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Neue Rekorde erwartet : Hitzesommer werden auch in Hessen zur Normalität

Weit über 30 Grad und es wird noch heißer: Experten sehen in den Extremwerten zukünftige „Normalwerte“. Bild: dpa

Die Hessen schwitzen und fühlen sich an das vergangene Jahr mit seinen extremen Temperaturen erinnert. Wird es womöglich schon wieder so heiß? Klimatologisch würde das ins Bild passen.

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          Der ganz große Rekord ist es am Ende dann doch nicht geworden. Dafür hätte es noch gut anderthalb Grad heißer werden müssen. So bleibt der 5. Juli 2015 unangefochten an der Spitze. An jenem Hochsommertag vor vier Jahren stieg die Temperatur an der Wetterstation am Frankfurter Flughafen nämlich auf 38,8 Grad – das hat es davor und danach noch nie gegeben. Auch nicht am Mittwoch, den 26. Juni, für den die Meteorologen einen möglichen Allzeit-Rekord tagelang in Aussicht gestellt hatten. In ihren Prognosen für Frankfurt war immer wieder von 38 bis 39 Grad und dem möglichen Erreichen der 40-Grad-Marke die Rede gewesen. Tatsächlich wurden dann am Flughafen aber „nur“ 37,5 Grad als Höchstwert registriert. Das war nicht genug, um den Allzeit-Rekord von 2015 zu gefährden. Aber es reichte immerhin aus, um den Frankfurter Juni-Rekord vom 18. Juni 2002 einzustellen und am Mittwoch als heißester Ort Hessens in die Statistik einzugehen.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Angesichts dessen, dass auch andernorts in Hessen ein Juni-Rekord nach dem anderen eingestellt oder übertroffen wurde – etwa in Gießen mit 35,7 Grad, in Dillenburg mit 36,7 Grad und in Bad Nauheim mit 36,9 Grad –, ist der Hitzewelle der vergangenen Tage durchaus eine bemerkenswerte Dimension zu bescheinigen. Selbst die nicht gerade zur Aufregung neigenden Meteorologen mit ihrem unsentimentalen und professionellen Blick auf das Wettergeschehen haben die tropischen Verhältnisse im Land mit Erstaunen beobachtet. Tageshöchsttemperaturen von 35 und mehr Grad sind im ersten Sommermonat nämlich eine Seltenheit: In Frankfurt zum Beispiel gibt es im langjährigen Juni-Mittel nur einen sogenannten heißen Tag mit einem Höchstwert von 30 oder mehr Grad. Im vergangenen Jahr, das immerhin das heißeste aller Zeiten war, waren es fünf. Und diesmal dürften es sage und schreibe zwölf werden, wenn die Prognosen des Wetterdienstes stimmen.

          Ob die in dieser Woche aus Nordafrika zu uns strömende Hitze nur eine Episode bleibt oder einen weiteren Sommer der Rekorde einläutet, wollen die Experten vom Wetterdienst allerdings nicht sagen. Nicht nur, weil sie grundsätzlich nicht so gerne spekulieren, sondern vor allem, weil es sich einfach nicht sagen lässt. Denn auch mit der besten digitalen Unterstützung und den ausgefeiltesten Rechenmodellen sind Prognosen, die weiter als zehn Tage in die Zukunft reichen, noch immer zu ungenau, um belastbare Aussagen zu treffen. Möglich wäre ein weiterer, nicht enden wollender Hitzesommer aber durchaus – und er würde auch ins klimatologische Bild passen: Seit fast drei Jahrzehnten wird es hierzulande stetig wärmer, und das Jahr 2018, das nicht nur das wärmste, sondern auch eines der trockensten und sonnigsten seit Beginn der regelmäßigen Wetteraufzeichnungen in Deutschland vor mehr als 130 Jahren war, dürfte nicht das letzte dieser Art gewesen sein.

          Frankfurter Wärme-Top-Ten

          Forscher sagen schon lange, dass angesichts des Klimawandels solche Hitzesommer in unseren Breiten wahrscheinlich schon bald nicht mehr die Ausnahme, sondern der Normalfall sein werden. Der Wandel des Klimas ist im Gegensatz zum Wetter zwar ein langfristiges Phänomen, das im Alltag der Menschen zunächst kaum sichtbare Spuren hinterlässt und seine Wirkung erst nach und nach entfaltet, aber die Prognosen für die nächsten Jahrzehnte sind eindeutig: In Deutschland werden die Sommer immer wärmer und trockener und die Winter immer milder und feuchter. Mit dem allmählichen Temperaturanstieg einher geht die Veränderung der Jahreszeiten. Nicht in jedem Jahr, denn es liegt im Wesen des Wetters, dass es auch immer wieder Extremwerte und Abweichungen hervorbringt. Aber die Tendenz ist klar, und Forscher und Meteorologen sind sich einig: Die seit mindestens 30 Jahren zu beobachtende Erwärmung der Erdatmosphäre wird sich weiter fortsetzen – weltweit und damit auch in Deutschland, Hessen und Frankfurt.

