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Start der Impfterminvergabe : Hessen reagiert auf Chaos

Kein Durchkommen: Die Call-Center waren überlastet (Symbolbild). Bild: dpa

Überlastete Call-Center, abgestürzte Buchungscomputer – der Auftakt der Terminvergabe in Hessen verlief für viele frustrierend. Das Land lässt die Hotlines als erste Reaktion am Dienstag bis 22 Uhr offen.

          2 Min.

          Wenn es an etwas derzeit nicht mangelt, dann ist es die Impfbereitschaft der ältesten Menschen in Hessen. Etwa 400.000 Personen über 80 waren vom Land schriftlich zur Impfung gegen das Coronavirus eingeladen worden. Aber die Anmeldung am Dienstagmorgen ging gründlich daneben.

          Monika Ganster

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Call-Center unter den Nummern 116117 oder 0611-50592888 war von 8 Uhr an völlig überlastet. Stundenlang waren die Leitungen belegt. Wer durchkam, wurde erst um einige Stunden, dann auf den Nachmittag vertröstet, weil das Anmeldesystem in die Knie gegangen war. Oder wie es ein Betroffener mit Galgenhumor beschrieb: „Die 116117 anzurufen heißt, vertrauensvoll zu hoffen, man lebe lange genug, um die Warteschleife auszusitzen.“ Die Frustration der Angehörigen, die häufig die Impfanmeldung für die Hochbetagten übernehmen wollten, war groß.

          Auf der Website www.impfterminservice.de das gleiche Bild; erst Fehlermeldungen, später Vertröstungen wie diese: „Um die fehlerlose Bearbeitung sicherstellen zu können, haben wir die Anzahl der gleichzeitigen Online-Anträge begrenzt. Daher möchten wir Sie bitten, den Online-Service zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal aufzurufen.“

          Fast sieben Stunden in der Warteschleife

          Innenminister Beuth hatte am Dienstagmorgen angesichts der möglichen Anmeldungen von 400.000 Personen noch um Geduld gebeten: „Das kann natürlich kein Call-Center der Welt leisten, alle auf einmal in Empfang zu nehmen.“ Hessen habe seine Kapazitäten, basierend auf den Erfahrungen anderer Bundesländer, erhöht. Dennoch ungenügend in den Augen vieler Menschen, die sich vergeblich um einen Termin bemühten.

          Eine Darmstädterin, die ihre Eltern anmelden wollte, war fast sieben Stunden im Dauereinsatz: „Zusammen mit meinem Mann, an einem Computer, auf dem iPad, mit zwei Telefonen.“ Obwohl die Freude, am Ende erfolgreich gewesen zu sein, überwog, war immer noch viel Frustration spürbar: „Wie kann man denn mit dem Anmeldebeginn um 8 Uhr einen künstlichen Flaschenhals schaffen und sich dann wundern, wenn es nicht klappt?“ Der Informatikstudent Daniel Walter hatte für seine Großeltern einen Termin in Frankfurt erkämpft, ebenfalls über die Website. Auch er hatte es stundenlang versucht und erst am frühen Nachmittag Erfolg gehabt, als der Server wieder erreichbar war.

          Hotlines sollen bis 22 Uhr offen bleiben

          Das zuständige Innenministerium konstatierte am Dienstagnachmittag in einer Mitteilung, dass es zum Start der Anmeldungen für einen Impftermin zu der „erwarteten Überlastung der Systeme“ gekommen sei. In kürzester Zeit hätten mehrere Millionen Zugriffsversuche auf die freigeschaltete Website eine technische Störung ausgelöst. Das gesamte System musste zwischenzeitlich heruntergefahren werden. Dies hätte auch jede Buchung über die Call-Center unmöglich gemacht, erläuterte der Sprecher.

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          Von 15 Uhr an sei es wieder möglich gewesen, Termine zu buchen. Danach konnten in kurzer Zeit 4000 Termine für eine Erstimpfung registriert werden. Allerdings meldeten sich bereits gegen 16 Uhr Anrufer bei der F.A.Z., die im Anmeldeformular keine freien Termine in Darmstadt oder Frankfurt mehr angezeigt bekamen. Angesichts der anfänglichen Störungen will das Land die Hotlines am Dienstag bis 22 Uhr offen lassen.

          Engpässe auch beim Impfstoff

          Es könne auch in den nächsten Tagen zu Störungen kommen, weil das Interesse an der Terminvergabe so hoch sei, kündigte der Sprecher an. „Wir arbeiten mit allergrößter Intensität an der technischen Stabilität der Anmeldeverfahren.“

          Nicht nur das Call-Center oder das Buchungssystem, auch die Menge des vorhandenen Impfstoffs stellt einen Engpass dar. Am 19. Januar beginnen landesweit die Impfungen in sechs Zentren, in Frankfurt, Fulda, Gießen, Wiesbaden, Darmstadt und Kassel. Für die ersten drei Wochen können jedoch bisher nach Auskunft von Innenminister Beuth nur 60.000 Termine vergeben werden – so viel Impfstoff der Firmen Biontech und Moderna sei garantiert vorhanden.

          Mit weiteren Impfstoff-Lieferungen würden nach und nach auch eine größere Anzahl an Impfterminen zur Verfügung gestellt werden können, heißt es aus dem Innenministerium.

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