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Heidenrod im Untertaunus : Ohnmacht im Armenhaus

  • -Aktualisiert am

Die Gemeinde Heidenrod hat 19 Ortsteile und ist hoch verschuldet. Doch keiner der Ortssteile will etwas aufgeben, auch nicht Springen. Bild: Marcus Kaufhold

Sieht so idyllisch aus, aber der Schein trügt. Heidenrod im Untertaunus steht vor dem finanziellen Kollaps. Mehr sparen geht nicht, sagt der Bürgermeister, das Land muss eben helfen. Warum in einer Gemeinde mit 19 Ortsteilen sieben Kläranlagen nicht genug und die Schulden erdrückend sind.

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          Wald, Wald, Wald, so weit das Auge reicht. Eine Fahrt durch Heidenrod ist eine Reise im grünen Untertaunus. 4600 Hektar Wald gehören Heidenrod, so viel besitzen wenige andere Kommunen in Hessen. Im Mittelalter wäre die Gemeinde ungewöhnlich reich gewesen. Aber Heidenrod heute ist ungewöhnlich arm. Die Pro-Kopf-Verschuldung seiner Bürger ist eine der höchsten im Land.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Die finanzielle Misere ist erdrückend. Um sie zu erklären, muss man das Ortsbild betrachten. Heidenrod, das sind neunzehn Ortsteile mit knapp 8000 Einwohnern auf einer Fläche von 96 Quadratkilometern. Heidenrod, Teil des Rheingau-Taunus-Kreises, ist eine Gemeinde, die selbst wie ein kleiner Landkreis strukturiert ist – ein Kreis ohne Zentrum, ohne Industrie und ohne große Arbeitgeber. Die Einwohnerdichte liegt zwischen der von Costa Rica und Österreich. Nur sieben von 115 Ortsteilen im gesamten Rheingau-Taunus-Kreis haben weniger als 200 Einwohner. Alle sieben sind Teil der Gemeinde Heidenrod.

          16 Friedhöfe, 18 Dorfgemeinschaftshäuser

          Martenroth und Algenroth zum Beispiel, Geroldstein, Obermeilingen und Wisper: Das sind kleine Dörfer, die zu Heidenrod gehören. Jedes hat weniger als hundert Einwohner, und jedes Dorf mit seinen Bewohnern hat Anspruch auf öffentliche Daseinsvorsorge und Infrastruktur. Die Menschen brauchen Trinkwasser und produzieren Abwasser, sie erwarten eine funktionierende Stromversorgung und eine befahrbare Straße.

          Viele Dörfer, viele Aufgaben für die Gemeinde: Insgesamt 16 Friedhöfe mitsamt Leichenhallen wollen unterhalten, 100 Kilometer kommunaler Straßen wenigstens leidlich in Schuss gehalten werden, von den unzähligen Feld- und Waldwegen erst gar nicht zu reden. 18 große und kleine Dorfgemeinschaftshäuser bilden den Kern dörflichen Vereinslebens in den Heidenroder Ortsteilen. Vierzehn freiwillige Feuerwehren erwarten eine nicht nur rhetorische Unterstützung ihrer Arbeit und die kostspielige Unterhaltung ihrer Fahrzeuge und Feuerwehrhäuser.

          Dieses Jahr wird die achte Klärananlage gebaut

          Und weil die Topographie des hügeligen Untertaunus so ist, wie sie nun einmal ist, muss Heidenrod schon jetzt sieben Kläranlagen betreiben. Der Bau der achten steht in diesem Jahr bevor, weil das Hessische Wassergesetz und die ausführenden Behörden unerbittlich sind. Auch dann, wenn es nur um die 90 Bürger von Geroldstein geht, wo eine Handvoll Haushalte noch immer keine eigene Klärgrube am Haus hat, sondern die Abwässer direkt in die Wisper einleitet. Allen Bitten und allen Versuchen politischer Einflussnahme zum Trotz – verwiesen wird zum Beispiel darauf, dass inzwischen sogar wieder Lachse die Wisper besiedeln, der ökologische Schaden mithin vielleicht nicht groß sei – besteht das Land auf einer Investiton, die das arme Heidenrod fast zwei Millionen Euro kosten wird. Eine Tolerierung des Status quo bei der Abwasserentsorgung hat selbst ein zu Hilfe gerufener Staatssekretär nicht erreicht.

          Der Neubau der Kläranlage wird den Berg der langfristigen Verbindlichkeiten von derzeit 27 Millionen Euro weiter erhöhen. Kassenkredite in Höhe von 13 Millionen Euro müssen zur Gesamtverschuldung hinzuaddiert werden. Und jedes Jahr übersteigen die Ausgaben von rund 15 Millionen Euro die jährlichen Einnahmen um rund 3 Millionen. Das ist ein strukturelles Defizit, das aus eigener Kraft nicht geschlossen werden kann. Deshalb hängt die Gemeinde direkt am Tropf des Landes und kann die desaströse Lage mit Millionenbeträgen aus dem Landesausgleichsstock ein wenig abfedern.

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