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Hessen : Giftiges Erbe der Nazizeit bis heute in der Erde

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Unter den Nationalsozialisten zählten Stadtallendorf und Hessisch-Lichtenau zu den größten Rüstungsstandorten Europas. Zwangsarbeiter mußten in den Fabriken in Mittel- und Nordhessen Sprengstoff in Bomben füllen - ohne jegliche Schutzkleidung.

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          Unter den Nationalsozialisten zählten Stadtallendorf und Hessisch-Lichtenau zu den größten Rüstungsstandorten Europas. Zwangsarbeiter mußten in den Fabriken in Mittel- und Nordhessen Sprengstoff in Bomben füllen - ohne jegliche Schutzkleidung. Die Arbeiter hatten rote Haare und gelbliche Hände und Arme von dem Sprengstoff. Jahrelang lebte die örtliche Bevölkerung nach dem Krieg dennoch relativ unbesorgt auf den von den Sprengstoffrückständen verseuchten Geländen. Heute nun wird die Sanierung einer großen Giftstoffhalde in Stadtallendorf offiziell beendet. Die millionenteure Beseitigung von Altlasten an beiden Standorten wird aber noch Jahre weitergehen. Bisher hat das Land dafür schon 233 Millionen Euro ausgegeben.

          "Man hat sich zunächst keine großen Gedanken gemacht", berichtet Manfred Heide vom Planungsamt der Stadt Hessisch-Lichtenau. Da die Anwohner nach dem Krieg nicht um ihre Gesundheit fürchteten, wurden auf dem Gelände der Sprengstoffabrik Betriebe und Wohnungen eingerichtet. Sorgen machte man sich in Hessisch- Lichtenau erst, als Anfang der siebziger Jahre Trinkwasserbrunnen wegen hoher Schadstoffbelastung geschlossen werden mußten.

          In Stadtallendorf war schon in den fünfziger Jahren ein Giftberg in der Nähe des Wasserwerks mit Folie abgedeckt worden. Er wurde wegen des Sprengstoffs Trinitrotoluol (TNT) als Trihalde bezeichnet. Das Wasser wird seither mit Aktivkohlefiltern gereinigt und streng überwacht.

          Auftakt zur Sanierung der 240 Meter langen, 50 Meter breiten und bis zu sieben Meter hohen Stadtallendorfer Trihalde war im Januar 2003 gewesen: Aus Sicherheitsgründen wurde über der Halde eine luftdichte Halle errichtet, in der ständig Unterdruck herrscht, damit keine Schadstoffe in die Umwelt gelangen. Das Material, das wegen der darin vorhandenen Giftstoffe nach Marzipan riecht, wurde in gasdichte Container geladen und zur Verbrennung ins sächsische Deutzen bei Leipzig gefahren.

          Schon seit 1997 hat das Land auch Wohngebiete auf der ehemaligen Rüstungsfabrik saniert. Rund 100 Grundstücke stuften Experten als so verseucht ein, daß der Boden rund um die Häuser bis in sieben Meter Tiefe ausgetauscht werden mußte. Sogar Säcke mit Sprengstoff, noch in Originalverpackung, fanden Arbeiter in der Erde.

          Seit Jahren wurde Anwohnern empfohlen, auf selbstgezogenes Obst und Gemüse zu verzichten. Um auf Probleme und Ängste der Anwohner einzugehen, wurde 1994 ein Bürgerbeteiligungsbüro in Stadtallendorf eingerichtet. Im Vorfeld der Sanierung der Trihalde, sagt Jochen Blecher vom Beteiligungsbüro, habe es viele Fragen und Beschwerden gegeben. Die Zeit, in der die hochgiftigen Klärschlämme abgetragen wurden, sei dagegen "wegen der intensiven Vorarbeit beschwerdefrei" verlaufen. Der Abschluß der Arbeiten an der Trihalde sei ein "Meilenstein", sagt Blecher. "Für die Stadt ist es ein Glücksfall, daß saniert worden ist." Seitdem das Gelände der früheren Sprengstoffabriken entgiftet wird, entstehen nach Blechers Beobachtung auch wieder mehr Neubauten: "Die Stadt lebt auf."

          Für Hessisch-Lichtenau brachten zwei Kasseler Studenten den Stein ins Rollen, als sie ihre Studienarbeit Anfang der achtziger Jahre dem Rüstungsstandort widmeten. "Als Toxikologen anrückten und Befragungen und Blutuntersuchungen gemacht wurden, wurde die Bevölkerung in Hessisch-Lichtenau aufmerksam", berichtet Projektleiter Jens Müller von der Hessischen Industriemüll GmbH, dem Sanierungsträger. Nach langem Hin und Her über Ausmaß und Gefahr der Verseuchung begann 1995 die Sanierung eines Teilbereichs, die flächendeckende Sanierung startete im Jahr 2000 und soll im Jahr 2008 beendet sein.

          Sowohl in Stadtallendorf als auch in Hessisch-Lichtenau siedelten sich auf dem Gelände der ehemaligen Rüstungsfabriken schon bald nach dem Krieg Menschen und Firmen an. "Es läßt sich nicht klar sagen, ob es Gesundheitsschäden gegeben hat", sagt Projektleiter Müller. Die Blutuntersuchungen hätten zu keinem einheitlichen Ergebnis geführt. Bei Krebserkrankungen etwa sei ein eindeutiger Rückschluß auf die Ursache schwer. "Konkrete Erkrankungen, die auf die Standortverunreinigung zurückzuführen wären, haben sich nicht erwiesen." Michael Evers/

          Julia Ranniko (dpa)

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