https://www.faz.net/-gzg-8zz1y

Heimat Rhein-Main : Heimweh war gestern

  • -Aktualisiert am

In guter Gesellschaft: Stavros Kangarakis (Zweiter von rechts) unterhält die Stammgäste seines Lokals „Taverna Leonidas“ in Rüsselsheim. Bild: Hedwig, Victor

Ehemalige griechische Gastarbeiter haben in deutschen Städten heute weniger Grund zur Trauer als in Udo Jürgens’ bekanntem Lied vom Wein aus der Heimat.

          Es gibt die typisch griechischen Restaurants, wie sie den meisten Deutschen vertraut sind: mit weißen Statuen antiker Gottheiten, weiß-blauen Servietten, Fotos griechischer Inseln, einer kleinen Liste griechischer Vokabeln und einer komplett nichtgriechischen Kundschaft. „Bei Jianni“ ist das anders. Wer die Kneipe im Frankfurter Gallusviertel besucht, fühlt sich an das Lied „Griechischer Wein“ erinnert, in dem Udo Jürgens südländische Gastfreundschaft und Heimatverbundenheit schildert. Die „Männer mit braunen Augen und mit schwarzem Haar“ aus Jürgens’ Lied, wenngleich inzwischen ergraut, machen heute den allergrößten Teil von Jiannis Kundschaft aus. Oft treffen sie sich schon vormittags, trinken Kaffee, spielen Karten und plaudern über alte Zeiten; manch einer von ihnen belebt mit dem ersten Weinbrand Geist und Seele.

          „Früher war es hier gemischter, auch viele junge Deutsche kamen hierher“, sagt Jianni vor dem üppig bestückten Barregal, während er einen Ouzo zur Begrüßung einschenkt. „Heute sind die meisten Gäste ehemalige griechische Gastarbeiter.“ Sein kleines Lokal führt Jianni seit 24 Jahren. Weil er 1973 als Jugendlicher nach Deutschland kam, um in der Gastronomie zu arbeiten, weiß er, wie er seinen Stammgästen ein Gefühl von Heimat gibt. Zwar ist nirgends eine Jukebox zu sehen, deren Musik „fremd und südlich“ klingt – dafür aber ein großer Flachbildschirm, auf dem den ganzen Tag lang griechische Fernsehsender laufen. Bier und Ouzo lässt sich Jianni aus der Heimat liefern, samstags stellt er sich auf den Hof und grillt Souvlakispieße – bei jedem Wetter.

          Schon lange nicht mehr nur Gastarbeiter

          In diesen Tagen ist Jianni aber auch oft allein im Lokal. „Im Sommer gehen die meisten Griechen in den Garten oder fahren gleich für vier oder fünf Monate nach Griechenland“, sagt er. So wie in Jürgens’ Lied, in dem das Ersparte für ein kleines Glück in der Heimat reicht und die Rückkehrer schnell ihr Gastland vergessen, ist es aber nicht. Die meisten Griechen haben in Deutschland Familien gegründet, ihre Kinder und Enkelkinder sind hier aufgewachsen. Wie sehr sich auch die meisten Griechen der ersten Generation an das Leben in Deutschland gewöhnt haben, zeigen die Fußballvorlieben von Jiannis Gästen. „Alle hier sind fanatische Eintracht-Fans“, sagt der Wirt und zeigt auf die Wand hinter dem Tresen. Sie ist voller Eintracht-Fanartikel, nur vereinzelt lugt ein Wimpel von Jiannis Lieblingsverein Paok Saloniki hervor. Als die Gastarbeiter in großer Zahl nach Deutschland strömten, waren vor allem Arbeiterstädte beliebte Ziele.

