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Landflucht : Wie vernachlässigte Regionen in Hessen um Teilhabe kämpfen

Mehr als nur Kühe und Weide: Bündnis für ländliche Regionen in Hessen. (Symbolbild) Bild: Frank Röth

Während es in den Großstädten an Wohnungen mangelt, veröden Dörfer im ländlichen Raum. Ein Aktionsbündnis von 22 Verbänden und Organisationen möchte das ändern.

          Philipp Victor Russell hat genug Sonntagsreden über nötige Hilfen für den ländlichen Raum in Hessen gehört. Der Grundbesitzer vom Gut Hohenborn wohnt in Nordhessen; er kennt Leute, die sich von der Landespolitik nicht mehr wahrgenommen und abgehängt fühlen. Während es in Städten wie Frankfurt an Wohnungen mangele, verödeten Dörfer im Werra-Meißner-Kreis, in der Wetterau und im Vogelsberg. Vielerorts gebe es weder Handyempfang noch ein halbwegs schnelles Internet, wie es Firmen benötigten. Die Wirtschaftskraft leide, es fehlten Ärzte und Läden mit Waren für den täglichen Bedarf. So mancher auf dem Land sei daher „aus Verzweiflung“ für die AfD empfänglich, mahnt Russell.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Vertreter der Familienbetriebe Land und Forst Hessen will es aber nicht beim Klagen belassen. Sein Verband bildet fortan gemeinsam mit 21 anderen hessischen Organisationen ein beispielloses Aktionsbündnis. Unter Führung von Russells Familienbetrieben, des hessischen Waldbesitzerverbands und des Bauernverbands in Friedrichsdorf wollen Landfrauen und Landjugend, Imker und Jäger, Fischer und Kelterer sowie Winzer und Vertreter der Holzwirtschaft rechtzeitig vor der Landtagswahl mit klaren Forderungen die Politik auf Trab bringen. Hinter ihnen stehen viele hunderttausend Mitglieder.

          Tiefgreifender Wandel

          „Was uns vereint, ist, dass unsere Mitglieder in den ländlichen Räumen Hessens leben und arbeiten“, sagte Bauernpräsident Karsten Schmal gestern aus Anlass der Vorstellung des Bündnisses in Bad Homburg. Diese Gebiete unterlägen einem tiefgreifenden Wandel, weil viele junge Menschen in Städte abwanderten. „Ein ,Weiter so‘ darf es aus unserer Sicht nicht geben“, hob Schmal hervor.

          Geht es nach Mitgliedern des Aktionsbündnisses, sieht das Gegenteil eines „Weiter so“ wie folgt aus: Zur Vergabe der neuen G5-Mobilfunklizenzen sollte der Bund die Auflage machen, nicht nur wie bisher vorgesehen 96 Prozent der Fläche abzudecken, sondern 100 Prozent, wie Tobias Canisius von den Familienbetrieben Land und Forst fordert.

          Wie die Stadt vom Land profitiert

          Auch müsse der ländliche Raum steuerlich bessergestellt werden, meint Manfred Ritz. Der Chef des hessischen Imkerverbands verwies auf die frühere Zonenrandförderung als Beispiel. Vielfach behindere der Denkmalschutz den altengerechten Umbau von Häusern auf dem Land, beklagte die Vorsitzende des Landfrauen, Hildegard Schuster. Das müsse sich ändern.

          Einen neuen Hessenplan fordert der geschäftsführende Direktor des Städte- und Gemeindebunds, Karl-Christian Schelzke. Dieser Plan müsse wie einst das Vorbild aus dem Jahr 1965 darauf abzielen, den ländlichen Raum zu ertüchtigen – um die Städte zu entlasten. Entscheidend sei dafür die Digitalisierung. Städte seien nur lebensfähig durch die Leistungen aus dem ländlichen Raum, der etwa Frischwasser abgebe und Müll abnehme. Das Land müsse diese Leistungen würdigen, indem es den kommunalen Finanzausgleich zugunsten der Dörfer und kleinen Städte ändere, sagte Siegfried Bauer von der Akademie der Forschung und Planung im ländlichen Raum.

          Christoph von Eisenhart Rothe von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald kritisierte, für den beiderseits der A 5 geplanten neuen Frankfurter Stadtteil würden beste Böden versiegelt. Statt Leute in die Städte zu ziehen, sollte das Land Hessen mit einem Konjunkturprogramm Mittelständler auf dem Land unterstützen.

          Wie Bauernpräsident Schmal erläuterte, leben auf vier Fünfteln der Fläche in Hessen mehr als 2,5 Millionen Menschen. „Sie erwarten von der Politik eine gleichberechtigte Teilhabe an der allgemeinen Wohlstandsentwicklung.“ Dazu gehörten etwa eine ausreichende Kinderbetreuung, Bus- und Bahnverbindungen, Landärzte und andere Angebote moderner Daseinsvorsorge. Digitale Infrastruktur sei ein entscheidender Faktor im Wettbewerb um Firmen und Menschen.

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