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: Hessens höchste Ehrung für drei "Brückenbauer"

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Mit der höchsten Auszeichnung, die das Land Hessen zu vergeben hat, der Wilhelm-Leuschner-Medaille, sind am Montag im Schloß Biebrich die Kasseler ehrenamtliche Stadträtin Esther Haß, der frühere Frankfurter ...

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          Mit der höchsten Auszeichnung, die das Land Hessen zu vergeben hat, der Wilhelm-Leuschner-Medaille, sind am Montag im Schloß Biebrich die Kasseler ehrenamtliche Stadträtin Esther Haß, der frühere Frankfurter Kulturdezernent und ehemalige Präsident des Goethe-Instituts, Hilmar Hoffmann, und der Bundeswehroberst Werner Freers, der die multinationale Brigade in Kabul befehligte, geehrt worden.

          Kultusministerin Karin Wolff, die in Vertretung von Ministerpräsident Roland Koch, der auf dem CDU-Bundesparteitag in Leipzig unabkömmlich war, die Ehrung vornahm, würdigte Frau Haß, Hoffmann und Freers als "Brückenbauer". Sie hätten es vermocht, Verbindungen herzustellen und von ganz unterschiedlichen Ufern der Gesellschaft her Brücken über tiefe kulturelle Gräben, über soziale Abgründe und politische Differenzen hinweg zu schlagen. Die Medaille, die nach dem einstigen hessischen Ministerpräsidenten und 1944 als Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime hingerichteten SPD-Politiker Leuschner benannt ist, wird seit 38 Jahren stets am 1. Dezember, dem hessischen Verfassungstag, überreicht. Gestiftet hat sie der damalige Ministerpräsident Georg-August Zinn.

          Oberst Freers, der 2002 als Kommandeur der im nordhessischen Fritzlar stationierten 1. Luftmechanisierten Brigade mit dem Kommando der multinationalen Brigade in Afghanistan betraut wurde, attestierte die stellvertretende Ministerpräsidentin, dem Prozeß der Demokratisierung in dem von Krisen geschüttelten Land am Hindukusch außerordentliche Impulse gegeben zu haben. Freers sei es durch sein persönliches Beispiel, seinen Mut und seinen Einsatz gelungen, Verbindungen zwischen den Kulturen, aber auch zwischen Repräsentanten der rivalisierenden Gruppen im Land zu knüpfen.

          Die Pädagogin Esther Haß, die seit 1980 in Kassel lebt und wirkt, hat sich nach den Worten Wolffs unermüdlich für den Dialog zwischen Christen und Juden und den Abbau von Vorurteilen eingesetzt. Ihrem persönlichen Wirken sei es zu verdanken, daß die Jüdische Gemeinde in Kassel wieder einen Platz und eine Zukunft habe. Ohne ihre Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit wäre es, wie die Ministerin sagte, sicher nicht zum Bau der neuen Synagoge gekommen, die, im Jahr 2000 eingeweiht, inzwischen zu einem Haus der Versammlung für viele geworden sei. Die Stadt Kassel, die Frau Haß vor drei Jahren mit der Stadtmedaille ausgezeichnet hat, könne sich glücklich schätzen, daß deren gewichtige Stimme auch im Magistrat der Stadt zu vernehmen sei.

          Einen "Spezialisten im Brückenbauen" nannte die Ministerin Hilmar Hoffmann, der als einer der profiliertesten Kulturpolitiker Deutschlands gelten könne. Hoffmann stehe für eine weltoffene und neuen Ideen stets aufgeschlossene Kulturpolitik. In Frankfurt habe Hoffmann als Kulturdezernent viele spektakuläre Projekte verwirklicht. Frankfurts heutiger kultureller Reichtum gehe auch auf Hoffmann zurück, dem es gelungen sei, in der Bankenstadt ein "Kunstklima" zu schaffen und die jeweils prominentesten Repräsentanten eines Fachs an den Main zu holen.

          Wolff erinnerte auch an die "Gratwanderung", zu der Hoffmann in den achtziger Jahren als jemand, der sozialdemokratische Kulturpolitik verkörpert habe, in einem konservativ geführten Magistrat gezwungen gewesen sei. In seinen 20 Frankfurter Jahren hat Hoffmann in der Sicht Wolffs glanzvoll bewiesen, daß er über die Fähigkeit verfüge, im Interesse der Sache auch persönliche und parteipolitische Interessen zu vernachlässigen. Als 1993 die Besetzung des Präsidentenamts im Goethe-Institut anstand, sei ein besserer Kandidat dafür nicht vorstellbar gewesen. Hoffmann baue Netzwerke zwischen Deutschland und der Welt, denn er sei quasi "der" Kulturbotschafter Deutschlands. In seiner Dankesrede erinnerte Hoffmann an Leuschner, zu dem er eine gewisse geistige Verwandtschaft spüre. Nicht nur habe Leuschner die Künste geliebt und die Künstler verehrt. Er habe auch viel für sie getan. Mit einigem Recht, sagte der Erfinder der "Kultur für alle", lasse sich Leuschner deshalb als geistiger Vorläufer der Devise "Kultur für alle" in Anspruch nehmen. Hessen ist in Hoffmanns Augen ein "Kulturland par excellence", hat es aber aus falscher Bescheidenheit versäumt, wie etwa Bayern mit seinem Pfund zu wuchern. Daran möchte die von der früheren Ministerin Ruth Wagner eingesetzte hessische Kulturkommission mit neuen Ideen etwas ändern. Wagners Amtsnachfolger Udo Corts will die Kommission, deren Vorsitzender Hoffmann ist, weiterarbeiten lassen und hat die Mitglieder gefragt, ob sie dazu bereit seien. "Alle haben gern ja gesagt", gab der Vorsitzende bekannt. a.k.

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