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Hölderlin-Preisträgerin Judith Hermann : Schweigen und Sagen

Preisträgerinnen unter sich: Judith Hermann (rechts) und Lena Gorelik Bild: Cornelia Sick

Von Dingen, die man verliert, und Stil, den man hat: In Bad Homburg erhält Judith Hermann den Hölderlin-Preis. Der Förderpreis geht an ihre junge Kollegin Lena Gorelik.

          An Menschen liegt Judith Hermann viel. Um dies nicht sagen zu müssen, redet sie im Kurhaus Bad Homburg lieber von den Dingen. Von den alltäglichen Gegenständen, die mit ihrem Leben, ihrem Werk und ihren Angehörigen und Freunden zu tun haben. Von Dingen, die einem geschenkt werden und die man verliert. Dingen wie dem Gruß, den sie von ihren Eltern erhielt, als diese erfuhren, dass ihre Tochter in diesem Jahr mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg ausgezeichnet werden solle. Sie gratulierten der Schriftstellerin mit einer vor langer Zeit auf einer Reise gekauften Hölderlin-Postkarte.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          An Hölderlins Todestag, der sich gerade zum 166. Mal jährte, berichtete Hermann den Gästen der Preisverleihung im Theater des Kurhauses aber auch von der Zeichnung des vor kurzem gestorbenen österreichischen Künstlers Paul Flora, die sie bei der Arbeit an „Alice“ inspirierte, ihrem neuen Erfolg: Mit so wenigen Kunstgriffen wie das sparsam gezeichnete Bild zweier Menschen an einem kalifornischen Strand habe auch ihr Buch auskommen sollen, so viel wie die reduzierte Ansammlung einiger Linien und Schraffuren habe es erzählen sollen. Nun, da das Buch fertiggestellt sei, verliere sich das Anspornkunstwerk auf der Wand über ihrem Schreibtisch hinter immer größeren Stößen von Papier. „Schreiben, denke ich staunend, heißt Dinge bergen und verlieren.“

          Auszeichnung für Beststeller

          Im Leben läuft es oft ähnlich: Mag Hermann irgendwo zwischen einem Fototermin in München und Verpflichtungen im heimischen Berlin auch der Rosenquarzanhänger ihrer Großmutter abhandengekommen sein, „Alice“ verkauft sich sehr gut, ebenso wie die Vorgänger „Nichts als Gespenster“ und das Debüt „Sommerhaus, später“, mit dem die 1970 in Berlin geborene Autorin vor elf Jahren berühmt wurde. Es sei ein Novum, dass ein Träger des Hölderlin-Preises die mit einem Preisgeld von 20.000 Euro verbundene Auszeichnung für einen Titel erhalte, der in den Bestsellerlisten ganz weit oben stehe, sagte Bad Homburgs Oberbürgermeisterin Ursula Jungherr (CDU). Sie würdigte in ihrer Ansprache auch Lena Gorelik, die Trägerin des mit 7500 Euro dotierten Förderpreises. Gorelik, 1981 im russischen Sankt Petersburg geboren, kam 1992 nach Deutschland und hat seitdem zwei Romane sowie zuletzt den Reisebericht „Verliebt in Sankt Petersburg“ veröffentlicht.

          Hermann zwingt der Erfolg von „Alice“ im Augenblick zu zahlreichen Reisen mit der Deutschen Bahn, auf denen sie sich die Zeit mit der Lektüre von Sigmund Freud vertreibt. Gerade durchgearbeitet ist seine Theorie der Fehlleistungen, seitdem ist Hermann geneigt, das Verlieren von Dingen „in Freuds zärtlichem Sinn“ als vorsorglich gegebenes Opfer zur Besänftigung dessen zu verstehen, was sie nach einer kleinen Verrenkung dann doch als „Schicksal“ bezeichnen wollte. Jochen Hieber, Redakteur im Feuilleton dieser Zeitung und Vorsitzender der Bad Homburger Jury, hatte das für Hermanns Stil bezeichnende Verschwinden wichtiger Informationen aus dem Erzählten zuvor in seiner Laudatio als Versuch gedeutet, im Sinne Ludwig Wittgensteins von dem zu schweigen, was man nicht aussprechen könne. In „Alice“ habe Hermann sich ihren „Stil des Schweigens und des Sagens“ neu erobert. Auch wenn sie weiterhin einiges lieber unausgesprochen lässt.

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