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Hessen : Bayern schrumpft, Hessen wächst

Riskantes Pflaster: Die gefürchtete „Hessenkurve” bei Mömbris
          3 Min.

          Der Fußballverein Viktoria Brücken 1930 e.V. hat zwar am Ortsausgang von Mömbris im Landkreis Aschaffenburg ein eigenes Sportgelände. Aber richtige „Heimspiele“ kann er dort nicht austragen: Wenn die Mannen sich in ihren Kabinen umziehen, befinden sie sich noch auf bayerischem Boden. Doch das Spiel selbst findet auf fremdem, nämlich hessischem Gebiet statt. Zwischen dem Klubheim und dem Rasenplatz verläuft die Landesgrenze.

          Ewald Hetrodt
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Während sie die Fußballfans nicht sonderlich stört, beschäftigt sie Arno-Josef Dirker seit Jahren übermäßig. Der Produzent der weithin gerühmten edlen Tropfen würde seine Schnapsbrennerei gern von einem Teil seines Grundstücks auf einen anderen verlagern und modernisieren. Aber hier tut sich eine föderale No-go-Area auf. Die Landesgrenze auf dem eigenen Grund wird zur rechtlichen Hürde, und aus dem in Österreich zum „Schnapsbrenner des Jahres“ gekürten Geschäftsmann ist über die Jahre ein Experte für Brenn- und Zollrechte geworden.

          Hessen wächst um 1,8 Hektar

          Für den höchst eigenwilligen Verlauf der Trennlinie zwischen dem Kreis Aschaffenburg und dem Main-Kinzig-Kreis machen die Historiker letztlich König Dagobert I. verantwortlich. Seine Neuordnung der Grenzen im 7. Jahrhundert nach Christus - quasi die erste moderne Flurbereinigung - bedeutet heute eine Enklave, die aus dem Hessenland wie eine Nase in den Freistaat hineinragt - und dort mächtig stört.

          Doch in einer mühevollen Kraftanstrengung haben Politiker vom einfachen Gemeinderat bis zum bayerischen Ministerpräsidenten, Verwaltungsbeamte sowie Eigentümer von Grund und Boden die Nase nach mehr als einem halben Jahrhundert nun endlich platt gedrückt. Der Landtag des Freistaats hat einer Flurbereinigung zugestimmt, wie es sie nach den Angaben der Direktion für Ländliche Entwicklung in Würzburg in den letzten fünfzehn Jahren nur noch ein weiteres Mal gegeben hat. Die hessische Enklave, die 8,9 Hektar umfaßt, kommt zur bayerischen Marktgemeinde Mömbris, die dafür an anderer Stelle 10,7 Hektar an die Gemeinde Freigericht abtritt. Erst das rechnerische Ergebnis dieser seltenen Transaktion zeigt deren eigentliche historische Bedeutung: Hessen wächst um 1,8 Hektar, das entspricht ungefähr der Fläche von drei Fußballfeldern. Die Kehrseite der Medaille ist wohl noch dramatischer: Bayern schrumpft.

          Das sei schon in Ordnung, heißt es in Würzburg. Man gebe Wald ab und bekomme dafür eine etwas kleinere Fläche, die aber ein bißchen wertvoller sei, weil sie teilweise landwirtschaftlich genutzt werde und bebaut sei. Die Vielzahl von beteiligten Parteien und die Bedeutung des Projekts werden als Grund dafür genannt, daß das Verfahren sich über Jahrzehnte hingezogen hat. Es hätte wohl noch länger gedauert, wenn nicht jetzt geplant wäre, die Staatsstraße 2305 noch weiter in die hessische Richtung zu verlegen.

          Edmund Stoiber muß noch zustimmen

          Die stark befahrene Strecke zwischen Alzenau und Mömbris - Kenner nennen sie die „Autobahn des Kahlgrundes“ - ist zum größten Teil bayerisch. Nur ein halber Kilometer durchzieht die hessische Enklave. Ausgerechnet dieser Abschnitt besteht aus einer S-Kurve, in der schon zahlreiche Autofahrer Opfer ihrer zu hohen Geschwindigkeit geworden sind. „Hessenkurve“ heißt die berüchtigte Strecke, die schon viele Menschenleben gekostet hat. Die Regeln, die dort bislang gelten, sind sonderbar. Zwar dürfen Feuerwehr, Rettungsdienste und die Polizei hier seit 1975 im Wege der Amtshilfe frei agieren, aber die Bußgelder, die fällig werden, wenn die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h überschritten wird, sind an das Regierungspräsidium Kassel zu zahlen. „Der Verwaltungsaufwand ist enorm“, sagt Alfred Hauck von der Inspektion Alzenau. Er kann allerdings auch berichten, daß die Zahl der Unfälle in der Hessenkurve erheblich gesunken sei, nachdem man dort im Jahr 2004 den Teerbelag ausgetauscht habe. Zur Verfolgung von Verbrechen rückten bis heute die Kollegen von der Kriminalpolizei aus Hessen an.

          Der Bürgermeister von Freigericht, Manfred Franz (CDU), hat den Fall schon von seinem Amtsvorgänger übernommen. Er erinnert sich, daß die hessische Staatskanzlei ihm im Juni 2000 mitgeteilt habe, man müsse die Sache nicht allzu hoch hängen. Sie könne im Wege der Flurbereinigung gehandhabt werden, ein Staatsvertrag sei nicht erforderlich. Ein paar Jahre später hätten die bayerischen Behörden eine minimale Korrektur des einvernehmlich angestrebten neuen Grenzverlaufes angeregt.

          Die Nachricht von dem Beschluß des Bayerischen Landtages sei nun eine schöne Überraschung. Eine offizielle Mitteilung hat Franz nach eigenem Bekunden aber bislang nicht. Tatsächlich ist der Flächentausch auch noch nicht amtlich. Wie aus München verlautet, muß Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) noch eine Urkunde unterzeichnen, die anschließend der Staatskanzlei in Wiesbaden zugestellt werde. Von dort verlautet, daß der Hessische Landtag dem bilateralen Flächentausch nicht zustimmen müsse. Es genüge, wenn der Ministerpräsident Koch (CDU) sich mit den beiden zuständigen Ministern des Innen- und des Wirtschaftsressorts ins Benehmen setze und die Urkunde aus München dann ebenfalls unterzeichne. Dies könne noch vor Weihnachten geschehen.

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