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Hessen : Mission in den Tod

Ein amerikanischer Soldat nimmt Abschied von einem im Irak gefallenen Kameraden Bild: AP

Nachdenklich, aber entschlossen. So saß Captain Travis Patriquin vor einem Jahr im Casino der Ray Barracks in Friedberg, kurz vor dem Einsatz im Irak. Ende Februar kommt seine Brigade zurück. Patriquin, Vater dreier Kinder, wird nicht dabei sein.

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          Nachdenklich, aber entschlossen. So saß er vor einem Jahr im Casino der Ray Barracks in Friedberg. Nur wenige Stunden vor seinem Flug sprach Captain Travis Patriquin über seinen Einsatz. Zusammen mit 3500 Kameraden der 1. Brigade der „First Armored Division“ sollte er sich am nächsten Tag auf den Weg in den Irak machen. Der damals Einunddreißigjährige wusste, was auf ihn zukommt. Hoch dekoriert aus Afghanistan zurückgekommen machte er sich keine Illusionen über die Gefahr. Von Angst wollte er nicht sprechen, eher von Respekt - und davon, dass Logan, damals fünf Monate alt und das jüngste seiner drei Kinder, bei seiner Rückkehr schon laufen und wohl auch ein paar Worte sprechen können werde.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ende Februar kommen die Soldaten der 1. Brigade zurück nach Friedberg. Captain Patriquin wird nicht dabei sein. Er ist am 6. Dezember in Ramadi gefallen. IED, lautet die Abkürzung, die für seinen Tod steht: „Improvised Explosive Device“. So bezeichnen die amerikanischen Truppen die zahllosen selbstgebauten Sprengladungen, die täglich Soldaten das Leben kosten. Am Straßenrand abgelegt, mit einem Handy oder einem anderen Sender ferngezündet, reißen sie vor allem die als Humvees bekannten Patroullienfahrzeuge der Amerikaner in Stücke. Captain Patriquin, sein Fahrer Specialist Vincent Pomante und Major Megan McClung waren sofort tot, heißt es.

          3065 Tote seit Beginn des Krieges

          Obwohl die Amerikaner inzwischen jeden Tag neue Opfer zu beklagen haben - 3065 sind es seit Beginn des Krieges, allein in diesem Monat 64 - hat der Tod der drei Soldaten am Nikolaustag vergangenen Jahres in den Vereinigten Staaten besondere öffentliche Aufmerksamkeit gefunden. Zum einen weil mit Major McClung die bisher höchstrangige Frau im Irak getötet wurde. Zum anderen, weil Captain Patriquin bei der Truppe Spuren hinterlassen hat, die weit über sein Einsatzgebiet in der umkämpften Al-Anbar-Provinz mit Städten wie Ramadi und Hit hinausgehen. Weil er neben anderen Sprachen auch fließend Arabisch sprach, sollte er die zivilen Kontakte und Projekte seiner Einheit koordinieren: Polizisten-Ausbildung, Straßen- und Brückenbau, Gebäude-Instandsetzung.

          Dabei hat er enge Kontakte zu den lokalen Würdenträgern aufgebaut, sich als Zeichen der Vertrauensbildung einen Schnurrbart wachsen lassen und die in Ramadi ansässigen Scheichs dazu gebracht, die Amerikaner zu unterstützen und ihre Männer in den irakischen Polizeidienst zu integrieren. Eine kurze Power-Point-Präsentation Patriquins mit dem Titel „How to win in Al-Anbar“ hat inzwischen für große Aufmerksamkeit in der Truppe und in Washington gesorgt. Newt Gingrich, früherer Sprecher des Repräsentantenhauses, hat sie im Fernsehsender NBC als Beispiel genannt, wie die Amerikaner im Irak zum Erfolg kommen könnten. Und er hat Präsident George Bush empfohlen, die Ideen des gefallenen Captains zu beherzigen.

          Kleine Zeremonie zum Abschied

          In Friedberg haben Kameraden und Freunde vergangene Woche mit einer kleinen Zeremonie Abschied von Captain Patriquin und Specialist Pomante genommen. Amy Patriquin war ebenfalls anwesend. Frauen wie ihr beizustehen und zu helfen, sei seine höchste Priorität, sagt Lieutenant-Colonel Carson MayO. Er ist als „Rear Detachment Commander“ dafür zuständig, dass die zurückgebliebenen Familien der Division Unterstützung bekommen. Besonders wichtig seien Informationen, meint der 42 Jahre alte Oberstleutnant. Denn die Ungewissheit sei das Schlimmste für die Ehepartner und Kinder der Soldaten.

          Für Informationen zu sorgen erfordert viel Fingerspitzengefühl, wenn die Soldaten im Einsatz und mitunter tagelang von der üblichen Kommunikation abgeschnitten sind. Noch mehr aber in Situationen, wie sie Amy Patriquin Anfang Dezember erlebte, als sie - mitten in den Planungen für den Weihnachtsbesuch bei ihren Eltern im heimatlichen Shreveport, Louisiana - vom Tod ihres Mannes erfuhr. „Wir versuchen, so viel wie möglich zu sagen, ohne irgendwelche geheimen Einsatzdetails preiszugeben“, versichert MayO: Die Familienangehörigen sollten schließlich nicht aus dem Fernsehen oder aus der Zeitung erfahren, wie es um die Soldaten bestellt sei.

          Immer wieder extrem gefährliche Einsätze

          Darum standen vor der Friedberger Wohnungstür von Salina Jimenez am Morgen des 28. August ein Kaplan und ein Begleiter. Ohne Vorwarnung. „Es war der schlimmste Moment meines Lebens“, sagt die Sechsundzwanzigjährige, deren Mann, Sergeant David Jimenez-Almazan, einen Tag zuvor in der Nähe der Stadt Hit ähnlich wie Captain Patriquin in seinem Humvee einer Bombenexplosion zum Opfer gefallen war. „Die Leute von der Division haben sich gut um den Papierkram gekümmert“, erinnert sie sich. Sonst habe sie sich aber furchtbar alleingelassen gefühlt. „Sie haben mir so gut wie keine Informationen über die Umstände von Davids Tod gegeben.“ Erst Wochen und Dutzende von Telefonaten später habe sie die ganze Wahrheit erfahren. Viele Frauen, die ihre Männer im Einsatz verlören, hätten dazu aber gar keine Kraft oder fügten sich in ihr Schicksal - getreu dem Motto: Eine Frau, die einen Soldaten heiratet, weiß schließlich, worauf sie sich einlässt.

          Diesen Satz hat vor einem Jahr auch Amy Patriquin gesagt. Sie hat ihren Mann beim Militär kennengelernt und ihn in den vergangenen 14 Jahren immer wieder zu extrem gefährlichen Einsätzen verabschiedet. Darum mochte sie vor seinem Abflug in den Irak auch nicht von Angst sprechen. „Er macht einen wichtigen Job, und ich bin stolz darauf“, sagte die damals Neunundzwanzigjährige. Und dass sie ihn bei aller Routiniertheit natürlich vermissen werde. Genau wie die Kinder: Emily, Harmon und der kleine Logan - der inzwischen laufen und sogar ein paar Worte sprechen kann.

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