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Hessisch Lichtenau : Der Hessentag hat das Städtchen wachgerüttelt

  • -Aktualisiert am

Spielt auf dem Hessentag: Jon Bon Jovi Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Viele Jahre hat Hessisch Lichtenau unter der Lage am Zonenrand gelitten. Chancen, die sich nach dem Mauerfall eröffneten, blieben ungenutzt. Mit dem Hessentag soll alles besser werden.

          5 Min.

          Mit dem Hessentag erhält die kleine Stadt mit ihren 13.700 Einwohnern im Werra-Meißner-Kreis eine große Chance. Hessisch Lichtenau hatte wegen seiner günstigen Lage seit jeher große Chancen, doch leidet es womöglich schon seit seiner Grundlegung in den Jahren 1283 bis 1289 an einem Webfehler:

          Die Impulse kamen stets von außen. Im Falle Lichtenaus war es Hessens erster Landgraf Heinrich I., der nach der Trennung seines Landes von Thüringen im Jahr 1247 Lichtenau von Beginn an als Stadt am Kreuzungspunkt zweier wichtiger Handelsstraßen anlegen ließ. Der Landesherr gab den Anstoß, und die Bewohner folgten, während andere, größere Städte in ähnlich exponierter Lage nach der Reichsfreiheit strebten oder sich später der Hanse anschlossen.

          Durch Lichtenau führt bis heute von Ost nach West die Leipziger Straße auf Kassel zu, die heutige Bundesstraße 7, während von Sooden an der Werra im Norden die Sälzerstraße nach Süden, nach Nürnberg und Frankfurt führte. Der Landgraf wollte diese geopolitisch und geoökonomisch wichtige Kreuzung und zugleich den Zugang zur jungen Landeshauptstadt Kassel gesichert wissen, wie Johann Frank berichtet. Der Pensionär leitet das Lichtenauer Stadtarchiv ehrenamtlich. Dreimal in der Woche nimmt er sich Zeit dafür. Seine Initiative ist beispielhaft. Frank und seine Frau sind keine Hessen, sie sind nach dem Krieg als Vertriebene zugezogen. Er kommt aus dem Sudetenland, sie aus Schlesien.

          Das Hessentagspaar: Martina und Jörg Kistner

          Integration von Familien

          Der Hessentag sollte in seinem Ursprung Familien wie die Franks integrieren. Heute wäre es an der Zeit, die Frage zu erörtern, wo Hessen im Vergleich der deutschen Länder ohne diese Zugezogenen stünde? Die Leineweberei, sagt Frank, soll Lichtenau vom 16. Jahrhundert an zu Wohlstand verholfen haben, aber Kriege und Brände machten die Erfolge wieder zunichte. Lichtenau lag im Braunkohlerevier. Im 19. Jahrhundert öffnete eine Zeche abseits des Ortes, und an der Leipziger Straße gab die Zigarrenfabrik den Lichtenauern Arbeit. 1879 kam die Eisenbahn. 1907 siedelte sich mit Fröhlich und Wolff eine Schwerweberei an. Mit ihr, sagt Frank, sei der Aufschwung gekommen.

          Mit dem Nationalsozialismus gerieten auch in Lichtenau die Eliten in Bedrängnis. Die Schwerweberei, bis dahin in jüdischem Besitz, wurde „arisiert“, und im Ortsteil Hirschhagen begann 1936 der Bau einer der größten Sprengstoff-Fabriken im Deutschen Reich. Die Fabrik wurde von den Alliierten zwar nicht während des Krieges zerbombt, aber bis 1945 kam es durch den Produktionsprozeß zur Kontamination des Bodens, und nach dem Krieg sprengten die Besatzer die Anlagen. Es blieb ein bis heute gespenstisch anmutender Wald voller Gesteinstrümmer und Bunkerreste.

          Nach dem Krieg fiel die Region östlich von Kassel in einen Schlaf. Es schien, als wäre mit der Kasseler Ostgrenze die Welt zu Ende. Westdeutsche und selbst die Kasseler verirrten sich kaum mehr in den Zonenrand. Die B 7 war Transitstrecke in den Comecon. Die Lastwagen, die dort rollten, waren orangefarben: „VEB Deutrans: Internationale Spedition der DDR“ lautete ihre Aufschrift. Andere kamen aus Ungarn, zahlreiche aus der Sowjetunion. Am Hohen Meißner horchten westliche Soldaten weit in den Osten. An der B 7 am Fuß des imposanten Hochplateaus gab es den vermutlich einzigen „Intershop“ des Westens: Ein findiger Geschäftsmann verstand es, mit diesem Markennamen die Lastwagenfahrer aus den sozialistischen Ländern zum Einkauf zu animieren.

          Frau Holles Heimat

          Mit dem Mauerfall lagen Hessisch Lichtenau und der Werra-Meißner-Kreis plötzlich wieder mitten in Deutschland und Europa. Doch während rundherum die Welt erwachte und sich seit der Wende die Gewerbegebiete und Neubauareale mit ungekannter Dynamik entfalteten, redeten sich die Hessen zwischen Meißner und Werra offenkundig ein, sie hätten weniger Chancen als alle anderen. Ihr Problem aber war selbstgemacht: Es lag an den Menschen selber, daß sich so wenig tat. Sie warteten, statt zu handeln. Ergebnis: Der Werra-Meißner-Kreis ist der einzige in Hessen, in dem in den kommenden Jahren ein massiver Verlust an Einwohnern zu erwarten ist. Freilich fehlt noch die A 44 von Kassel bis Eisenach, aber auf der B 7 fahren seit 1989 täglich Abertausende von Fernreisenden mit Lastwagen und Personenwagen, die es anzulocken gälte. Die alte Munitionsfabrik wäre ein ideales Gewerbegebiet. Aber erst 2008, rund 63 Jahre nach Kriegsende, soll die Sanierung endlich abgeschlossen sein.

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