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: Historiker: Wiesbadener Heimatdichter kein glühender Nazi

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Der Nauroder Heimatdichter Rudolf Dietz war ein "Mitläufer" im "Dritten Reich", ein anerkannter und beliebter Pädagoge, der auffällig nach Beifall, Resonanz und auch nach materiellen Vorteilen suchte.

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          Der Nauroder Heimatdichter Rudolf Dietz war ein "Mitläufer" im "Dritten Reich", ein anerkannter und beliebter Pädagoge, der auffällig nach Beifall, Resonanz und auch nach materiellen Vorteilen suchte. Heute würde "ohne Zweifel" keine Schule mehr nach Dietz benannt werden, aber eine Umbenennung der Nauroder Grundschule wäre politisch eine Belastung und "in jedem Fall mißverständlich": Zu diesem Ergebnis kommt der Karlsruher Historiker Peter Steinbach, den die Stadt im Juni mit der wissenschaftlichen Begutachtung der Werke und der Person Dietz' beauftragt hatte.

          Wie berichtet, gibt es seit dem vergangenen Jahr eine mitunter sehr heftige Auseinandersetzung um den Namensgeber der "Rudolf-Dietz-Schule" in Wiesbaden-Naurod. Eine Stellungnahme des Stadtarchivs hatte den Streit angeheizt: Sie legte nahe, daß Dietz als Nationalsozialist und Verfasser antisemitischer Gedichte kein Vorbild für die Jugend und damit auch kein würdiger Namensgeber einer Wiesbadener Schule sein könne.

          Das Gutachten kostet 5000 Euro und umfaßt 33 Seiten. Oberbürgermeister Hildebrand Diehl (CDU) erhofft sich von der Studie eine Versachlichung der Diskussion auf "wissenschaftlich fundierter" Grundlage, wie er sagte. Er warne vor vorschnellen Bewertungen und wolle sich selbst einige Zeit für das Studium des Gutachtens nehmen und möglicherweise einen Mediationsprozeß in Gang setzen, um die Meinungsbildung in der Stadt, in Naurod und an der Schule zu einem Abschluß zu bringen.

          Steinbach hält in seinem Gutachten wenig von einer Umbenennung der Schule. Er empfiehlt statt dessen, die Diskussion als Chance zu begreifen, um Dietz "in seiner Vielschichtigkeit, in seinen Leistungen, Grenzen, Versäumnissen, auch Blindheiten zu erörtern". Die Beschäftigung mit Dietz könne "ein wichtiger Beitrag zur Medienkritik als Teil zeitgemäßer Bildung sein".

          Steinbach zeichnet in seiner Expertise das Bild eines Mannes, der im Kaiserreich sozialisiert und in der Weimarer Republik pensioniert wurde. Er sei "Produkt der antisemitisch geprägten "hessisch-nassauisch-preußischen Kultur" gewesen. Zwar habe er der NSDAP angehört, aber nicht als "alter Kämpfer", sondern als Angepaßter. Seine "monarchistische und dynastische Orientierung" müsse vor diesem geschichtlichen Zusammenhang gesehen werden.

          Der Nachlaß von Dietz belege keine aktiv-kämpferische antirepublikanische Gesinnung, sondern eher "eine gewisse Neigung zum Ressentiment". Dietz sei kein Freund der Weimarer Republik gewesen, es könne aber auch nicht behauptet werden, daß er die Republik aktiv an der Seite der Nationalsozialisten bekämpft habe. Als Anhänger Stresemanns habe er zunächst der Deutschen Volkspartei angehört: "Ein glühender Nationalsozialist war Dietz mit Sicherheit nicht", schreibt Steinbach zusammenfassend. Er sei sicher, daß Dietz, hätte er das Ende des NS-Staates erlebt, schlimmstenfalls als Mitläufer eingestuft worden wäre. Dietz war 1942 gestorben.

          Die umstrittenen Gedichte sind für Steinbach auch Beleg für die Widersprüchlichkeit und die moralische Gefährdung eines Menschen, der sich angepaßt habe, ohne Nationalsozialist zu sein. Als Heimatlyriker sei er allenfalls von "lokaler Bedeutung" gewesen: "Manche seiner Gedichte sind bemerkenswert, viele allerdings auch nicht."

          Kritik übt Steinbach an der Stellungnahme des Wiesbadener Stadtarchivs, weil in ihr nicht der Versuch einer Einordnung, Erklärung, Relativierung und Abwägung gemacht werde. Aufgabe des Stadtarchivs wäre es jedoch gewesen, Gründe und Einwände zu prüfen, ohne selektiv belastende Stellen zusammenzutragen, meint Steinbach. Die Stellungnahme des Stadtarchivs erinnere an das Plädoyer eines Anklägers, der nicht nach Gegenargumenten oder Erklärungen für Fehlverhalten suche. Steinbach räumt aber ein, daß, um Dietz und dessen Motive besser zu verstehen, ein Einblick in die Tagebücher des Heimatdichters unerläßlich wäre. Dies verwehre dessen Familie aber.

          Steinbach warnt davor, die weitere Debatte selbstgerecht oder überheblich zu führen. Er empfiehlt der Stadt eine Diskussion, um an der 1958 erfolgten Namensgebung der Schule exemplarische Schwierigkeiten des politischen Zusammenlebens und der geschichtspolitischen Bewertung deutlich zu machen. Damit böte sich Wiesbaden die Chance zu erörtern, wie "wandelbar" Geschichte sei und wie fragwürdig Ehrungen sein könnten: Letztlich müsse die Stadt mit ihrem Erbe fertig werden. obo.

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