          So verschlug es viele in die Opel-Stadt Rüsselsheim. Allein auf dem Weg vom Bahnhof zum Marktplatz gibt es fünf hellenische Lokale. Die „Taverna Leonidas“ wird von Stavros Kangarakis betrieben, einem großen Griechen mit kräftiger Statur und schulterlangem grauen Haar. Kangarakis unterhält sich gerne. Obwohl er den halben Tag dienstlich unterwegs war, hat er noch genug Zeit und Muße für ein lockeres Gespräch mit seinen Gästen. Normalerweise sind die meisten keine Griechen, wie er sagt. „Jetzt aber, in der Urlaubszeit, sind sie hier in der Mehrzahl.“ Das liege daran, dass seine griechische Kundschaft häufig noch berufstätig sei und zum Beispiel bei Opel arbeite. „Wenn sie dann ein paar Tage freihaben, sitzen sie abends öfter bei einem Bier zusammen und plaudern ein bisschen.“

          „Natürlich habe ich manchmal Heimweh“

          So machen es auch Jiannis, Christos und Stavros, drei entspannt wirkende ältere Herren, die keinen Wert auf ihren Nachnamen legen. Sie sind Stammgäste im Bistro von Kangarakis. Bei ein paar Flaschen Beck’s plaudern sie über ihr Leben und kommen dabei auch auf Themen wie Identität und Heimat zu sprechen. „Von der doppelten Staatsangehörigkeit halte ich überhaupt nichts“, sagt Jiannis, der Gesprächigste von ihnen, und fügt entschieden hinzu: „Ich bin Grieche!“ Dass er ein griechischer Patriot ist, merkt man schnell. Sein Alter rechnet der 58 Jahre alte Mann in Olympiaden vor, Griechenland beschreibt er in seiner zivilisatorischen Vorreiterrolle als Hort der Kultur und Wissenschaft. Über seine Rüsselsheimer Mitbürger denkt er aber positiv: „Ich habe 32 Jahre in Deutschland gelebt und komme gut mit den Deutschen zurecht.“

          Nur ein paar typische Charakterzüge könne er nicht verstehen, sagt Jiannis: „Sie wollen nur arbeiten und Bier trinken, das Leben genießen können sie nicht.“ Sein Kumpel Christos denkt mit einer gewissen Wehmut an Griechenland. „Natürlich habe ich manchmal Heimweh“, sagt er. Seine Familie lebe dort, weil seine Frau zu krank sei, um nach Deutschland zu kommen. Das Lied „Griechischer Wein“ kennen alle drei. Doch Jiannis winkt schnell ab: „Das war vielleicht in den sechziger und siebziger Jahren so.“ Heute könnte man ja viel öfter nach Griechenland reisen, vor allem die Pensionäre unter den früheren Gastarbeitern hätten sich meist ihr Ferienhäuschen, also das „kleine Glück“, längst gekauft. Und auch als „Fremder“ fühle sich hier kaum einer.

          HEIMAT RHEIN-MAIN

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Thomas Cook ist pleite : Was Reisende jetzt wissen müssen

          Die Insolvenz des britischen Reisekonzerns Thomas Cook verunsichert Tausende von Urlaubern. Geht mein Geld verloren? Wie sicher ist das Absicherungsversprechen? Die wichtigsten Fragen und Antworten für Reisende.
          Einer für alles: Aktuelle Samsung-Fernseher haben auch die Apple-TV-App installiert.

          Video-Streaming im Überblick : Was gibt es da zu glotzen?

          Netflix, Amazon, Sky und jetzt noch Apple: Video-Streaming ersetzt immer mehr das klassische Fernsehen. Das Angebot wird vielfältiger und der Zugang komfortabler.
          Stephan E. soll den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ermordet haben.

          Geheimpapier : Falsche Angaben im Fall Lübcke?

          Der hessische Verfassungsschutz soll im Vorfeld mehr über Lübckes mutmaßlichen Mörder gewusst haben, als zunächst zugegeben wurde. Ein Geheimpapier belastet die Behörde.
          Das Mercedes-Benz Logo auf dem Turm des Hauptbahnhofes in Stuttgart.

          Brandbrief : Daimler-Vorstand rüttelt die Belegschaft wach

          Der Daimler-Vorstand Ole Källenius will mit einem Brandbrief seine Führungskräfte wachrütteln: Daimler will kurzfristig mindestens 4,2 Milliarden Euro einsparen. Die Mitarbeiter sollen selbst Ideen dafür finden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.