          Wohin die Reise geht, machen die Jahresdurchschnittstemperaturen deutlich: Im Rekordjahr 2018 lag das Jahresmittel in Frankfurt bei 12,48 Grad – der höchste Wert, der an der Messstation am Flughafen je registriert wurde. Damit wurde der bisherige Spitzenwert von 12,11 Grad aus dem Jahr 2014 viel deutlicher übertroffen als in Hessen und Deutschland insgesamt, wo das Jahr 2018 mit 10,6 Grad beziehungsweise 10,4 Grad nur 0,3 respektive 0,1 Grad über den Rekorden von 2014 lag. Noch vor 30 Jahren war an solche Werte im Grunde nicht zu denken. Der offizielle langjährige Normalwert, der sich auf die Periode von 1961 bis 1990 bezieht, liegt in Frankfurt bei lediglich 9,7 Grad. Bis 1990 blieben die Jahrestemperaturen in der Mainmetropole zumindest stets unterhalb der Elf-Grad-Schwelle – seitdem sind Werte darüber aber zur Normalität geworden.

          Aktuelle Hitzewelle noch nicht beendet

          Noch deutlicher zeigt sich diese Tendenz zur Erwärmung bei einem Blick auf die wärmsten Jahre: Sämtliche Werte in den Frankfurter Wärme-Top-Ten stammen aus der Zeit seit 1994. Allein in den vergangenen fünf Jahren haben es vier in diese Liste geschafft: 2018 mit 12,48 Grad als neuer Spitzenreiter, 2014 mit 12,11 Grad auf dem zweiten, 2015 mit 11,58 Grad auf dem vierten und 2017 mit 11,23 Grad auf dem zehnten Platz. Mit einem Jahr wie 1940, als der Jahresmittelwert in Frankfurt unter der Acht-Grad-Schwelle blieb, ist heutzutage nicht mehr zu rechnen – mit Mittelwerten von 13 und mehr Grad dagegen schon.

          Abweichungen gibt es: Doch besonders in den in den vergangenen fünf Jahren ist die Temperatur stark angestiegen.

          Anders als die offizielle Deutschlandstatistik des Deutschen Wetterdienstes reicht die Datenreihe an der Wetterstation am Frankfurter Flughafen zwar nicht bis 1881 zurück. Die am Flughafen im Jahr 1936 begonnene Messreihe umfasst aber inzwischen auch mehr als 80 Jahre und hat zudem den Vorteil, dass sie außer den Tagestemperaturen auch andere Werte enthält, etwa die schon erwähnte Zahl der heißen Tage. Denn die zeigen zusammen mit den sogenannten Sommertagen, an denen der jeweilige Höchstwert 25 oder mehr Grad erreicht, besonders deutlich, wie sehr sich das Klima auch in Frankfurt und Umgebung in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.

          Die Frankfurter Statistik für diese Werte wurde im Jahr 1949 begonnen, und der Verlauf der beiden Kurven in der Grafik unten auf dieser Seite zeigt deutlich, dass sowohl die Zahl der Sommertage als auch die der heißen Tage bei allen Ausschlägen in den vergangenen Jahrzehnten tendenziell zugenommen und im vergangenen Jahr ihren bisherigen Höhepunkt erreicht haben: Mit 108 Sommertagen und 43 heißen Tagen lag 2018 einsam an der Spitze. Das sind fast dreimal beziehungsweise fünfmal so viele solcher Tage, wie es im langjährigen Mittel normal wäre, nämlich 42 beziehungsweise neun.

          Solche extremen Ausprägungen des Wetters sind nach Ansicht der Klimaforscher eine plausible Begleiterscheinung der fortschreitenden globalen Erwärmung. Als deren Folge sagen die Experten schon seit Jahren nicht nur steigende Durchschnittstemperaturen, heißere Sommer und mildere Winter voraus, sondern auch längere Trockenperioden und extremere Niederschläge mit heftigen Gewittern, unwetterartigem Starkregen und Hagelschlag. Die hat es zuletzt im vergangenen Jahr mit seiner ungewöhnlichen Wärme und vor allem der monatelangen extremen Trockenheit gegeben.

          Dazu passt eine Auswertung des Deutschen Wetterdienstes zu „markanten Hitzewellen“ in ausgewählten deutschen Städten. Diese erfasst den Zeitraum von 1950 bis 2015 und beschreibt die Häufigkeit von Perioden, in denen mindestens einmal im Jahr an mindestens 14 zusammenhängenden Tagen das mittlere Tagesmaximum bei 30 oder mehr Grad lag. In Frankfurt hat es solche extremen Hitzephasen in den 65 erfassten Jahren insgesamt 18 Mal gegeben – und 13 davon wurden in den Jahren seit 1990 registriert. Die Rekorde-Jagd ist also noch lange nicht abgeschlossen. Und auch die aktuelle Hitzewelle ist noch nicht beendet: Nach den Vorhersagen des Deutschen Wetterdienstes setzt sich das „störungsfreie Hochdruckwetter“ der vergangenen Tage fort – und es könnte schon heute neue Spitzenwerte geben. In ihren Prognosen für den letzten Juni-Tag sprechen die Meteorologen von Höchsttemperaturen zwischen 34 und 38 Grad in Frankfurt und Umgebung. Es ist demnach noch einmal alles drin: ein neuer Juni-Höchstwert ebenso wie ein Rekord für die Ewigkeit.

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