Angst, einem Wohnquartier einen negativen Stempel aufzudrücken.

          Weniger Streit unter den Nachbarn

          Aber die Initiative lohnte sich auch nach Einschätzung von Norman Diehl, Geschäftsführer der Hofheimer Wohnungsbau Gesellschaft (HWB), der im Stadtteil 2000 Mieter, darunter 30 Prozent mit Migrationshintergrund, in 1000 HWB-Wohnungen betreut. Es gebe unterdessen weniger Streit unter den Nachbarn. Zerstörungen und Schmierereien seien in den Häusern aufgrund des gewachsenen Wir-Gefühls so gut wie verschwunden. Vielmehr sorge sich die Nachbarschaft gemeinsam um ihren Stadtteil, berichtet er.

          Die Umkehr vom anonymen Nebeneinander hin zu einer lebendigen Nachbarschaft gelang mit vielen verschiedenen Einzelunternehmungen: Dazu zählt der Stadtteiltreff gegenüber dem Lebensmittelmarkt an der Homburger Straße, in dem sich ältere und jüngere Bewohner seit 2010 begegnen können. Dort gibt es zahlreiche Angebote, von der Hausaufgabenhilfe bis hin zu Seniorenkaffee, Vorträgen, Beratungen und vielfältigen kulturellen Aktivitäten. Der allein für die Zeit des Programms gedachte Container soll nun mit finanzieller Unterstützung der HWB in Höhe von rund einer Million Euro zu einer festen Einrichtung ausgebaut werden. Wenn die Pandemie erst einmal überstanden sei, würden dort die Projekte sogar ausgeweitet, erläutert Diehl.

          Einen Beitrag zur gegenseitigen Vernetzung und Verständigung der Bewohner über ethnische und Alters-Grenzen hinweg leistete die vom Caritasverband Main-Taunus getragene „Familie Nord“, deren acht Mitglieder erste Ansprechpartner für Sorgen, Nöte und Beschwerden im Stadtteil sind. Die bunte Gruppe, höchst unterschiedlich in Herkunft, Beruf und Alter, hat sich längst zum Brückenbauer im Quartier entwickelt. Nach Einschätzung von Thielmann bewährte sich in all den Jahren auch das Prinzip, die Bewohner nach ihren Wünschen für die Aufwertung des Stadtteils zu befragen. Besonders hohe Zustimmung in der Befragung erzielten bei der Aufenthaltsqualität deshalb die neuen Spielplätze, die umgebaute Sport- und Kulturhalle des TV 1860 und das neue Kinder- und Familienhaus „Freche Spatzen“. All diese Angebote standen ganz oben auf der abgearbeiteten Wunschliste. Die Einrichtungen erführen allesamt höchste Akzeptanz, berichtet Thielmann.

          Handlungsbedarf bei Verkehrssicherheit

          Auch wenn nach Einschätzung des Bürgermeisters unterdessen ein soziales Band im Hofheimer Norden entstanden ist, so sollen die Bemühungen für den Stadtteil nicht enden, wenn nun das Programm ausläuft.

          Handlungsbedarf gibt es beim Thema Verkehrssicherheit. Genannt wurde in der Umfrage vor allem die Zeilsheimer Straße, welche die Wohngebiete trennt. Aber ebenso die Niederhofheimer Straße und die Kreuzung Pfarrgasse/Krifteler Straße wurden von Kindern wie Erwachsenen als Gefahrenpunkte angesehen. Soll mit dem Bau des neuen Stadtteiltreffs noch in diesem Jahr begonnen werden, so wird die Umgestaltung der großen Einfallsstraßen coronabedingt noch eine Weile auf sich warten lassen. Ideen aber für eine Reduzierung des Individualverkehrs gibt es schon. Sie reichen von Tempo 30 bis hin zum Pflanzen von Bäumen. „Wir gehen das an“, verspricht Vogt. Die Stadt Hofheim werde dem „Vermächtnis“ gerecht werden.

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