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Heilbäder : Kurstädte im Überlebenskampf

Gähnende Leere: Nicht nur im Kurpark von Bad Soden-Salmünster bleiben im Corona-Jahr die Gäste aus, sondern auch in den Kliniken. Bild: Lando Hass

Sinkende Gäste- und Patientenzahlen sowie höhere Ausgaben für Hygiene bringen den hessischen Heilbädern finanzielle Verluste. Ihr Verband fordert daher staatliche Unterstützung.

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          „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagt Stefan Ziegler, Kurdirektor von Bad Soden-Salmünster. Die Einnahmeausfälle durch die Corona-Pandemie haben auch den Kurort im Main-Kinzig-Kreis schwer getroffen. Rund 100.000 Übernachtungen zählte das Gast- und Kurgewerbe bis jetzt in diesem Jahr. Im gesamten Vorjahr waren es laut Ziegler 360.000. Diese Zahl wird nun voraussichtlich um 40 Prozent unterschritten. Gerechnet wird mit einem Defizit des Kurbetriebs von rund 2,1 Millionen Euro – während die Kommune mit Steuerausfällen zu kämpfen hat.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Im nächsten Jahr könnte es noch schlimmer kommen. „Zu Jahresbeginn hatten wir bis März durchschnittliche Einnahmen, doch die Einschränkungen könnten sich im Jahr 2021 über das ganze Jahr erstrecken. Das wäre ohne Hilfe des Staates das Aus für unseren Kurbetrieb“, befürchtet Ziegler. Dabei habe man in der jüngeren Vergangenheit viel in die Infrastruktur des Kurbetriebs investiert, etwa in die selbst betriebene Therme oder den Kurpark.

          Risse in der Kasse

          Ums Überleben geht es beispielsweise auch für die orthopädische St. Marien-Klinik in der Kurstadt, in der es 185 Plätze zur Nachsorge von orthopädischen Erkrankungen gibt. Um Betten für erwartete Corona-Patienten freizuhalten, habe ihre Einrichtung Akutpatienten aufnehmen müssen, berichtet Klinikleiterin Claudia Kugler. Die Versorgung der Kranken sei kostspielig und der finanzielle Ausgleich unangemessen. Auch die strengen Hygieneanforderungen rissen ein Loch in die Kasse, ebenso der erhöhte Pflegebedarf durch das Besuchsverbot für Angehörige. Höhere Kosten für Pflege, Einhaltung der Hygienevorschriften und eine geringere Belegung stellten die Zukunft der Klinik in Frage.

          Bad Soden-Salmünster, neben Bad Orb eine von zwei Kurstädten im Main-Kinzig-Kreis, ist nur ein Beispiel für die schwierige Situation des Kurwesens in Hessen. Michael Köhler, Bürgermeister von Bad Zwesten und neu gewählter Vorsitzender des Hessischen Heilbäderverbands, sieht die 30 Heilbäder und Kurorte in ihrer Existenz gefährdet. Die Krise könnte ein Sterben der Heil- und Rehakliniken bedeuten und einen Rückgang der Kurorte, denen die Prädikate abgesprochen werden könnten. Denn ob ein anerkannter Kurort das auch bleiben darf, wird regelmäßig überprüft.

          Eine Frage des Überlebens

          Eine Voraussetzung ist das Vorkommen eines natürlichen Heilmittels. In Bad Soden-Salmünster und Bad Orb ist das die Sole. Fehlt aber die vorgeschriebene Infrastruktur und ist das medizinische Angebot nicht ausreichend, wird das Prädikat „Heilbad“ oder „Kurort“ gestrichen. Genau das droht nach Einschätzung Zieglers vielen der 30 hessischen Heilbäder, obwohl sie mit ihren Angeboten für Prävention und Rehabilitation einen unverzichtbaren und systemrelevanten Teil der Gesundheitswirtschaft darstellten. Die Pandemie sei für die Kurorte mit Prädikat zu einer Frage des Überlebens geworden, sagte Ziegler beim Treffen von Vertretern des Interessenverbands „Heilbäder und Kurorte in Hessen“ in Bad Soden-Salmünster. Auf rund 45 Prozent beziffert der Verband den Rückgang bei den Übernachtungen in diesem Jahr. Die Einnahmeverluste liegen den Angaben zufolge aktuell bei 27 Millionen Euro.

          „Wir brauchen deshalb dringend Hilfsprogramme, um die Auswirkungen der Pandemie abzumildern“, so Köhler. Rund 90 Prozent der stationären Vorsorge- und Rehabilitationskliniken befänden sich in den Heilbädern und Kurorten, die stark von den kurspezifischen Einrichtungen profitierten. Ein Wegzug der Kliniken würde einen erheblichen Verlust von Arbeitsplätzen bedeuten.

          Ein vollständiger Ausgleich

          Allein bei Thermen und Bädern würden den hessischen Kurorten bis Jahresende voraussichtlich mehr als 13 Millionen Euro an Einnahmen fehlen. Auf zirka vier Millionen beziffert Ziegler den Ausfall bei der Kurtaxe, Geld, das vor allem für Kurparks, Wanderwege und Kureinrichtungen ausgegeben werde. In der Tagungs- und Veranstaltungswirtschaft summiere sich der Verlust auf zehn Millionen Euro bis zum Jahresende.

          Der Verband fordert daher einen vollständigen Ausgleich der durch die Corona-Krise ausgelösten Mindereinnahmen bei der Kur- und bei der Tourismusabgabe sowie eine Anpassung der Zuweisungen zu den Belastungen der Heilkurorte, des sogenannten Bäderpfennigs. Dies sei vor allem für die in der Mehrzahl ländlich gelegenen Kurorte wichtig. Sie hätten kaum oder nur geringe Gewerbeeinnahmen, denn Kliniken zahlten kaum Grund- oder Gewerbesteuer. Daher erhielten die städtischen Kassen entsprechend weniger Ausgleichszahlungen für entgangene Gewerbesteuer. Aber die Kurbetriebe seien auf den Defizitausgleich der Kommunen angewiesen. Diese lebensnotwendige Zuweisung gelte aber als „freiwillige Leistung“, die bei einer Genehmigung des Kommunalhaushalts gestrichen werden könnte. Deshalb müsse dieser Posten in den Etats als Pflichtaufgabe gelten.

          Um zu überleben, benötigten die hessischen Kurbetriebe ein Sonderprogramm in Höhe von mindestens je 20 Millionen Euro über die nächsten drei Jahre. „Nur so können die Heilbäder und Kurorte zielgerichtet weiterentwickelt werden“, sagt Köhler, der zugleich versichert, dass die Kurorte nicht nur als Bittsteller verstanden sein wollen. Der Verband werde die Marke „Kur“ wieder stärker auf dem Markt plazieren. Dem mittlerweile verstaubten Begriff solle ein modernes Image verpasst werden, wobei der Trend zum Urlaub, zur Erholung im eigenen Lande und in der eigenen Heimat genutzt werden solle.

          Die Verbandsmitglieder wollen nun in einer „Markenwerkstatt“ neue Angebote entwickeln. Vom Potential der hessischen Heilbäder- und Kurorte zeigte sich auch Geschäftsführerin Almut Boller überzeugt. Nie seien sie mit ihren natürlichen Heilmitteln und Einrichtungen so wertvoll gewesen wie heute.

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