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Hessischer Denkmalschutzpreis : Im Dienst der Archäologie

Ehrenamtlich engagiert: Ernst und Christina Grabsch sind „immer wieder fasziniert, etwas in den Händen zu halten, was Menschen uns vor so langer Zeit hinterlassen haben“. Bild: Maximilian von Lachner

Ernst und Christina Grabsch sind auf dem Limeshain auf den Spuren unserer Vorfahren. Für ihren Einsatz haben sie den Hessischen Denkmalschutzpreis erhalten.

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          Das ist Knochenarbeit der anderen Art und nicht weniger fordernd: Zentimeter um Zentimeter legen Ernst Grabsch und seine Frau Christina die sterblichen Überreste von Menschen frei, die in längst vergangenen Tagen in der Wetterau begraben oder auch einfach nur verscharrt wurden. Entdeckt werden solche Skelette oder Teile davon immer wieder in dieser seit Jahrtausenden besiedelten Landschaft bei der einen oder anderen Grabung vom Taunus bis zum Vogelsberg. Von der Fundstelle bringen Archäologen Gebeine und vieles mehr aus früheren Epochen ins Depot im Untergeschoss des Friedberger Landratsamts. Und dann ist das Ehepaar Grabsch gefragt.

          Wolfram Ahlers

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Eigens für solche Tätigkeiten aus ihrem Heimatort Limeshain gekommen, holen sie die oft in kleinen Blöcken gesicherten Fundstücke mit Spachtel, Pinsel und Bürste aus der Erde heraus, säubern sie, machen Fotos, manchmal fertigt Ernst Grabsch auch Zeichnungen an. Damit nicht genug, folgt eine Menge weiterer Arbeit, die Zeit kostet und Sorgfalt verlangt. Jedes Stück muss mit feinem Tuschpinsel nach Ort und Jahreszahl des Fundes beschriftet werden, dann sind noch entsprechende Einträge in den Inventarbüchern zu machen, bevor die Relikte aus der vielfältigen Wetterauer Siedlungsgeschichte in Kartons und Kisten verpackt werden. Sie bleiben der Nachwelt erhalten und können für wissenschaftliche Arbeiten herangezogen oder dann und wann für Ausstellungen hervorgeholt werden.

          Den Zeugnissen der Vorfahren gewidmet

          Wie viele Tage oder gar Stunden das Ehepaar Grabsch sich der Aufarbeitung archäologischer Funde mittlerweile gewidmet hat, das vermögen beide nicht zu sagen. Sie führen darüber auch nicht Buch, sie sind vielmehr „immer wieder fasziniert, etwas in den Händen zu halten, was Menschen uns vor so langer Zeit hinterlassen haben“, wie sie sagen. Und so widmen sie ihr Leben als Rentner vor allem den Zeugnissen unserer Vorfahren. Seit rund zweieinhalb Jahrzehnten schon, und das mit ungebrochener Motivation. Womit sie sich große Verdienste für die Wetterauer Archäologie erworben haben, wie Kreisarchäologe Jörg Lindenthal sagt. Das sieht auch die Landesregierung so. Denn sie zeichnete den Vierundachtzigjährigen und seine zwei Jahre jüngere Partnerin mit dem Hessischen Denkmalschutzpreis in der Kategorie Ehrenamt aus.

          Lindenthal bezeichnet das Ehepaar Grabsch als Glücksfall für die Wetterauer Archäologie, denn ein solch verlässliches Engagement über so lange Zeit sei selten. Und über die Jahre hätten die beiden so viel Erfahrung gesammelt, dass sich ihre Arbeit durchaus als professionell bezeichnen lasse. Zumal sie auch in Zusammenarbeit mit Restauratoren manches wieder fachgerecht zusammensetzen. „Vieles von dem, was wir aus der Boden holen, ließe sich ohne Ehrenamtliche wie das Ehepaar Grabsch gar nicht aufarbeiten“, sagt Lindenthal, der eine Truppe von rund einem Dutzend freiwilliger Helfer um sich weiß, welche die Archäologen von Land und Kreis unterstützen, sei es mit Feldbegehungen, Fundmeldungen und unterstützend bei Grabungen. Das Ehepaar Grabsch konzentriert sich auf die Nacharbeiten, wenn andere Freiwillige die vermeintlich spannenderen Grabungen wieder verlassen haben.

          Der Funke sprang über

          Der erste Kontakt zur Kreisarchäologie kam Mitte der neunziger Jahre zustande. Ernst Grabsch war, wie er sich erinnert, fasziniert von der Rekonstruktion eines Stücks der ehemaligen römischen Grenzbefestigungsanlage in Limeshain. Der Funke sprang über, und als dann sozusagen vor seiner Haustür auch noch ein stattlicher Wachtturm rekonstruiert wurde, war Ernst Grabsch „ganz bei der Sache“. Der gelernte Werkzeugmacher eignete sich nicht nur Wissen über die Geschichte des Limes an, er legte auch Hand bei den Bauarbeiten an, die mit Techniken und Materialien der einstigen Besatzer vorgenommen wurden. Er entwarf sogar eigens einen Zollstock mit den damals gültigen römischen Maßen. Bis heute engagiert er sich in Limeshain für die Bewahrung des römischen Erbes, entwirft Schilder mit entsprechenden Motiven am Limespfad, hält Vorträge und organisiert Exkursionen zum einstigen Grenzwall.

          Mit all dem steckte Ernst Grabsch alsbald auch seine Frau an. Gemeinsam bearbeiteten und bearbeiten sie kaum zu zählende Funde aus einer der ältesten deutschen Kulturlandschaften. Seien es jahrtausendealte Scherben aus der Bandkeramik, Urnengefäße aus der Bronzezeit, Töpferöfen aus der Keltenzeit, Reste von Bauwerken, Waffen und Hausrat aus der Epoche der Römer oder Schmuck von den Merowingern. Die wohl ergiebigsten Funde stammen von Grabungen an zwei römischen Landsitzen, die im Norden der Wetterau zutage gefördert wurden und neue Erkenntnisse über die einst hinter dem Limes von den Römern angelegten Gutshöfe erbrachten. Gleiches gilt für die frühgeschichtliche Saline in Bad Nauheim.

          Dort waren Archäologen in den Niederungen der Usa auf die Relikte einer keltischen Salzgewinnungsanlage gestoßen, von der sich herausstellte, dass es sich um eine der größten antiken Produktionsstätten dieser Art gehandelt haben muss, mit einem ganzen System von Leitungen, Becken und Siedeöfen. Über Jahre, sagt Ernst Grabsch, seien sie mit Hunderten Fundstücken aus diesen Grabungen beschäftigt gewesen.

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