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Heute singt er Jazz : Küblböck macht Schluss mit lustig

Daniel Küblböck, „Weltenbummler”, fühlt sich wohl in Wiesbaden. Bild: Frank Röth

Vor acht Jahren tauchte Daniel Küblböck als schräger Vogel bei „Deutschland sucht den Superstar“ auf. Jetzt versucht er es mit anspruchsvoller Musik und singt Jazz.

          Wären da nicht Anakin und Maxwell, die beiden fetten Britisch-Kurzhaar-Kater, könnte man sich in der Altbauwohnung am Ersten Ring richtig wohl fühlen. 140 Quadratmeter, hohe Stuckdecken, Flügeltüren, Holzfußböden, Erker, gediegene Wiesbadener Lebensart – Daniel Küblböck wusste schon, warum er die hessische Landeshauptstadt vor einem Jahr zu seiner Wahlheimat erkor. Der Vierundzwanzigjährige kommt aus der bayerischen Provinz, betrachtet sich aber heute als „Weltenbummler“. Das blaue Samtjackett, das er trägt, hat er in New York erstanden. Weil es von H&M stammt, hätte er es aber auch im Wiesbadener Liliencarré bekommen können, zumal er dort gern einkauft, wie er hervorhebt. „Da ist das Gedränge nicht so groß.“

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Mit dieser Pointe hat Küblböck eine ernsthafte Sorge der Wiesbadener Geschäftswelt so mühelos wie treffsicher auf den Punkt gebracht. Ob er am Ende viel schlauer ist als die Masse der Fernsehzuschauer, die über ihn lachte, als er vor ungefähr acht Jahren in der RTL-Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) sein Glück versuchte? Damals lernte Küblböck, der nach seinem Hauptschulabschluss in einem Kindergarten arbeitete, den bis heute berüchtigten Chef der Jury, Dieter Bohlen, kennen. Er schätzt in als einen „genau beobachtenden und sensiblen Menschen“.

          Küblböck ist stolz darauf, dass ihn 95 Prozent der Deutschen kennen

          Allerdings lasse dieser sich nur allzu gern von Leuten einladen, die weniger Geld hätten als er selbst. Von einem gemeinsamen Urlaub auf Mallorca weiß Küblböck zu erzählen, dass der Pop-Titan dort als „Mister fünfzig Prozent“ bekannt sei. „Er will immer nur die Hälfte des Preises zahlen.“ Küblböck besitzt vor den Toren von Palma eine Eigentumswohnung. In Wiesbaden wohnt er zu Miete, aber nicht nur übergangsweise, sagt er. Schließlich hat er gerade erst im 20 Kilometer entfernten Rüsselsheim eine Niederlassung seiner Agentur gegründet.

          Küblböck ist stolz darauf, dass ihn 95 Prozent der Deutschen kennen. Nur an der Kunst könne es nicht liegen, meint er. Schließlich habe er sich ja vom Pop abgewandt, um einen ganz neuen Anfang zu wagen. „Jazz meets Blues . . . wenn zwei sich verlieben“ lautet das Motto der aktuellen Tour. „Damit traut er sich an Genres, die seine tiefe, voluminöse, klangvolle und sehr ausdrucksstarke Stimme fordern und voll zur Geltung bringen“, heißt es in der Werbung. Na ja.

          Der Wein kommt aus Mainz

          70 Prozent seiner Fans seien weiblich, behauptet Küblböck. Manche Männer kämen zu seinen Veranstaltungen nur, weil sie dort immer so viele Frauen träfen. Viele wollten auch nur mal sehen, ob er wirklich so naiv sei, wie manche Medien es darstellten. Für die meisten seiner Anhänger stehe die Person im Vordergrund. „Sie mögen meine Geschichte. Sie finden es gut, dass ich heute den Ton treffe, den ich vor acht Jahren noch versemmelt habe.“ Dass er sich entwickelt hat, kann Küblböck empirisch belegen. 2003 sei er noch zum nervigsten Deutschen gewählt worden. Ein Jahr später aber sei er immerhin schon auf Platz 16 gelandet, als die Zuschauer des ZDF die 100 besten Deutschen gewählt hätten. Ein Mann wie Helmut Kohl habe nur zwei Ränge vor ihm gelegen. „Alle anderen vor mir waren schon tot.“

          Küblböck steht lachend in seiner großen, noch nicht vollständig eingerichteten Wohnküche und versprüht gute Laune. Nur wenn der Fotograf auf den Auslöser drückt, schaut er mit übertriebenem Ernst. Danach greift er ins Regal und schenkt seinem Gesprächspartner eine Flasche Rotwein: Dornfelder aus der Mainzer Gegend. Bis zum Rheingau ist der Mann aus dem Bayerischen Wald noch nicht vorgedrungen.

          „Man kann ja ruhig mal provozieren. Aber bitte mit Niveau“

          Dafür hat er aber in Oberursel Karneval gefeiert. Und auch den Wiesbadener Oberbürgermeister Helmut Müller lernte er persönlich kennen. Der CDU-Politiker lud ihn zur Begrüßung in das bürgerliche Traditionslokal „Uhrturm“ ein. Arno Goßmann, Sozialdezernent und Vorsitzender des Unterbezirks der SPD, gab sich ebenfalls die Ehre. Aus gutem Grund: Küblböck ist bekennender Sozialdemokrat und hofft, dass sein Vater, ein überzeugtes Mitglied der CSU, sich daran bei der Aufteilung des Erbes eines Tages nicht erinnern möge.

          Manche Interviewanfragen lehne er heute im Unterschied zu früheren Zeiten strikt ab, sagt Küblböck. Gerade dem Boulevard dürfe man sich nicht unterwerfen. Darum habe er den Journalisten gesagt: „Man kann ja ruhig mal provozieren. Aber bitte mit Niveau.“ Küblböck, so scheint es jedenfalls, hat das Fach gewechselt. Er sei zielstrebig und sehr diszipliniert, gibt er preis. Schluss mit lustig. Dabei war er in diesem Fach gar nicht so schlecht.

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