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Schauspielerin Liesel Christ : Frankfurts Mamma Courage

Die Prinzipalin: Liesel Christ 1994 in dem von ihr geleiteten Frankfurter Volkstheater Bild: Anna Meuer

Niemand konnte so schön die Eingeschnappte spielen wie sie: Heute vor 100 Jahren wurde Liesel Christ an der Koselstraße im Nordend geboren.

          Zwar behagte es ihr nicht, auf „Mamma Hesselbach“ festgelegt zu werden, aber ihren Ruhm als Volksschauspielerin begründete diese Rolle nachhaltig. Gewiss standen ihr schauspielerisch noch ganz andere Register zur Verfügung, und sie sehnte sich danach, Charakterfiguren aus der gehoben-dramatischen Theaterliteratur wie Mutter Courage oder Marthe Schwerdtlein auf der Bühne Gestalt zu geben. Was sie später auch verwirklichte: Das Brecht-Stück gehörte zu den Höhepunkten im Programm des Frankfurter Volkstheaters, und Goethes „Urfaust“ bot in diversen Inszenierungen der Prinzipalin Gelegenheit, der Kupplerin ganz eigene Züge zu verleihen. Es war eine ihrer Paraderollen, und sie mischte in ihre Darstellung auch ein Gran Frivolität, wie es bei der grundanständigen Mamma Hesselbach undenkbar gewesen wäre.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass die Familienserie des Hessischen Rundfunks, die zunächst im Hörfunk mit Lia Wöhr in der weiblichen Hauptrolle gesendet und seit 1960 im Fernsehen ausgestrahlt wurde, auch heute noch viele Fans hat, verdankt sich gewiss auch den psychologisch ausgeklügelten Drehbüchern von Wolf Schmidt alias „Babba Hesselbach“. Er hatte zusammen mit Liesel Christ Kabarett gespielt und sah in seiner Kollegin die ideale Verkörperung einer Hausfrau und Mutter im hessischen Wirtschaftswunderland. Die Defizite, die eine solche Existenz mit sich gebracht hat, scheint der Autor bedacht zu haben: Niemand konnte so schön eingeschnappt sein wie Liesel Christ als Mamma Hesselbach, wenn etwa der notgedrungen in der Position des Patriarchen verharrende und stets von einer gewissen Unruhe getriebene Gatte und Kleinunternehmer die Dinge nicht in ihrem Sinn regelte. Schnell wechselte die Dame des Hauses dann in einen nervösen Erregungszustand, der sich in den unsterblichen Worten äußerte: „Kall, mei Drobbe!“

          Bodenständige Frauen mit dem Herzen am rechten Fleck

          Die stets allen Anfeindungen trotzende Rechtschaffenheit der damaligen Fernsehfamilie der Nation entsprach dem gutbürgerlichen Pflichtgefühl der Schauspielerin, für die das Theater, mit dem sie von klein auf eine tiefe Leidenschaft verband, nicht den Anhauch des Liederlichen hatte. Vielmehr war es für sie die Fortsetzung des gediegenen Alltags mit den Mitteln der darstellenden Kunst. Hier wie dort konnten die Sitten streng sein, wenn jemand über die Stränge zu schlagen drohte. Und so hielt sich Liesel Christ auch als Leiterin des Volkstheaters an Norm und Maß des Bürgerlichen, an einen unerschütterlichen Kodex des Sittsamen.

          Liesel Christ und Wolf Schmidt in „Familie Hesselbach”

          Lange schon hatte sie die Idee dazu gehabt, 1971 wurde es gegründet, bekam aber erst 1975 ein dauerhaftes Domizil im Cantate-Saal neben dem Goethehaus im Großen Hirschgraben. Das Hessisch, das dort gesprochen wurde, ist eigentlich eine Kunstsprache, ein Amalgam aus unterschiedlichen Dialekten, gerade deswegen konnten sich so viele zumindest im Süden des Bundeslandes damit identifizieren. Wie mit den Personen, die Liesel Christ häufig darstellte: bodenständige Frauen mit dem Herzen am rechten Fleck, auch wenn sie mitunter zu schrillen Tönen neigen.

          Bürger-Capitain: Volkstheater-Eröffnung 1971

          Mit „Der alte Bürger-Capitain“ von Karl Malß eröffnete 1971 das Volkstheater im damaligen Volksbildungsheim seine erste Saison, in der Folgezeit wurden viele Schwänke und Possen gespielt. Nachdem die Institution eine feste Spielstätte bekommen hatte, fanden anspruchsvollere Werke auf den Spielplan, schließlich stand es nun auch um die Finanzen besser. Mundartversionen von Molière- und Pirandello-Stücken wurden gespielt, und Wolfgang Deichsel, der den Dialekt als ein subversives Medium der Gesellschaftskritik verstand, hatte dort ein Forum.

          Das Volkstheater aber stand und fiel mit seiner Chefin, der letzten Frankfurter Volksschauspielerin. Womöglich der einzigen, die diesen Titel tatsächlich verdient. Sie stammte aus dieser Stadt. Sie war eins mit dieser Stadt. Sie konnte jederzeit damit rechnen, dass ihr einheimisches Publikum mit dem Kopf nickte, wenn sie auf der Bühne für klare Verhältnisse sorgte und hessische Sentenzen von sich gab, die aus ihrem Mund wie blanke Wahrheiten purzelten. In einer Stadt, die auch damals schon so international war wie keine andere in Deutschland, stand die 1996 gestorbene Urfrankfurterin für eine Leitkultur, in der Weltläufigkeit und Heimatverbundenheit keinen Widerspruch bildeten.

          Mit vier Jahren stand Liesel Christ in Puccinis Oper „Butterfly“ erstmals auf der Bühne, mit sechs Jahren avancierte sie in „Peterchens Mondfahrt“ zum Kinderstar. Sie absolvierte in Frankfurt eine Schauspielausbildung, Agnes Fink und Siegfried Lowitz zählten zu ihren Mitstudenten. Liesel Christ hatte Engagements in Koblenz, Heilbronn, Görlitz, Breslau. Berlin winkte. Aber es kam anders. Nach dem Krieg schlug sie sich unter widrigsten Umständen nach Frankfurt durch, wo sie schon im Dezember 1945 wieder auf reichlich demolierten Bühnenbrettern stand. Kleinkunst, Boulevard, Klassiker – sie spielte, was ihr angeboten wurde. Dann kamen die Hesselbachs.

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