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Hochschule : Uni-Präsidenten wollen mehr Geld

„Wir sind finanziell im Obligo”: Rudolf Steinberg Bild: F.A.Z. - Frank Röth

Die hessischen Universitätspräsidenten verlangen von der künftigen hessischen Landesregierung, den Hochschulen bei einer Abschaffung der Studiengebühren die Einnahmeausfälle zu ersetzen. Wenn die Universitäten wettbewerbsfähig bleiben sollten, müssten ihre Etats sogar noch wachsen.

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          Es braucht keine Ministerpräsidentin Ypsilanti, um in Hessen die Studienbeiträge abzuschaffen. Eine Mehrheit für die Aufhebung der Gebühren ließe sich im neugewählten Landtag vermutlich auch so zusammenbringen, und Roland Koch wäre dann als geschäftsführender Regierungschef gezwungen, jenes Gesetz abzuwickeln, das die CDU vor zwei Jahren allen Klagen und Protesten zum Trotz durchgesetzt hat. Diese Aussicht erfreut viele Studenten; den Präsidenten der hessischen Universitäten bereitet sie hingegen Sorgen.

          Sascha Zoske
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zwar mochte sich keiner der fünf Herren bei einer in Frankfurt abgehaltenen Pressekonferenz darauf festlegen, dass Studiengebühren für die Hochschulen ein Muss seien. Dringend gebraucht wird aber das zusätzliche Geld, das durch die Beiträge in die Kassen fließt, wie der Gießener Uni-Präsident Stefan Hormuth als Sprecher seiner Kollegen deutlich machte. „Die Lehre an den hessischen Hochschulen war bisher unterfinanziert“, sagte er. Mit Hilfe der Gebühren sei es gelungen, manches zu verbessern, und diese Fortschritte dürften nicht rückgängig gemacht werden.

          Finanzierung von Tutorien und längeren Öffnungszeiten der Bibliotheken

          Alle bisher im Landtag vertretenen Parteien hätten zugesagt, die Einnahmen, die bei einem Wegfall der Gebührenpflicht ausblieben, wenn nötig aus dem Landeshaushalt zu ersetzen. Dies sei „unbedingt erforderlich“, wenn das Gesetz falle, so Hormuth. Mit den zusätzlichen Mitteln würden nicht nur einmalige Anschaffungen bezahlt, sondern auch Angebote wie zusätzliche Tutorien und längere Öffnungszeiten von Bibliotheken. „Das müssten wir sofort wieder zurücknehmen, wenn wir das Geld nicht mehr hätten.“

          Hormuths Frankfurter Amtskollege Rudolf Steinberg wies darauf hin, dass mit den zusätzlich eingestellten Lehrkräften oft Zwei- bis Dreijahresverträge geschlossen worden seien. „Da sind wir finanziell im Obligo.“ Nach Steinbergs Worten bringen die Gebühren derzeit jährlich rund 18 Millionen Euro zusätzlich in den Etat seiner Universität. Auf diese Summe und den vom Land als Unterhalt gewährten Betrag müssten noch einmal 20 Millionen Euro draufgelegt werden, damit die Zuwendungen an die Frankfurter Universität auch nur dem Bundesdurchschnitt entsprächen. Hessen habe bei der Finanzierung seiner Hochschulen immer noch „erheblichen Nachholbedarf“, folgerte Steinberg daraus.

          Wenn das Land eine Chance im akademischen Wettbewerb haben wolle, dürfe es „hinter das bisher Erreichte um keinen Millimeter zurückgehen“. Vielmehr müssten die Zuschüsse noch aufgestockt werden. Ohne ausreichende Finanzierung ist nach Ansicht Hormuths auch das Bachelor-Master-System zum Scheitern verurteilt: „Die Betreuung in den Studiengängen muss internationalen Standards genügen.“ Grundsätzlich sind die Präsidenten aber anscheinend davon überzeugt, dass dem gestuften Modell die Zukunft gehört: Auch im Lehramtsstudium müssten die Abschlüsse Bachelor und Master eingeführt werden, verlangte Hormuth.

          CDU: Hochschulen das Erheben von Studiengebühren freistellen

          Von der künftigen Landesregierung in Wiesbaden erwarten er und seine Kollegen, dass sie die Autonomie der Universitäten fördert und Sondermodelle wie die Frankfurter Stiftungs-Uni respektiert. Auf wenig Begeisterung stößt bei den Präsidenten allerdings der Kurswechsel der hessischen CDU, die den Hochschulen neuerdings auch das Erheben von Studiengebühren freistellen will. Hormuth meinte, solch einen Schritt müsse man sich „sorgfältig überlegen“. Er würde dazu führen, dass sich die Hochschulen sehr unterschiedlich entwickelten.

          In einem solchen Fall würde sich auch die Frage stellen, ob das Land den Hochschulen, die auf Beiträge verzichteten, die Einnahmeausfälle ersetze, ergänzte der Marburger Uni-Präsident Volker Nienhaus. Eine weitere Befürchtung blieb unausgesprochen: Die Freigabe der Entscheidung könnte große Unruhe in die Universitäten tragen. Es fällt nicht schwer, sich die studentischen Wutausbrüche vorzustellen, mit denen jene Hochschulleiter konfrontiert würden, die Gebühren befürworten.

          Eine kräftige Erhöhung des Landeszuschusses als Ersatz für die Studienbeiträge wäre den Präsidenten offenbar die liebste Lösung – allerdings nur dann, wenn nicht gleichzeitig an anderen, den Hochschulen zugutekommenden Etatposten gekürzt wird. Das Bauprogramm „Heureka“ und das Forschungsförderprogramm „Loewe“, beide von der CDU-Regierung aufgelegt, dürfen nach Hormuths Worten keinesfalls angetastet werden. Die drei Milliarden Euro, die „Heureka“ bis zum Jahr 2020 bereitstelle, seien die „Untergrenze“ dessen, was gebraucht werde, um die Infrastruktur der Hochschulen auf einen angemessenen Stand zu bringen. „Loewe“ und „Heureka“ laufen schon seit längerem, und solange sich daran nichts ändert, sehen die Uni-Präsidenten Hormuth zufolge auch einem möglichen Stillstand in der Landespolitik gelassen entgegen: Hauptsache, das Geld fließt. sascha zoske

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