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Hessens Gesundheitsversorgung : „Klarere Wege für die Patienten“

Nicht jede Klinik muss alles anbieten: Gerade im Ballungsraum Rhein-Main wäre laut Susanne Johna eine Schwerpunktsetzung sinnvoll. Bild: Rainer Wohlfahrt

Susanne Johna, Vorsitzende des Marburger Bundes in Hessen, plädiert unter anderem für eine Neuordnung der Notfallversorgung. Wo sonst sieht sie Änderungsbedarf?

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          Frau Johna, als Landesvorsitzende des Marburger Bundes kennen Sie die Arbeitssituation von Klinikärzten. Worüber klagen Ihre Kollegen?

          Ingrid Karb

          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im Vordergrund steht das Thema Zeit. Die Kollegen wünschen sich mehr Zeit für eine humane Patientenbetreuung, für Fortbildung, für Gespräche mit Kollegen und mehr planbare Freizeit. Das wird deswegen ein Fokus in unseren Tarifverhandlungen sein – neben, wie ich finde, einer moderaten Tarifsteigerung um fünf Prozent. Die Arbeitszeit von Ärzten muss aber erst einmal richtig erfasst werden, denn wir wissen, dass sie im Nachhinein oftmals geschönt wird.

          Wie viel darf ein Arzt maximal arbeiten?

          Der Tarifvertrag sieht bisher mit Einwilligung in eine sogenannte Opt-Out-Regelung im Durchschnitt 58 Wochenstunden vor. Die meisten Ärzte arbeiten regulär 40 Stunden in der Woche und haben dann noch Bereitschaftsdienste. Wir fordern mindestens zwei freie Wochenenden im Monat.

          Klinikärzte müssen immer mehr Patienten behandeln. Chefärzte sollen ja zum Teil vertraglich verpflichtet sein, bestimmte Fallzahlen zu erbringen.

          Früher hat es solche Verträge definitiv gegeben. Die Bundesärztekammer hat sich damit auseinandergesetzt und gemeinsam mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft eine Vereinbarung getroffen, die sich letztlich in der Gesetzgebung niedergeschlagen hat. Es ist inzwischen verboten, solche Verträge abzuschließen. Ärzte werden aber leider immer noch unter Druck gesetzt. Sie sollten jedoch nur die Risikoabwägung im Sinne des Patienten im Kopf haben und nicht die Abwägung, was das finanziell für die Abteilung oder die Klinik bedeutet. Das darf keine relevante Rolle spielen.

          Tut es aber?

          Ja, wegen der Kommerzialisierung der Medizin. Es darf nicht sein, dass die Patientenversorgung zum Vehikel fürs Geldverdienen wird.

          Sie sind gegen private Klinikkonzerne?

          Persönlich habe ich tatsächlich Probleme mit Großkonzernen, die zweistellige Renditen erwarten. Das widerspricht der solidarischen Finanzierung unseres Gesundheitssystems. Besser finde ich da gemeinnützige Klinikkonzerne, die festlegen, dass das Geld im System bleibt und reinvestiert wird. Natürlich müssen alle Krankenhäuser Gewinne erwirtschaften.

          Warum?

          Sie brauchen, wie andere Betriebe auch, fünf bis sechs Prozent Rendite für Investitionen. Auch weil die Länder ihrer Investitionskostenfinanzierung nicht nachkommen. Seit Jahren sind die Häuser unterfinanziert, was man an der technischen Ausstattung und der Gebäudesubstanz merkt. Um die Einnahmen zu erhöhen, steigern Kliniken ihre Fallzahlen. Das ist der falsche Ansatz. Die Grundidee, über einen Verdrängungswettbewerb zu gehen, hat im Gesundheitswesen nichts zu suchen. Wir sollten uns vielmehr die Frage stellen, ob in einem Ballungsgebiet wie Frankfurt, wo mehrere Krankenhäuser nahe beieinander liegen, jede Klinik alles anbieten muss. Die Häuser werden gebraucht, doch es wäre sinnvoller, wenn sich jedes Haus auf bestimmte Schwerpunkte konzentrieren würde.

          Hat das Krankenhaus in Rüdesheim, in dem Sie arbeiten, solche Schwerpunkte?

          Das ist kein Haus der Schwerpunktversorgung, sondern der Grund- und Regelversorgung, das auch an der Notfallversorgung beteiligt ist. Wenn wir eine schwere Erkrankung diagnostizieren, die hochspezialisiert behandelt werden muss, wird der Patient verlegt.

          Eine Verbesserung der Versorgung auf dem Land erhofft sich die Politik von E-Health und Telemedizin. Nutzen Sie schon derartige Angebote?

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