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Chef der Hessen-SPD : Salamitaktik im Wahlkampf

„Manchmal packe ich selbst mit an“, sagt Schäfer-Gümbel: Das Wahlplakat gilt der Wohnungsnot, die der SPD-Politiker anpacken will. Bild: dpa

Die hessische SPD verwendet ein neues Konzept: Sie stellt Einzelpersönlichkeiten aus dem Schattenkabinett vor. Doch welche Botschaft will die Partei damit verkünden?

          Nicht überall löst Thorsten Schäfer-Gümbel auf Anhieb eine solche Begeisterung aus. „Da kommt der Chef“, schallt es dem hessischen SPD-Vorsitzenden fröhlich entgegen, als er die Geschäftsstelle der Arbeiterwohlfahrt im schicken Wiesbadener Nerotal betritt. In dem herrschaftlichen Gründerzeithaus stellt er die Landtagsabgeordnete Heike Hofmann als Angehörige des sozialdemokratischen Schattenkabinetts vor.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Sie wird im Fall der Regierungsübernahme nach der Landtagswahl Justizministerin. Im Unterschied zu ihr übernimmt der Vorstandsvorsitzende der Frankfurter Sparkasse, Robert Restani, nur die Rolle eines „Beauftragten“ für den Finanzplatz. Aber auch für seine Präsentation wurde eine angemessene Plattform gefunden – in einem Hotel am Eschenheimer Turm in Frankfurt. Es erlaubt einen eindrucksvollen Blick auf das Objekt seines Tuns.

          Beide Termine sind Bestandteile eines innovativ wirkenden Werbekonzeptes. Die SPD exponiert sich außerhalb des politischen Apparates und wendet dabei eine Art Salamitaktik an. Die Persönlichkeiten, die Schäfer-Gümbel im Wahlkampf und gegebenenfalls auch in einer Regierung um sich schart, werden nicht, wie es in der Vergangenheit üblich war, gemeinsam als Schattenkabinett vorgestellt, sondern einzeln.

          Anspruch auf politische Nachfolge?

          Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit hat sich bislang auf sieben Persönlichkeiten verteilt. Bei der Vorstellung der Generalsekretärin Nancy Faeser als Innenministerin war die öffentliche Resonanz noch groß, dem zwanglosen Familientreffen bei der Arbeiterwohlfahrt wohnte nur noch ein einziger Journalist bei. Auch die Verbreitung der inhaltlichen Botschaften geht Stück für Stück außerhalb der Konferenzräume des Landtages vonstatten. Ein Gründerzentrum im Wiesbadener Stadtteil Biebrich sollte Schäfer-Gümbels Ziel symbolisieren, das „Bouffier-Biedermeier“ zu überwinden. Der Sozialdemokrat ging durch die Reihen der Journalisten und begrüßte jeden einzelnen mit Handschlag. Danach präsentierte er in freier Rede „mein Hessen von morgen“.

          Auf der Grundlage des schon im Juni beschlossenen Regierungsprogramms mit dem „Dreiklang“ von Bildung, Mobilität und Wohnen hat Schäfer-Gümbel eine persönliche „Vision“ entwickelt, die er nach dem Politikentwurf des früheren Ministerpräsidenten Georg August Zinn „Hessenplan“ nennt. Abermals erkennt man bei genauem Hinsehen die Symbolik. Mit dem Papier erhebt Schäfer-Gümbel den Anspruch auf die Nachfolge des langjährigen sozialdemokratischen Regierungschefs.

          „Manchmal packe ich selbst mit an“

          Auf 85 Seiten werden langfristige Ziele, aber auch konkrete Einzelvorhaben beschrieben. Außerdem blickt der Verfasser auf seinen Aufstieg aus einfachen Verhältnissen zurück: „Das Studium hat mir viele Türen geöffnet und Chancen ermöglicht“, heißt es etwa. „Das will ich weitergeben. Der Schlüssel ist ein Bildungssystem, das jedem die gleichen Chancen garantiert.“ Für die Vorstellung der Werbekampagne wurde das Wiesbadener Kulturforum ausgewählt.

          Die großzügigen Räumlichkeiten unter einen hohen Decke sind das ideale Ambiente zur Präsentation größerer Wahlplakate. Sie zeigen Schäfer-Gümbel an „Praxistagen“, die er zum Beispiel bei Opel, in einem Krankenhaus und auf Baustellen verbracht hat. Das Kantholz auf der Schulter passt zum Thema Wohnen. „Manchmal packe ich selbst mit an“, sagt Schäfer-Gümbel. Er lässt sich von dem Werbeprofi Frank Stauss beraten. Der 53 Jahre alte Sozialdemokrat hat für die SPD schon zahlreiche Kampagnen konzipiert. Am zurückliegenden Bundestagswahlkampf war er nicht beteiligt, dafür zählte er zu den Autoren einer Analyse, die Aufsehen erregte, weil sie mit der erfolglosen Kampagne des Kandidaten Martin Schulz scharf ins Gericht ging.

          Zu den Erfolgen des Politikberaters zählt der Wahlsieg der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Ohne die für die SPD ungünstigen Umfragen zu erwähnen, berichtet Stauss, dass die Demoskopen bei den Wahlen im Nachbarland erst am Donnerstag vor dem Urnengang im März 2016 zum ersten Mal einen knappen Vorsprung für Dreyer gemessen hätten. Am Ende lag sie deutlich vorne. Seine Kampagne sei positiv, sagt Schäfer-Gümbel. „Es geht nicht darum, die anderen schlechtzumachen.“ Dabei darf er als stellvertretender SPD-Bundesvorsitzender mit prominenter Unterstützung rechnen. Außer der Parteichefin Andrea Nahles werden sechs SPD-Bundesminister und drei Regierungschefs in Hessen auftreten.

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